Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Wissen Der Feind ist süß: Sieben Irrtümer über Zucker
Nachrichten Wissen Der Feind ist süß: Sieben Irrtümer über Zucker
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:43 28.12.2016
Lecker, aber voll mit Zucker: Ein Donut.
Lecker, aber voll mit Zucker: Ein Donut. Quelle: Pexels
Anzeige
Potsdam

Die größte und härteste Probe, die die Welt für Katharina Kraatz bereithielt, begegnete ihr jeden Morgen aufs Neue, nach dem Aussteigen am Hamburger Hauptbahnhof. Schon von Weitem sah sie die kleinen Stände der Bäcker. Und sie wusste, was da lag: buttrig-zuckrig glänzende Blätterteigstücke, die die Bahnhofsluft mit ihrem warmen, süßen Zimtduft erfüllten. „Das“, sagt Katharina Kraatz, „ist wirklich einer der gemeinsten Gerüche unter der Sonne.“

Katharina Kraatz hat dem Zucker abgeschworen. Quelle: privat

Wobei man da natürlich unterscheiden muss: Für die einen sind frische Franzbrötchen so ziemlich das Köstlichste, was der Kosmos der irdischen Düfte zu bieten hat. Für diejenigen allerdings, die gerade jedes Gramm Zucker von ihrem Speiseplan zu verbannen versuchen, sind Franzbrötchen eine Erfindung des Teufels höchstpersönlich.

„Ich war ein Zuckerjunkie“

Als sich die damals 33-jährige Vertriebsassistentin aus der Nähe von Hamburg 2012 für ein Leben ohne Zucker entschied, kam das für ihre Umwelt ziemlich überraschend. Bis dahin sahen die Tage von Katharina Kraatz ungefähr so aus: morgens Müsli mit Honig, dann gezuckerten Espresso mit Keksen, Milchkaffee mit Karamellsirup, nachmittags Kuchen und vor dem Schlafengehen gern noch eine Handvoll Gummibärchen. Und um die Franzbrötchen machte sie auch nicht jeden Morgen einen Bogen. „Ich war ein Zuckerjunkie“, sagt Kraatz heute.

Aber sie war eben auch immer schon äußerst ehrgeizig. Als eine Freundin dem Zucker probehalber entsagte, schloss sie sich an – und wollte sie übertreffen. Was ihr auch gelang. Während ihre Freundin noch Honig in den Tee träufelte, strich Kraatz sogar Obst, Tomaten und Möhren von der Liste des Erlaubten. „Ich wollte den Geschmack einfach auf null bringen.“

Sieben Irrtümer über Zucker

1Fruchtzucker ist gesund. Falsch. Fruktose wird – anders als Glukose, also Traubenzucker – über die Leber abgebaut – und steht im Verdacht, bei übermäßigem Genuss viele schädliche Wirkungen zu haben: Er begünstigt die Bildung von Fettlebern, verhindert den Fettabbau und macht dick. Problematisch sind vor allem die großen Mengen, die man in Limonaden zu sich nimmt, denen Fruktose als billiges Süßungsmittel zugesetzt ist. Im Obst, zusammen mit Vitaminen und Ballaststoffen, ist Fruktose hingegen unbedenklich.

2 Süßstoffe sind ein unbedenklicher Ersatz. Stimmt leider nicht. Zwar haben sie viel weniger Kalorien als Zucker, dafür aber andere Nachteile. Xylit zum Beispiel, der sogenannte Birkenzucker (da er aus Birkenholz gewonnen wird), kann in größeren Mengen jedoch Bauchschmerzen und Durchfall verursachen, ähnlich wie Sorbit, das auch natürlicherweise in manchen Obstsorten vorkommt. Stevia wiederum hat einen bitteren Nachgeschmack. „Generell sollte man mit Süßstoffen zurückhaltend sein, weil man sich sonst zu sehr an Süßes gewöhnt“, warnt Ernährungsexperte Pfeiffer.

