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Wissen Mit Baby ins Abgeordnetenhaus: Politikerin und dreifache Mutter Silke Gebel im Interview
Nachrichten Wissen Mit Baby ins Abgeordnetenhaus: Politikerin und dreifache Mutter Silke Gebel im Interview
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10:36 10.10.2019
Silke Gebel ist Franktionsvorsitzende der Grünen in Berlin. Quelle: Silke Gebel

Liebe Frau Gebel, gemeinsam mit Antje Kapek sind Sie Fraktionsvorsitzende der Grünen in Berlin. Eine Elternzeit steht Ihnen in dieser Funktion nicht zu. Wie haben Sie das nach der Geburt Ihres dritten Kindes vor einigen Monaten geregelt?

Unser drittes Kind kam in der parlamentarischen Sommerpause, dadurch konnte ich etwas durchatmen. Ich habe dann bis zu den Herbstferien keine Sitzungen wahrgenommen und bin dann wieder eingestiegen. Das Baby war dann immer dabei beziehungsweise mein Mann oder eine Babysitterin hat aufgepasst und es mir zum Stillen gebracht.

Auf Ihrer Instagram-Seite sieht man Sie oft mit Ihrem Baby auf Sitzungen, auch im Abgeordnetenhaus. Ist das für Sie und Ihr Umfeld selbstverständlich oder begegnen Ihnen auch kritische Blicke und Stimmen?

In der Regel ist das selbstverständlich. Es ist ja auch mein drittes Kind als Abgeordnete. Das Schönste, was ich erlebt habe, war, als ich im Ausschuss – ohne Kinderbetreuung – war und das Baby die ganze Zeit geweint hat und eine Mitarbeiterin von sich aus kam und gesagt hat: „Kommen Sie mal her, ich nehme Ihnen das Baby ab.“ Da habe ich dann vor Erleichterung fast geweint. Weil ich meine Punkte im Ausschuss sonst nicht hätte einbringen können.

Gab es denn auch schon mal Situationen, die anders verliefen als geplant? Dass das Baby zum Beispiel gerade während einer wichtigen Rede gespuckt oder geschrien hat?

Neulich haben wir unsere Sommerklausur geplant, und das Baby ist permanent zu den Kabeln gekrabbelt und hat versucht, daran zu knabbern und zu ziehen. Da war eine konzentrierte Sitzung mit viel Absprachebedarf nicht wirklich möglich. Die Kinderbetreuung vom Abgeordnetenhaus fing da gerade an, und ich habe die Sitzung dann für mich unterbrochen und habe ihn ins Spielzimmer gebracht.

Zum Glück habe ich mit Antje Kapek eine Co-Vorsitzende, die selbst Mutter ist und die dann die Sitzung kurz übernimmt und mich später wieder in die Diskussion reinholt. Wir sind da mittlerweile gut eingespielt.

Soweit wir wissen, gibt es auch eine Kinderbetreuung für Abgeordnete.

Ja. Zu den Pflichtsitzungen im Abgeordnetenhaus, im Plenum und zu Fraktionssitzungen, gibt es für die Abgeordneten die Möglichkeit einer Kinderbetreuung. Das ist eine große Unterstützung. Im Bundestag gibt es das nicht.

Als ich nach dem ersten Kind das erste Mal allein im Büro war, habe ich mich sehr frei gefühlt.

Silke Gebel

Hinter jeder arbeitenden Frau stehen andere Frauen, ohne die es nicht möglich wäre, heißt es – von der Haushaltshilfe über den Babysitter bis hin zum Au-pair. Trifft das bei Ihnen auch zu?

Zuallererst ist da mein Mann, der einen großen Teil der Sorgearbeit für die Kinder übernimmt und im Haushalt wahrscheinlich auch mehr macht. Dann haben wir natürlich auch Babysitterinnen, eine tolle Kita für die Großen, einen wunderbaren Freundeskreis und eine (männliche) Haushaltshilfe. Es sind halt nicht nur Frauen, sondern ein Netzwerk aus tollen Menschen – Männern wie Frauen.

Silke Gebel nimmt ihr Baby auch mit in Ausschüsse. Quelle: Silke Gebel

Tanken Sie eher Kraft, wenn sie zu Hause Zeit mit den Kindern verbringen können oder bei der Arbeit?

Beides stimmt irgendwie. Als ich nach dem ersten Kind das erste Mal allein im Büro war und niemand alle zehn Minuten an mir rumgezuppelt hat, habe ich mich sehr frei gefühlt. Als ich jetzt nach sechs Jahren Parlament hochschwanger mit dem dritten Kind auf dem Spielplatz mit den ganzen Eltern gesessen habe, war das fast das schönste an den letzten Monaten Schwangerschaft. Erdung trifft es sicherlich und Entschleunigung.

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Ihr Mann arbeitet auch viel, wie teilen sie sich die Dienste auf? Wer steht nachts auf, wer bringt die Kinder zur Schule, wer bleibt zu Hause, wenn eines krank wird?

Es ist viel Koordination, es gibt Wochenpläne, die wir absprechen, und was spontan passiert, wird dann kurz geklärt. Wir haben beide sehr abwechslungsreiche Berufe. Ich als Fraktionsvorsitzende in Regierungsbeteiligung, mein Mann als Geschäftsführer einer NGO, die gerade stark wächst.

Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert wie neulich, als die Mittlere aus der Kita abgeholt werden musste, dann gucken wir, wer gerade weg kann, und schauen dabei, dass es sich gerecht zwischen uns beiden aufteilt. Meistens darf ich zumindest ausschlafen, wenn die Nacht besonders unruhig war – denn das Baby ist durch das Stillen natürlich nachts bei mir.

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Ich werde permanent gefragt, ob ich schwanger bin.

Silke Gebel

Nun wurde nach dem Rücktritt von Andrea Nahles viel über die Rolle der Frau in der deutschen Politik diskutiert. Haben es Frauen – insbesondere Mütter – schwerer in diesem Business?

Mit Frauen wird härter ins Gericht gegangen und es wird schneller die Kompetenzfrage gestellt. Ist man durchsetzungsstark, ist man zu hart – ist man kooperativ, ist man zu durchsetzungsschwach. Auch die Äußerlichkeiten spielen superoft eine Rolle. Ich werde zum Beispiel permanent – auch im politischen Raum – gefragt, ob ich schwanger bin.

Ich finde das superübergriffig. Denn erstens ist es eine sehr private Frage und zweitens sollte die Figur einer Politikerin keine Rolle spielen. Unsere männlichen Politiker werden so etwas Persönliches nie gefragt. Bei uns in der Grünen-Partei ist es aber glaube ich vergleichsweise harmlos, wenn ich da in andere Parteien schaue, wo 10 bis 20 Prozent Frauen sind, da ist es viel härter.

Auch die Grünen haben eine Doppelspitze aus Annalena Baerbock und Robert Habeck. Der „Stern“ druckte auf seinem letzten Cover trotzdem nur Habeck und stellte die Kanzlerfrage.

Wenn ich richtig informiert bin, hat der Stern 19,2 Prozent Frauenanteil in der Redaktion. So was kommt von so was.

Haben Sie noch Tipps für Mütter, die Karriere und Kinder wollen?

Ihr wisst, was euch und eure Kinder glücklich macht. Lasst euch kein schlechtes Gewissen einreden. Und fragt nach Hilfe, wenn ihr sie braucht.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf dem Blog Stadt Land Mama.

Von Lisa Harmann/RND

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