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Wissen Ein Aufmarsch gegen die Versuchsratte
Nachrichten Wissen Ein Aufmarsch gegen die Versuchsratte
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13:57 08.08.2012
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BERLIN

. Am kommenden Samstag prallen in Berlin-Buch diese unversöhnlichen Meinungen wieder einmal aufeinander.

Das MDC will ab kommendem Jahr an seinem neuen In-vivo-Pathophysiologie-Labor (IPL) bauen. Das soll 2400 Mauskäfige mehr als die derzeit vorhandenen 17 400 haben. In den Bau sollen 24 Millionen Euro investiert werden. In den Augen des Tierschutzvereins Berlin und der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg entsteht damit die größte Tierversuchsanlage Deutschlands. Das verstoße in eklatanter Weise gegen den Koalitionsvertrag der Regierungsparteien SPD und CDU. Der verspreche nämlich, Tierversuche einzuschränken und Alternativen zu stärken. Tatsächlich sei aber mit jährlich insgesamt rund 400 000 Versuchstieren Berlin derzeit „die traurige Hauptstadt der Tierversuche“, sagt Brigitte Jenner, Sprecherin der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg. Mit der Diskrepanz zwischen Versprechungen der Politik und Ausweitung der Tierversuche müsse jetzt Schluss sein, so Jenner.

Um 13.30 Uhr wollen Tierversuchsgegner vor dem Haupteingang des Campus Berlin-Buch in der Robert-Rössle-Straße vehement für die Abschaffung aller Tierversuche demonstrieren. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, und Claudia Hämmerling, die Tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen, wollen das Wort ergreifen. Zugesagt hat auch der Berliner Pirat Thomas Strenger.

Die Proteste richteten sich nicht direkt gegen das MDC selbst, sagt Stephanie Eschen vom Tierschutzverein Berlin. „Wir protestieren anlässlich des Neubaus.“ Das Bündnis fordere, Alternativen zu Tierversuchen zu finden. Dazu zählen die Tierschützer Forschungen an Zellen und lebenden Häuten. „Unser Ziel ist es natürlich, alle Tierversuche zu ersetzen.“ Mit gutem Beispiel ginge die Akademie für Tierschutz in München voran. Die forsche an künstlichen Häuten oder an lebend gehaltenen Organen, die es bereits auf dem Markt gebe.

MDC-Sprecher Zens hält die Mahnungen zwar für verständlich, aber letztlich für illusorisch. „Wir können viele Dinge nicht anders herausfinden“, sagt Zens. „Wir machen Grundlagenforschung, wir stellen Fragen nach den Ursachen bestimmter Krankheiten.“

Die komplexen Wirkungen zum Beispiel von Bluthochdruck und den Medikamenten dagegen lasse sich nur am lebendigen Organismus erforschen. Das MDC setzt dafür genveränderte Mäuse ein. Was die Tierschützer als „Alternativen“ vorschlügen – Zellversuche, Experimente mit Haut, Computersimulationen – gehöre sowieso zum Tagesgeschäft am MDC, könne aber den Tierversuch keinesfalls ersetzen.

Dass dessen Ergebnisse angeblich nicht auf Menschen übertragen werden können, sei durch viele medizinische Studien widerlegt, sagt Zens, nicht zuletzt auch durch eine Entdeckung des Instituts. Der genetische Defekt, der dazu führen kann, dass sogar junge Sportler plötzlich wegen Herzversagen sterben, sei erstmals bei Mäusen entdeckt worden. Dieselbe Genveränderung, die Herzschäden bei Mäusen hervorrufe, bewirke auch beim Menschen die Herzrisiken.

Anders als viele Tierversuchsgegner glaubten, seien Tierversuche das Aufwändigste und Teuerste, was es experimentell gebe, betont Zens. Die meisten Tierversuche am MDC seien minimal- oder sogar nicht-invasiv. Zum Beispiel würden die Tiere nur betäubt und dann geröntgt. Bei 58 Prozent der Versuche mit Mäusen würde lediglich eine Probe vom Schwanz genommen und untersucht.

Das Institut hält Mäuse, Ratten, Zebrafische, Kaninchen, Frösche und Nacktmulle. Es führt gut 108 000 Versuche im Jahr durch. Bei einigen Schmerzversuchen wird die Haut von Mäusen mit Wirkstoffen gereizt. Für 17 Prozent der Versuche müssen die Tiere zum Beispiel für Organentnahmen getötet werden.

Tierversuchsgegnerin Brigitte Jenner überzeugen die Argumente des MDC nicht. Sie verweist auf die sogenannte Aszites-Maus. Die genveränderten Mäuse mussten schmerzhafte Wasserschwellungen im Bauch ertragen, in denen dann Antikörper für Diagnoseverfahren gezüchtet und entnommen wurden.

„Vor 25 Jahren hat man uns gesagt: Wir haben nichts anderes“, so Jenner. Heute würden die Antikörper in künstlichen Kammern gezüchtet. Jenner ist sicher, dass die Forscher auf viele weitere Verfahren stießen, wenn die Politik die Anreize setzen würde. (Von Rüdiger Braun)

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