3 Honig ist der bessere Zucker. Falsch. Honig hat zwar einige Vorteile gegenüber weißem Haushaltszucker: So enthält er zum Beispiel auch Vitamine, Spurenelemente und Enzyme. Zu 75 bis 80 Prozent besteht er jedoch aus Fruktose und Glukose, also Frucht- und Traubenzucker. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zählt ihn daher zu den freien Zuckern, deren Konsum man möglichst begrenzen sollte. „Honig hat keinen wesentlichen Vorteil gegenüber Zucker“, sagt Professor Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam.

4 Brauner Zucker ist gesünder als weißer. Brauner Zucker sieht gesünder aus als weißer. Gesundheitliche Vorteile hat er allerdings nicht. Vollrohrzucker klingt nach Vollkorn, ist aber nur ein Zwischenschritt bei der Verarbeitung von Zuckerrohr zu weißem Zucker. „Der braune Zucker kann noch minimale Spuren von Mineralstoffen enthalten“, sagt die Münchner Ernährungsmedizinerin Patricia Haberl. Diese seien jedoch kaum nachweisbar. Braun oder weiß ist letztlich nur eine Frage des Geschmacks.

5 Zucker macht zuckerkrank. Stimmt so einfach nicht. Wer Diabetes bekommt, hängt entscheidend von der Veranlagung und auch vom Bewegungsverhalten ab. Zucker macht jedoch dick – und Übergewicht ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Diabetes. Die Deutsche Diabetesgesellschaft wirft der Getränkeindustrie deshalb vor, mit der Überzuckerung von Getränken „Krankheitsfolgen wie Diabetes, Herzkreislauf- und Krebserkrankungen in Kauf zu nehmen“.

6 Reine Fruchtsäfte und Smoothies sind Obst, kein Zucker. Das sieht die Weltgesundheitsorganisation WHO anders. Sie empfiehlt höchstens 25 Gramm Zucker pro Tag – und zählt Fruchtsäfte dazu. Nach einem Glas Apfelsaft wäre die Höchstgrenze dann schon erreicht.

7 Traubenzucker macht fit. Nicht wirklich. Zwar gelangt Glukose schnell in die Zellen und stellt rasch Energie zur Verfügung. Danach fällt der Blutzuckerspiegel jedoch umso steiler wieder ab – und man kriegt umso schneller wieder Hunger und isst umso mehr.

Der Abschied vom Zucker: eine Glückserfahrung

Die Wirkung, so beschreibt sie es heute selbst, sei verblüffend gewesen. „Zuvor hatte ich eine picklige Teenagerhaut“, sagt sie. „Binnen zwei Wochen war die weg.“ Die verquollenen Augen am Morgen, die überzähligen Kilos, die häufige Müdigkeit: All das hatte sich bald erledigt. Den Abschied von den kleinen süßen Kristallen beschreibt Katharina Kraatz wie eine große Glückserfahrung.

Zucker, das war mal ein Wort mit magischem Klang. „Zucker zaubert“, versprach die Werbung früher, und man sah Frauen, „die schlank dank Zucker“ waren. Zucker war das Mittel, um Kleinkindern den faden Tee bedenkenlos schmackhaft und Erwachsene leistungsfähig für den Tag zu machen.

Suchtpotential Zucker – Suchtpotential Alkohol

Dass Zucker in Wirklichkeit nicht zu den gesunden Lebensmitteln zählt, ist keine neue Erkenntnis. Inzwischen aber hat sich das Bild des weißen Stoffs so verdüstert wie noch nie: Manche Wissenschaftler stellen den Zucker mittlerweile auf eine Stufe mit Alkohol, Abstinenzler beschreiben ihren Abschied vom Zucker wie den Ausstieg aus einer Sucht, und Politiker fordern allen Ernstes Strafsteuern, um den Zuckerkonsum zu dämpfen. Übergewicht, Diabetes, sogar Krebs: Für alles wird Zucker verantwortlich gemacht. Wie konnte es dazu kommen? Und ist Zucker wirklich so verheerend wie sein neuer Ruf?

