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18:48 31.10.2019
Christian Hemschemeier ist Paartherapeut in Hamburg und Experte in Sachen Dating, Partnerschaft und Liebe. Quelle: Privat/Patan
Hannover

Ich bin selbst als Paartherapeut der Meinung: Keine Beziehung ist perfekt, und kann es auch nicht sein. In jeder Beziehung drücken wir uns auf die Dauer in bestimmte Pole. Das sind immer andere Themen und diese können leicht von Beziehung zu Beziehung wechseln. Die Pole sind vielleicht Abhängigkeit gegen Autonomie, Introversion gegen Extraversion, Geben und Nehmen, männliche gegen weibliche Energien oder Kontrolle und Fremdgehen.

Wenn jemand in einer Beziehung sehr bedürftig ist, bedrängt er den Partner, sodass dieser etwas stärker als sonst in die Autonomie geht. Andererseits löst ein zu autonomer Partner auch mehr „Ziehen“ beim anderen Partner aus. Diese Mechanismen sind letztlich nicht zu vermeiden, und offen gesagt, sie machen eine Beziehung auch interessant und spannend.

Das eigene Wesen erkennen

Im Spiegel des Partners kann ich mein eigenes Wesen erkennen und auch sehen, wo ich mich noch etwas entwickeln darf. Die Schattenseite davon ist aber, dass daraus natürlich auch Schmerz und Streit entstehen. Auch das ist im Prinzip normal, aber die Umgangsweise damit spielt doch eine wichtige Rolle dabei, wie nährend eine Beziehung für uns ist.

Wenn der Schmerz-Körper getriggert wird durch eine – vermeintliche – Verletzung, ist es, als ob man in einen anderen Zustand wechselt. Man sieht „rot“.

Der Schmerz-Körper: Herberge der schmerzenden Gefühle

Eckhart Tolle hat einen spannenden Begriff entwickelt, den des Schmerz-Körpers. Der Schmerz-Körper ist ein Bereich in uns, der alle Traumatisierungen beherbergt, sowohl aus unserer individuellen Vergangenheit als auch kollektive Schmerz-Themen aus Familie und Gesellschaft. Er hat ein ziemliches Eigenleben! Und er ist eng verknüpft mit dem Ego und dem inneren Kind.

So meldet sich dieser Schmerz-Bereich, wenn wir in ähnliche Situationen oder Gefühle wie in unserer vielleicht schwierigen Kindheit geraten. Oder er meldet sich über das Ego, was recht haben will, gewinnen will, einen Punkt machen will, irgendwas „einfordert“.

Das Kuriose an diesem Schmerz-Körper ist, dass er „gefüttert“ werden will. Er führt eine Art Eigenleben in uns, und das Futter, was er braucht, ist logischerweise – Schmerz.

Alkohol holt den Schmerz-Körper zusätzlich hervor. Praktisch alle desaströsen Streits, von denen ich in meiner Praxis gehört habe, haben unter Alkohol stattgefunden. Das hat übrigens nichts mit Alkoholsucht zu tun.

Das macht den Streit-Körper so tückisch

Jeder von uns hat jetzt einen mehr oder weniger aktiven Schmerz-Körper, das hängt auch viel von der gegenwärtigen Verfassung ab. Wenn nun dieser Schmerz-Körper getriggert wird durch eine – vermeintliche – Verletzung, ist es, als ob man in einen anderen Zustand wechselt. Man sieht „rot“, hat den überwältigenden Wunsch, verbal zurückzuhauen, und tut dies oft auch. Das wiederum triggert den anderen natürlich, und schon geht das Pingpong-Spiel weiter.

Das etwas Abstruse an der Sache ist, dass der Schmerz-Körper oft auch ohne einen Grund seinen „Tribut“ verlangt. Das geschieht, wenn aus dem Nichts Streit angezettelt wird, einfach weil man tagelang keinen Streit hatte. Menschen, bei denen dies ausgeprägt ist, gelten dann als Dramaqueens oder Dramakings, und der Partner hat das ohnmächtige Gefühl, diesen Streits nicht ausweichen zu können.

Alkohol verstärkt Streit

Was noch wichtig ist zu wissen: Alkohol holt den Schmerz-Körper zusätzlich hervor. Praktisch alle desaströsen Streits, von denen ich in meiner Praxis gehört habe, haben unter Alkohol stattgefunden. Das hat übrigens nichts mit Alkoholsucht zu tun. Wenn nun ein Paar zu mir kommt, das ein großes Problem mit nicht endenden Streits hat, empfehle ich als Erstes Verzicht auf Alkohol, um das Ganze abzumildern. Dann gilt, möglichst wenig in den Schmerz-Körper zu fallen. Das ist RICHTIG schwer! Man merkt es kaum, wenn man drin ist, es ist dann wie ein Sog.

Nicht auf Provokationen reagieren

Der Trick ist – und das muss man üben –, nicht mehr auf dieses provozierende Gefühl zu reagieren. Man hört sich die vielleicht abenteuerlichen Aussagen des Partners an und reagiert erst mal nicht. Man schläft drüber, läuft um den Block, was auch immer. Ja, du darfst und sollst reagieren, aber nicht aus diesem Affekt heraus. Damit lassen sich grundsätzlich Streit-Spiralen vermeiden. Wenn dir das gelingt, bist du einen großen Schritt vorangekommen.

Will der Partner überhaupt weniger Streit?

Wenn du es schaffst, deine „Spielfläche“ sauber zu halten, kannst du auch wirklich klar sehen, was der Partner macht. Vielleicht kommt er mit und macht sich auch seine Streit-Muster bewusst. Das wäre gut, damit baut ihr beide euren Schmerz-Körper immer weiter ein kleines bisschen ab. Vielleicht siehst du auch, dass auf der anderen Seite kein wirkliches Interesse da ist, Provokationen zu unterlassen. Auch dann hast du viel gelernt über deinen Partner, was dann aber vielleicht keine guten Nachrichten für eure Beziehung sind.

Der Autor und seine Kurse sind zu erreichen über www.liebeschip.de. Sein Buch „Der Liebescode“ ist 2019 im Handel erschienen.

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