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Rund um die Welt Die Urlaubsinsel Mallorca kämpft mit den Folgen von Corona
Reisereporter Rund um die Welt Die Urlaubsinsel Mallorca kämpft mit den Folgen von Corona
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15:07 22.04.2020
Wegen der Corona-Pandemie liegt auf Mallorca die gesamte Tourismusbranche lahm. Quelle: Clara Margais/dpa
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Palma

Idylle am Ballermann: Wo sonst Tausende bei Bier und Sangria zu den Klängen von Hits wie "Saufi saufi" und "Alle Blau" feiern, hört man dieser Tage nur die Vögel zwitschern. Und die Wellen des Mittelmeeres rauschen.

Doch bei Hoteliers, Gastronomen und Händlern schrillen die Alarmglocken. Zum Beispiel bei Joan, der an der Playa einen Souvenirladen betreibt. "So schlimm hätte ich mir die Folgen der Corona-Pandemie niemals vorgestellt", klagt er. "Wenn das stimmt, dann gute Nacht Playa, dann machen hier 70 Prozent dicht."

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Kein Tourismus mehr bis Ende des Jahres

Mit "das" meint der Mallorquiner die Nachrichten der vergangenen Tage. Die Zentralregierung in Madrid warnte, der Tourismus werde im ganzen Land wohl allerfrühestens Ende des Jahres wieder in Gang kommen. Nach einer Prognose des Branchenverbandes Exceltur wird etwa Mallorca wegen der Pandemie dieses Jahr mehr als 95 Prozent der touristischen Einnahmen einbüßen. Das ist viel Geld: 13,5 Milliarden Euro.

Nicht nur "das 17. Bundesland", der Deutschen liebste Insel, muss im besonders schwer vom Coronavirus getroffenen Spanien zittern. Dem Tourismussektor im Land drohen Einnahmen in Höhe von insgesamt 124 Milliarden Euro zu entgehen. Aber während der Tourismus zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts Spaniens ausmacht, sind es für die Balearen 45 Prozent. Fast 20 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten auf Mallorca im Tourismus.

Die Party ist vorerst vorbei

"Hat der Ballermann ausgefeiert?", fragte in großen Lettern die "Mallorca Zeitung". Die Party sei vorerst vorbei, für viele Unternehmer gehe es nun "ums nackte Überleben". Das Wochenblatt zitierte in der jüngsten Ausgabe Christophorus Heufken, der in Artà im Norden der Insel - weit weg vom Ballermann - ein kleines Boutique-Hotel betreibt, mit der Aussage: "Faktisch sind wir pleite!". Der 61-Jährige aus dem Ruhrgebiet blickt pessimistisch in die Zukunft. Die Unsicherheit beim Thema Reisen werde auch nach Ende der Ausgangsbeschränkungen und der Grenzöffnung für Ausländer lange weiterbestehen, fürchtet er.

Genauso sieht es Hotelier-Kollege Harald Strombeck, der im Norden Mallorcas drei Herbergen mit insgesamt 160 Mitarbeitern hat. "Es wird niemand so schnell wieder reisen". Wegen der Einschränkungen, aus Angst vor Ansteckungen und auch weil vielen Menschen in Spanien, Deutschland und Großbritannien wegen Krise und Kurzarbeit das nötige Geld fehlen werde.

Tui hat Saison 2020 noch nicht abgeschrieben

Zwar zeigen sich große Veranstalter wie Tui nach dem Aussetzen ihres Programms schon etwas zuversichtlicher, dass der Betrieb in einigen Urlaubsregionen in nicht allzu ferner Zukunft wieder anlaufen kann. Wie auch die Kanaren und manche griechische Insel seien die Balearen von der Corona-Pandemie verhältnismäßig wenig betroffen, heißt es beim weltgrößten Touristikkonzern in Hannover. Tui hatte seinen Kunden empfohlen, angesichts der aktuellen Lage auch bereits für 2021 zu planen - das heiße aber nicht, dass man für 2020 ganz schwarz sehe. Vielleicht sei im Hochsommer eine leichte Erholung denkbar.

Lokale Stimmen beurteilen das skeptischer. Die Regionalpräsidentin der Balearen, Francina Armengol, spricht von einer schubweisen Öffnung Mallorcas in den Sommermonaten, vorwiegend aber nur für Festlandspanier. Die Zentralregierung in Madrid, die über die Maßnahmen landesweit entscheidet und bisher weder Sport noch Spaziergänge im Freien erlaubt, hat noch keine Exit-Strategie.

Es sei eine "Katastrophe", klagt ein Sprecher des Ballermann-Kultlokals "Megapark", das wie der große Konkurrent "Bierkönig" dieser Tage die mehrtägigen Saisoneröffnungssausen absagen musste. Das Schicksal dieser "Big Player", die den Ballermann mit Auftritten von Inselpromis wie Tim Toupet, Mia Julia und Peter Wackel zum Beben bringen, werde für die Zukunft der Playa entscheidend sein, glaubt die "Mallorca Zeitung": "Sollte die Regierung - aus welchen Gründen auch immer - diesen beiden Großunternehmen finanzielle Hilfen verwehren, dann könnte es um den Ballermann geschehen sein", so die Prognose des Blattes.

