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10:55 30.09.2019
Kinder von Selbstbetreuern gehen weder in die Krippe noch in den Kindergarten. Sie bleiben zu Hause bei der Mutter oder bei dem Vater. Quelle: Oksana Kuzmina - stock.adobe.com
Berlin

Das Haus, in dem Shirley, 41, und David, 46, mit ihren beiden Kindern Karlo, 6, und Rosa, 4, leben, steht am Stadtrand von Berlin und wirkt wie die Villa Kunterbunt. Zwar gibt es keine Veranda mit Pferd, aber es ist ein Ort voller bunter Wärme, ein bisschen anders als die anderen. An der Küchenwand hängen Plakate mit Zahlen und Buchstaben, im Schlafzimmer steht ein riesiges Familienbett. Und auf dem Parkett im Flur hat jemand aus bunten Streifen Hüpfekästchen geklebt.

Neben den zwei Kleinen wohnt seit einigen Monaten auch noch Davids 17-jährige Tochter Lynn mit ihrem Freund Lucky bei ihnen. Es ist ein Haus der offenen Tür. Und es ist ein Haus voller Kinder, auch jetzt an einem ganz normalen Vormittag unter der Woche. Denn Shirleys und Davids Kinder wachsen kitafrei auf. Sie sind in keine Krippe gegangen und gehen jetzt nicht in den Kindergarten. Sie sind zu Hause bei Shirley. Sie ist eine Selbstbetreuerin.

Betreuung der Kinder zu Hause

Ich stehe im Flur, als Rosa und Karlo mit Kissen unter den Armen um die Ecke kommen. Karlo ruft: „Wer kann besser schmeißen?“ Rosa: „Ich!“ Karlo: „Angeber.“ Bevor ich Shirley besuche, habe ich im Blog intuitiveeltern.de nachgelesen, was das genau ist, eine Selbstbetreuerin.

Dort steht: „Die neue Generation Mütter, die ihre Kinder selber betreut, ist keine Generation der Muttis am Herd, die den ganzen Tag nur kochen, backen, putzen und das Kind aufs Töpfchen setzen. Es sind Mamas (und auch Papas), die es lieben, für ihre Kinder da zu sein, ihnen Fragen zu beantworten und mit ihnen gemeinsam zu wachsen. Das ist Selbstverwirklichung pur, ziemlich anspruchsvoll und alles andere als eintönig. Es geht hier nicht um das bloße ‚Betreuen‘, es geht um eine ganz bindungsbewusste Lebensform – die immer mehr Eltern anstreben.“

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Aber sind nicht auch Eltern, die ihre Kinder in den Kindergarten schicken, für ihre Kinder da und beantworten ihre Fragen? Haben wir nicht gerade mit dem Kita-Ausbau erreicht, dass wir auch als Mütter berufstätig sein können? Und ist das nicht wahnsinnig anstrengend, wenn man 24 Stunden am Tag die Kinder um sich hat?

Als ich mich an den Küchentisch der Villa Kunterbunt setze, habe ich viele Fragen. Shirley kocht uns einen Tee, stellt ein zweites Frühstück auf den Tisch. Und die Art, wie sie das tut, mit ruhigen, unaufgeregten Bewegungen, beantwortet schon eine meiner Fragen: Nein, sie wirkt nicht genervt, nicht angestrengt. Eher sehr entspannt.

Kein Hetzen, kein Wecken, kein Groll: Ein Leben ohne Kita

Es ist Quatsch, wenn die Leute denken: Ohne Kita lernen die Kinder keine Sozialkompetenz.

