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Wissen Migräne: Kranke hoffen auf diese Spritze
Nachrichten Wissen Migräne: Kranke hoffen auf diese Spritze
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08:00 23.06.2019
Pulsierender Kopfschmerz, Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit: Wer unter Migräne leidet, ist für jede neue Therapieoption dankbar. Quelle: iStockphoto
Kiel

Kopfschmerzen kennt fast jeder. Der Medizin sind mehr als 300 verschiedene Arten bekannt. Eine davon ist Migräne. Etwa 900 000 Menschen sind hierzulande jeden Tag von Migräneattacken betroffen. 100 000 Menschen pro Tag sind wegen der Erkrankung arbeitsunfähig und bettlägerig.

Bei Migräne pulsiert der Schmerz häufig in einer Kopfhälfte, oft kommen Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit hinzu. Ein Anfall kann von wenigen Stunden bis zu drei Tagen dauern. In etwa 10 Prozent der Fälle beginnt die Attacke mit einer sogenannten Aura. Dabei stören Lichtblitze und Farben die Sicht, es kann zu Gefühlsschwankungen und Sprachstörungen kommen.

Betroffen von Migräneattacken sind meist besonders kreative und aktive Menschen. „Migränepatienten haben eine ständige Reizbereitschaft und können daher durch innere und äußere Reize überflutet werden“, sagt Hartmut Göbel, Professor und ärztlicher Direktor der Schmerzklinik in Kiel. „Wenn Reize jedoch zu schnell, zu impulsiv, zu plötzlich oder alle auf einmal und andauernd einströmen, kann das Nervensystem überlastet werden, es entsteht ein Energiedefizit in den Nervenzellen und die Steuerung entgleist.“

Auslöser ist eine Überreizung des Hirnstamms

Auslöser für die Migräne ist eine Überreizung des Hirnstamms. Die dadurch freigesetzten Nervenbotenstoffe führen zu Entzündungen und Gefäßerweiterungen an den Hirnhautarterien und rufen den typischen pulsierenden Kopfschmerz hervor. Dagegen helfen meist nur Medikamente.

Die Stiftung Warentest hat die Studienlage der gängigen Migränemittel untersucht – 15 Wirkstoffe in rund 100 verschiedenen Präparaten. Ihr Fazit: Der Großteil aller erhältlichen Medikamente ist empfehlenswert. Bei leichten Migräneanfällen können rezeptfreie Präparate wie Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen Linderung verschaffen. „Wichtig ist: Man muss es früh in der Attacke nehmen, und man muss es ausreichend hoch dosieren, oft etwas höher als beim normalen Kopfschmerz“, sagt Bettina Sauer von der Stiftung Warentest.

Nur von Kombipräparaten halten die Warentester nichts: „Mehrere Schmerzwirkstoffe in einer Pille haben keinen therapeutischen Mehrwert, aber vielleicht vermehrte Nebenwirkungen.“ Genauso wenig empfehlenswert seien Kombinationen von Mitteln gegen Brechreiz und Schmerzen in einer Pille.

Wirkstoffe, die im Gehirn ansetzen

Bei stärkeren Attacken helfen meist Triptane. Die Arzneistoffe blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die unter anderem verantwortlich für die schmerzhaften Entzündungen an den Blutgefäßen des Gehirns sind.

Während Schmerzmittel überall im Körper wirken, setzen Triptane dort an, wo die Krankheitsvorgänge der Migräne ablaufen. Grundsätzlich sind die Mittel gut verträglich. Werden sie jedoch öfter als zehnmal pro Monat eingenommen, können sie zusätzlich Kopfschmerzen auslösen.

Chronische Migränepatienten, die mehrmals im Monat einen Anfall erleiden, setzen ihre Hoffnung darum auf die Wirkung von Migränespritzen. Seit Herbst ist der Wirkstoff Erenumab auf dem Markt erhältlich, seit diesem Frühjahr Galcanezumab. Beide Wirkstoffe setzen im Gehirn dort an, wo Migräne entsteht. Die Spritze wird einmal im Monat vorbeugend unter die Haut gespritzt.