147.000 Arbeitsplätze in Gefahr

Nicht nur um den Ballermann. Die linke Regionalregierung rechnet mit einem Rückgang des Bruttosozialprodukts auf den Inseln in allen Bereichen der Wirtschaft von rund 31 Prozent. Das würde einen Verlust von rund 30 Prozent der Arbeitsplätze bedeuten, mehr als 147.000 Stellen dürften im Zuge der Krise in Bereichen wie dem Tourismus, dem Gastgewerbe und dem Transportsektor verloren gehen.

Regionalpräsidentin Francina Armengol will die Branche so schnell wie möglich reaktivieren und fordert unter anderem die Einführung elektronischer Gesundheitspässe in ganz Europa sowie Messungen der Körpertemperatur der Passagiere an Flughäfen und Häfen, um die Einreise von Corona-Infizierten zu verhindern und Einheimischen sowie Reisenden mehr Sicherheit zu bieten.

Die sozialistische Politikerin hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Die Insel drohe wegen Pandemie und Lockdown zum Armenhaus zu verkommen, warnt Toni Bauzá von der Hilfsorganisation Tardor. "Die Zahl der notleidenden Familien, die sich an uns wenden, hat sich in der Krise verdreifacht", berichtet er. Vor den Essenstafeln der Organisation bildeten sich immer längere Schlangen, schrieb die "Diario de Mallorca". Auch das katholische Hilfswerk Caritas berichtete von einer deutlichen Zunahme der Armut.

Abkehr vom Massentourismus möglich

Es ist derweil gut möglich, dass einige Mallorquiner dem Virus trotz der mehr als 150 Corona-Toten auf den Balearen und der Wirtschaftskrise auch Positives abgewinnen können. Der balearische Tourismusminister Iago Negueruela zum Beispiel, der bei seinem Feldzug gegen den "Sauftourismus" bisher eher wenig Erfolg gehabt hatte. Oder diejenigen, die Demos gegen Massentourismus veranstalten und an Wände Graffiti wie "Tourism kills the city" oder "Tourists go home!" sprühen. Das Virus könnte die von ihnen gewünschte Abkehr vom Massentourismus begünstigen.

Wann und in welchem Ausmaß der Betrieb wirklich wieder hochgefahren werden kann, dürfte laut Tui vor allem auch von der Umsetzung neuer Hygiene-, Abstands- und Catering-Konzepte in den Hotels abhängen. "Das entsteht jetzt gerade alles", heißt es aus dem Konzern. Man gehe davon aus, dass Mallorca seinen Rang als "überproportional nachgefragte Destination" für deutsche Urlauber halten könne.

Auch ein Topmanager wie Gabriel Escarrer, Präsident der in Spanien führenden Hotelkette Melià, sieht nicht nur schwarz: "Eine der wenigen guten Dinge der Krise ist, dass wir unser Konsummodell überdenken und uns mehr für Nachhaltigkeit einsetzen werden."

Keine Corona-"Extrawurst" für deutsche Hausbesitzer auf Mallorca

Nicht ganz so gelassen sehen es deutsche Immobilienbesitzer auf Mallorca. Dutzende von ihnen haben mit Briefen an die Regionalregierung für Unruhe gesorgt. Sie bestehen darauf, trotz der Corona-Einschränkungen auf die spanische Insel gelassen zu werden und Zugang zu ihren Zweit- oder Urlaubswohnsitzen zu bekommen, wie Medien unter Berufung auf die Regionalregierung der Balearen berichteten.

Deren Ministerpräsidentin Francina Armengol wies die Forderung unterdessen zurück. Die derzeit in Spanien geltenden Regeln, die unter anderem das Aufsuchen des Zweitwohnsitzes untersagen, müssten für alle Bürger unabhängig von ihrer Nationalität gelten, betonte sie in Antwortschreiben.

Insgesamt erhielt die Regionalregierung in Palma rund 200 Briefe sehr ähnlichen Inhalts, wie sie auf Anfrage bestätigte. Darin heißt es, man habe "ernste Zweifel an der Rechtssicherheit in Spanien". Armengol wurde aufgerufen, das "Vertrauen der Investoren nicht zu zerstören" und beim spanischen Regierungschef Pedro Sánchez darauf hinzuwirken, dass die Balearen von der angekündigten Verlängerung der Ausgangssperre bis zum 9. Mai ausgenommen werden. Es sei ein "klarer Verstoß" gegen die spanische Verfassung, Menschen zu verwehren, ihr Eigentum zu betreten, dafür aber gleichzeitig Steuern zu verlangen.

dpa