Shirley aus Berlin, Selbstbetreuerin

Später, als wir in unsere Brötchen beißen, erklärt sie, wie sehr sie es schätzt, dass sie morgens nicht hetzen muss, die Kinder ausschlafen lassen kann und dass sie dann gemeinsam in Ruhe frühstücken. Der Kindergarten, sagt Shirley, sei für sie eine „künstlich erschaffene Welt mit homogener Altersstruktur: Gleichaltrige spielen mit Gleichaltrigen“. Ihre Kinder hingegen hätten auch mit Älteren und Jüngeren zu tun, mit den Nachbarn, mit Papas Arbeitskollegen, mit Freunden. „Deshalb ist es auch Quatsch, wenn die Leute denken: Ohne Kita lernen die Kinder keine Sozialkompetenz.“

Außerdem, sagt Shirley, sei sie viel mit ihnen unterwegs. Im Dinopark, im Museum, in der Musikstunde oder Bibliothek, im Wald oder am See. „Allerdings legen wir nach einem Ausflugstag meist auch einen Ruhetag ein.“

Der 18-jährige Lucky kommt jetzt in die Küche, holt sich einen Apfel, schält ihn. Er hat Karlo im Schlepptau und erklärt ihm nebenbei, was ein Putsch ist: „Der König wird vom Thron gestoßen und dann ..." Karlo ist ganz Ohr! „Wir haben es ja versucht mit einer Kita“, sagt Shirley. „Aber Karlo war es dort zu laut, zu wild, zu wuselig. Die ganzen Regeln, zu festen Zeiten essen, schlafen, rausgehen – er wollte viel lieber bei seiner Familie bleiben.“

Happy daheim: „Das hier macht mich glücklicher“

Shirley, die damals als Kommunikationsberaterin in der Werbebranche arbeitete, machte sich viele Gedanken: Würde sie das schaffen, zu Hause bleiben, mit Kind, ohne eigenes Einkommen? Jetzt sagt sie: „Ja, es war anfangs eine große Umstellung. Aber heute bin ich näher bei mir und beim Menschsein als je zuvor. Ich fühle mich weder gestresst noch unterfordert. Im Gegenteil: Wir entdecken gemeinsam die Welt. Und ich habe genug Erfahrungen mit der Arbeitswelt gesammelt, um sagen zu können: Ja, das hier macht mich glücklicher.“

„Fällt dir denn hier nie die Decke auf den Kopf?“, frage ich. Und Shirley schüttelt den Kopf. Wenn sie Abwechslung brauche, gehe sie auf Messen, zu Wochenendseminaren oder organisiere Arbeitsgruppen. David kümmere sich dann um die Kinder. Allerdings: Zeit für sie beide bleibe dabei im Moment wenig. Das ist aber auch der einzige Nachteil, der Shirley zum Leben als Selbstbetreuerin einfällt.

Wir entdecken gemeinsam die Welt. Und ich habe genug Erfahrungen mit der Arbeitswelt gesammelt, um sagen zu können: Ja, das hier macht mich glücklicher.

Shirley aus Berlin, Selbstbetreuerin

Jedoch akzeptieren nicht alle in ihrem Umfeld die Entscheidung, die Kinder selbst zu betreuen. Einige Freunde haben sich zurückgezogen – weil sie als Familien ganz anders leben. „Oder vielleicht auch, weil sie ihren eigenen Lebensentwurf infrage gestellt sehen“, sagt Shirley. „Viele berufstätige Eltern sind ja gestresst. Wir aber haben keinen Zeitdruck.“

Für diesen Tag haben sich Anja, Steffi und Alex mit ihren Kindern angekündigt – alle Selbstbetreuerinnen. Sie verabreden sich oft – auch, weil es für ihre Kinder sonst fast unmöglich wäre, bis zum Nachmittag Spielkameraden „in freier Wildbahn“ zu treffen, denn die sind in der Kita. Konkurrenz unter den Kindern? „Gibt es so gut wie nicht. Sie brauchen ja nicht dauernd die Ellenbogen auszufahren, um ihren Platz zu sichern. Sie sind sicher“, meint Shirley.

