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Wissen Therapie oder Einschläfern? Tierethiker zu Dilemma bei kranken Tieren
Nachrichten Wissen Therapie oder Einschläfern? Tierethiker zu Dilemma bei kranken Tieren
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10:21 12.09.2019
Weder auf eigenen Wunsch, noch um Mühen und Kosten zu sparen: Das frühzeitige Beenden des Lebens von kranken und alten Menschen ist für fast alle ein Tabu. Beim Einschläfern von leidenden Tieren gehen die Meinungen aber auseinander.
München/Hannover

Manche Tiere bekommen heute eine Behandlung auf ähnlichem Niveau wie bei Menschen. Das hat Folgen bis zum Tod, wie Peter Kunzmann, Professor für Ethik in der Tiermedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Interview deutlich macht.

Peter Kunzmann (53) ist der bundesweit einzige Professor für Ethik in der Tiermedizin. Der Philosoph arbeitet am Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover und leitet dort auch die Arbeitsgruppe "Ethik in der Tiermedizin". Er war entscheidend beteiligt an der Entwicklung einer Entscheidungshilfe für Tierärzte zur Euthanasie von Klein- und Heimtieren.

Peter Kunzmann ist der bundesweit einzige Professor für Ethik in der Tiermedizin. Quelle: Franz Grünewald/TIHO/dpa

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Herr Prof. Kunzmann, warum halten Menschen überhaupt Haustiere?

Kunzmann: Es gibt eine Vielfalt von Motivbündeln. Einer der wesentlichen Punkte ist, dass Tiere im Gegensatz zu Menschen keine Vorurteile haben. Tiere sind auch Mittel gegen die Einsamkeit, für viele Menschen sind sie unglaublich starke Seelentröster. Dann gibt es Menschen, die halten Tiere tatsächlich, weil sie damit Macht ausüben können über andere Wesen. Tiere widersprechen nicht. Nicht zuletzt gibt es auch viel soziale Symbolik: In einigen Milieus gehört der Hund ebenso dazu wie der Carport, sonst ist die Familie nicht vollständig.

Welche Pflichten übernehmen Menschen, die sich Haustiere anschaffen?

Kunzmann: Wie es das Tierschutzgesetz sagt: Sie müssen es bedürfnisgerecht halten. Klingt nackt, aber genau das sind die moralischen und rechtlichen Anforderungen. Jetzt kann man sich überlegen, wie viele Leute das konsequent unterlaufen.

Wie weit reicht die finanzielle Verantwortung mit Blick auf kranke Tiere? So mancher Besitzer kann das Geld für die Behandlungskosten ja nur mit Schwierigkeiten aufbringen.

Kunzmann: Wenn es eine zu große Belastung für den Tierbesitzer ist, dann sagen wir: Jetzt lassen wir das Tier gehen. Aber eine allgemeine Antwort habe ich auf die Frage nach der Grenze der Belastung auch nicht, das ist wirklich auch Bauchgefühl.

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Lassen sich Behandlungskosten von Tausenden Euro überhaupt moralisch rechtfertigen, wenn andernorts Menschen verhungern?

Kunzmann: Wenn wir es zum Prinzip erhöben, dass man mit seinem Geld zuerst menschliche Not lindern soll, würden auch viele andere menschliche Aktivitäten wegfallen. Ich bin deshalb sehr skeptisch, ob man da mit der sozialmoralischen Keule winken kann. Kritisch wird es, wenn jemand etwa die Alterssicherung der Familie ausgibt, weil er sein Pferd gerettet sehen will. Andererseits sind wir freie Menschen, und das ist ein freier Entscheid. Sozialethisch problematisch ist es, wenn dann andere Menschen drunter leiden müssen, also wenn eine Familie sich komplett verschuldet oder verarmt und die Chancen der Kinder minimiert. Dann ist eine Grenze überschritten.

Wenn Geld kein Problem ist - welche Kriterien legt man dann an bei der Frage, ob ein krankes Tier eingeschläfert werden sollte?

Kunzmann: Maßgabe sollte die Perspektive des Tieres sein. Für das Tier muss es nicht nur ein erträgliches, sondern ein zuträgliches Leben sein. Es gibt aber keine beinharten Kriterien, wie lang dies der Fall ist. Ein Tier nur in einem Zustand zu halten, dass es lebt, hat keinen Sinn, auch wenn der Patientenbesitzer das will. Und umgekehrt ist es auch kein vernünftiger Grund, die Verpflichtung der Menschen für ein Tier aufzuheben und es aus Kostengründen, Zeitersparnis, Arbeitsaufwand usw. zu euthanasieren, wenn es noch ein zuträgliches Leben haben könnte.

Wieso beenden wir beim Tier das Leben, wenn es nicht mehr zuträglich ist, beim Mensch hingegen ist Sterbehilfe bei uns tabu?

Kunzmann: Die Diskussion beim Menschen wird gesteuert durch die Prinzipien von Autonomie und Würde. Das ist etwas, was wir in Deutschland aus historischen Gründen enorm stark gewichten: Die Unantastbarkeit der fremden Person. Dass wir Tiere töten, in ihrem eigenen - und natürlich auch in unserem - Interesse, ist hingegen in unsere Moral eingebaut. Auch in unserem Recht machen wir einen ganz großen Unterschied. Menschen sortieren Tiere nach ihren Interessen, nach menschlichen Interessen.

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RND/dpa

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