Nebenwirkungen bei der Langzeitbehandlung sind noch nicht absehbar

Zugelassen ist das Mittel für Erwachsene mit vier und mehr Migräneattacken im Monat. Eine Anwendung kostet rund 700 Euro – und ist damit mehr als doppelt so teuer wie andere vorbeugende Medikamente. Chronische Migränepatienten können voraussichtlich mit einer Kostenübernahme ihrer Krankenkasse rechnen.

Laut Stiftung Warentest kann die verschreibungspflichtige Spritze vor allem bei häufigen, ernsten Attacken eingesetzt werden, wenn mehrere andere vorbeugende Mittel versagen. In diesem Fall sei der Nutzen der Therapie besonders hoch.

Trotzdem zeigen sich die Arzneimittelexperten zurückhaltend – etwa, weil noch nicht absehbar ist, welche Nebenwirkungen bei der Langzeitbehandlung auftreten können. Erste Studien zeigen, dass drei von zehn Patienten auf das neue Mittel ansprechen.

Der Lebensstil ist mitentscheidend

„Die Spritze ist nicht die Lösung für Migränepatienten, aber aus unserer Sicht eine neue zusätzliche Option für einige Menschen, die bisher keine Linderung erzielen konnten“, sagt Hartmut Göbel. In jedem Fall sei das neue Mittel ein Fortschritt für diejenigen, die zuvor erfolglos schon alles andere ausprobiert hätten.

„Man kann aktuell jedoch nicht voraussagen, wer anspricht, sondern muss individuell prüfen, ob das Arzneimittel hilft“, sagt er und gibt zu bedenken, dass zusätzliche Forschung nötig sei: „Bei den Studien haben bisher nur Patienten ohne Begleiterkrankungen teilgenommen.“ Grundsätzlich seien die neuen Mi­gränemittel bei diesen zwar gut verträglich. „Aber man blockiert damit ein System im Körper, das die Natur uns mitgegeben hat.“

Abgesehen von allen Medikamenten ist es für Migränepatienten wichtig, den eigenen Lebensstil zu überdenken. Wer für einen geregelten Tagesablauf mit ausreichend Ruhepausen sorgt, macht den Kopf buchstäblich frei und weniger anfällig für Schmerzattacken. Ausdauersportarten wie Schwimmen, Joggen und Radfahren, aber auch Entspannungsübungen können vorbeugend und lindernd wirken. Ein Kopfschmerztagebuch ist sinnvoll, um nachzuverfolgen, wann, wie oft und vielleicht auch warum eine Migräneattacke auftritt.

Mythen über Migräne

Wer Migräne hat, darf keinen Käse essen. Seit Jahrzehnten hält sich das Gerücht, dass Käse, Kaffee, Zitrusfrüchte oder Schokolade Attacken begünstigen können. Stattdessen jedoch ist der Heißhunger auf bestimmte Speisen bereits ein Symptom der Migräne – ähnlich wie das Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln keine Schwangerschaft auslöst, sondern lediglich ein Symptom derselben ist.

Der Verzicht auf Zucker kann Migräne heilen. Leider gilt Migräne bislang als nicht heilbar. Zwar nehmen Schwere und Anzahl der Attacken mit zunehmendem Alter ab. Eine Diät, die das fördert, ist aber nicht bekannt. Trotzdem ist es sinnvoll, sich ausgewogen zu ernähren und Vitalstoffmangel vorzubeugen: Dieser kann die Beschwerden verschlimmern.

Migräne ist Frauensache. Tatsächlich ist die angeborene Veranlagung für Migräne unter Frauen und Männern gleich verteilt. Im Alter zwischen 20 und 50 Jahren haben Frauen jedoch zwei- bis dreimal häufiger Migräne als Männer, da durch die hormonelle Situation der Frau mehr Attacken ausgelöst werden.

Von Alena Hecker

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