Der vielleicht erbittertste Gegner des Zuckers: Peter Lustig. Quelle: wikipedia

Der vielleicht erbittertste Gegner des Zuckers ist ein Kinderarzt aus Kalifornien, Professor für Kinderheilkunde an der Universität von San Francisco, ein Namensvetter des Moderators der deutschen Kindersendung „Löwenzahn“, Peter Lustig. Wer hingegen dem Amerikaner Robert Lustig bei einem seiner Vorträge zusieht, hat einen Herrn mit grauem Haar, freundlichem Blick, in Anzug und mit Schlips vor sich. So hielt Lustig im Mai 2009 eine Vorlesung mit dem Titel: „Zucker: Die bittere Wahrheit“. Dass jemand sie filmte und ins Internet stellte, wusste Lustig nicht. Auf Youtube schauten sich bis heute 6,8 Millionen Menschen seinen Vortrag an. Er wurde so etwas wie ein Manifest zum Aufstand gegen den Zucker.

Das Gehirn erkennt das Übergewicht nicht

Dabei geht es dem 62-Jährigen, der selbst ein paar Pfund zu viel mit sich trägt, gar nicht so sehr um das Übergewicht, das Zucker auslöst. „Das Problem an der Fettleibigkeit sind nicht die zusätzlichen Kilos“, sagt Lustig. „Das Problem ist, dass das Gehirn das Übergewicht nicht erkennt.“ Lustigs Streit gilt insbesondere dem Fruchtzucker, der Fruktose, die vor allem Limonaden und anderen Getränken zum Süßen zugesetzt wird. Bei starkem Genuss blockiere Fructose das Sättigungshormon Leptin und bewirke so, dass man immer weiterisst. Die Menge an Fruktose jedoch, die der Körper nicht direkt verwerten kann, wird über die Leber abgebaut. Dies aber könne zu einem Leberschaden führen. Viele Kinder seien gar nicht dick, argumentiert Lustig, „haben aber vom Zucker eine Fettleber, als hätten sie jahrelang Alkohol getrunken“.

Das ist der Grund, weshalb Lustig sagt: „Zucker ist Gift.“ Und weshalb er fordert, dass „schädliche Stoffe mit einer Steuer belegt werden“.

Lustigs radikale Thesen sind nicht unumstritten. Die Zuckerindustrie, aber auch andere Wissenschaftler zweifeln sie an. Der Suchtfaktor von Zucker, argumentieren sie, sei nicht erwiesen. Zucker sei allein nicht am Übergewicht schuld.

So viele Menschen sind bundesweit übergewichtig

Andererseits gibt es bedrückende Fakten. In Deutschland sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen und bereits 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig. Ebenso steigt die Zahl der Diabeteskranken in Deutschland, von 6 Prozent im Jahr 2000 auf 9 Prozent aktuell. Und auch unser Zuckerkonsum ist erheblich zu hoch. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt inzwischen, die Zuckerzufuhr auf unter 5 Prozent der täglichen Energiemenge zu reduzieren – bei einem Erwachsenen etwa 25 Gramm. Tatsächlich jedoch essen wir knapp 90 Gramm pro Tag, im Schnitt.

Der Zuckerkonsum ist in Deutschland erheblich zu hoch: Im Schnitt essen wir knapp 90 Gramm pro Tag. Quelle: Pixabay

Wie schwer der Zuckerverzicht auf Dauer fällt, bekam Katharina Kraatz rasch zu spüren, nicht nur am Franzbrötchenstand. Zwar zog ihr Mann erstaunlich klaglos mit („Der ist noch radikaler als ich“). Widerstände gab es dennoch. Da waren die skeptischen Blicke von Kollegen und Kellnern, denen so viel Konsequenz in Sachen Zucker verdächtig scheint. Da sind die versteckten Zucker in allen möglichen Fertig- und To-go-Angeboten, an denen man unterwegs kaum vorbeikommt. Und da war die eigene Schwäche angesichts von Zimtduft oder einem herrenlosen Snickers in der Greif-zu-Schüssel im Büro.