Alex, 30, ist mit Johannes, 1, und Marie, 4, da. Eigentlich sollte Marie spätestens mit drei in den Kindergarten, doch dann lernte Alex eine Selbstbetreuerin kennen. Erst dachte sie: „Die spinnt ja, die Kinder brauchen doch eine Kita zum Austoben! Und zum Freundefinden.“ Aber dann sah sie, wie glücklich dieses andere Leben offenbar alle machte. Und es faszinierte sie immer mehr. Das wollte sie irgendwann auch.

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Wie kann man sich die Selbstbetreuung leisten?

Um sich die Selbstbetreuung leisten zu können – ein Gehalt fällt ja weg –, haben Alex und ihr Mann das Auto abgeschafft. Alex weiß, dass viele Selbstbetreuer mit Hartz IV aufstocken. Sie findet das okay: „Auch Eltern, die ihre Kinder nicht selbst betreuen, nehmen ja Zuschüsse vom Staat für den Kita-Platz in Anspruch.“

Alex hat auch die Internetseite kindergartenfrei.org ins Leben gerufen. Dort können sich Selbstbetreuer vernetzen. Ungefähr 1600 aktive Mitglieder hat das Netzwerk. Die meisten sind Mütter, aber Alex erzählt auch von einem Papa, dessen Frau sagte: „Wenn du keine Kita für unser Kind willst, musst du die Betreuung übernehmen.“ Und das tut er seither. Dass es bei den anderen oft auf eine klassische Rollenteilung hinausliefe, habe damit zu tun, dass die Männer leider immer noch oft mehr verdienten.

Kitafrei erzogen: Wie soll das später in der Schule werden?

Anja, 34, Mutter der dreijährigen Johanna und ausgebildete Bühnentänzerin, stieß nach einer missglückten Kita-Eingewöhnung auf das Kitafrei-Netzwerk. Wie sie alle sich das später vorstellen mit der Schule, frage ich jetzt: „Da müssen die Kinder sich ja an viele Zeitvorgaben und Regeln halten. Habt ihr keine Angst, dass das schwierig wird?“ Haben die vier nicht. Viele Selbstbetreuer suchen sich später freie Schulen, bei denen sie mitbestimmen können – erfahre ich. Manche wandern sogar aus in Länder, wo man seine Kinder selbst und zu Hause unterrichten darf. „Ich bin jetzt müde, ich will gehen“, sagt Johanna zu ihrer Mama. Die fragt, ob sie sich kurz zusammen hinlegen können. „Kein Problem“, sagt Shirley.

Ja, Selbstbestimmung spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Sie und die anderen Mütter haben sich entschieden, nicht mitzurennen in der Rushhour des Lebens und phasenweise auszusteigen aus der modernen Leistungs- und Effizienzgesellschaft. Das kann man mutig finden. Oder sogar besonders emanzipiert. Aber auch kurzsichtig, naiv, rückständig: Shirley und die anderen kennen diese Kritik.

Kritik an den „Helikopter-Hippies“

Sie wissen, dass manche sie „Helikopter-Hippies“ nennen und ihnen eine überbehütende Erziehung vorwerfen. Oder als Weibchen abstempeln, die keine wirtschaftliche Verantwortung für sich übernehmen. Aber sie haben gelernt, mit Gegenwind umzugehen. „Ich weiß, wie Berufstätigsein geht – und ich werde es auch wieder sein, wenn die Kinder größer sind“, sagt Shirley – und die anderen nicken. „Nur eins“, sagt Anja, werde sie niemals begreifen: „Warum Kita-Fans immer meinen, andere Leute könnten unsere Kinder besser erziehen als wir Eltern, die sie lieben.“

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... und das sagt die Wissenschaft

In einer Zwillingsstudie mit 1200 Kindern fand der amerikanische Psychologe Elliott M. Tucker-Drob heraus: Kinder, die bis zur Einschulung zu Hause betreut wurden, waren genauso fit wie Kita-Kinder – wenn sie aus bildungsnahen Haushalten kamen. Kinder aus bildungsfernen Familien hingegen wiesen gegenüber Kita-Kindern häufiger Defizite auf.

Von Lisa Harmann/RND

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