Zucker in den Getränken gefährlich

Endgültig an ihre Grenzen stieß ihre Zuckerfrei-Strategie aber nach der Geburt ihres Sohnes. Knapp drei ist er jetzt – und sehr empfänglich dafür, wenn die Tante bei der Familienfeier mit dem Schoko-Bon wedelt. „Da spürt man wirklich die Macht von Zucker“, sagt sie.

Anne-Madeleine Bau sieht die Folgen dieser Macht jeden Tag vor sich. Die Ernährungswissenschaftlerin leitet die Adipositas-Sprechstunde an der Charité in Berlin. Zu ihr und ihren Kollegen kommen Jugendliche, die 170 Kilogramm oder noch mehr auf die Waage bringen. Ob Zucker oder doch eher fettige Nahrung verantwortlich der entscheidende Faktor ist? Da zögert Bau keine Sekunde. „Der Zucker“, sagt sie. „Vor allem der in Getränken.“

Getränke mit viel Zucker bereiten Ernährungswissenschaftlern schlaflose Nächte. Quelle: Pixabay

Baus Arbeit gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Da sind zum einen die Eltern vom Prenzlauer Berg, die zwar Akademiker sind, aber nicht wissen, dass auch im Halbliterglas Mangojoghurt aus dem Biomarkt Zucker für drei Tage steckt. Und da sind ihre übergewichtigen Hartz-IV-Patienten, die ihr erklären: „Wenn eineinhalb Liter Eistee beim Discounter billiger sind als eineinhalb Liter Wasser – warum soll ich denn dann das Wasser kaufen?“

„Ohne Hilfe von außen“, sagt Bau, „haben wir in diesem Kampf kaum eine Chance.“

Hoffen auf die Hilfe von Außen – zum Beispiel eine Steuer

Hilfe von außen, das wäre für sie zum Beispiel eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke, wie sie jetzt auch Großbritannien und Dänemark einführen – und wie sie in Deutschland eine Initiative von 16 Fachgesellschaften und Initiativen fordert, darunter der Hausärzteverband, die Diabetes-Gesellschaft und die Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung. Weitere Forderungen der Initiative: täglicher Schulsport, bessere Schulverpflegung, Verbot von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung.

Die großen Parteien wollen nicht den Eindruck erwecken, die Leute gängeln oder abkassieren zu wollen. Zwar gibt es innerhalb der Großen Koalition einige engagierte Gesundheitspolitiker, die wie etwa der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt für die Zuckersteuer sind. „Es rollt ein Diabetes-Tsunami auf uns zu“, warnt Monstadt. Auch bei Zigaretten hätten Gesetze beim Umsteuern geholfen. Doch die Befürworter der Zuckersteuer bleiben Einzelkämpfer. Sogar die Grünen zögern, sich nach ihrem Veggie-Day-Debakel noch einmal dem Verdacht auszusetzen, den Deutschen das Essen oder Trinken vermiesen zu wollen.

Katharina Kraatz hat inzwischen ihren ganz eigenen Weg des Umgangs mit der Süße gefunden. Sie hat einen Blog über ihr Projekt Zuckerfrei und zwei Kochbücher geschrieben. Es gibt auch Kuchen darin – wenn auch ohne weißen Zucker. Aber hin und wieder will sie sich auch mal ausnahmsweise die Plätzchen ihrer Mutter erlauben. Für sie geht es da auch weniger um Zucker: „Der Geschmack ist einfach ein Stück Heimat.“

Von Thorsten Fuchs

31.12.2016
28.12.2016
26.12.2016