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Sportbuzzer „Das war unanständig und respektlos“
Sportbuzzer „Das war unanständig und respektlos“
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17:55 26.12.2016
Dirk Thiele (l.) mit den deutschen Skisprung-Stars Severin Freund und Carina Vogt. Quelle: Peter Stein
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Potsdam

Der Potsdamer TV-Kommentator spricht über sein Aus bei Eurosport, seinen neuen Sender Avia TV und die Favoriten für die anstehende Vierschanzentournee.

Haben Sie sich schon Skispringen bei Eurosport angeschaut?

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Ich habe die Qualifikation von Ruka gesehen und den ersten Sprunglauf. Ich wollte ja wissen, wie sie das machen. Ein Urteil will ich mir da aber nicht erlauben.

Sie haben Ende September über die Medien erfahren, dass Sven Hannawald und Matthias Bielek und nicht mehr Sie und Gerd Siegmund künftig Skispringen bei Eurosport kommentieren. Wie sehr hat sie das getroffen?

Es geht in erster Linie um das Wie: Das war unanständig und respektlos, das gehört sich nicht. Ich habe in München angerufen und gefragt: Ihr braucht doch keine vier Kommentatoren? Da ist noch gar nichts unterschrieben, war die Antwort. Kurze Zeit später habe ich eine Anruf bekommen: Übrigens, ihr seid raus. Das war alles. Wenn sie gekommen wären und gesagt hätten, der Generationswechsel muss kommen, wäre das völlig verständlich gewesen. Ich hätte gesagt, ich mach mit Gerd Siegmund die Saison zu Ende und beim Skilfiegen in Planica hätte ich die Gelegenheit gehabt, anständig Tschüss zu sagen.

Hegen Sie Groll gegen den Sender, bei dem Sie seit 1992 gearbeitet haben?

Es ist ja nicht so, dass ich Eurosport nichts zu verdanken habe. So wie ich kommentiert habe, hätte ich bei den öffentlich-rechtlichen nie eine Chance gehabt, die hätten mich nach 14 Tagen rausgeschmissen. Ich konnte mich bei Eurosport über viele Jahre verwirklichen. Aber der Sender ist auch mit mir in Deutschland mit der Leichtathletik und Skispringen groß geworden. Dieses letzte Jahr geht nicht, das begann schon 2015 mit dem Abschied aus der Leichtathletik. Auch da bin ich eigentlich gar nicht informiert worden, da war auf einmal ein neuer dabei. Aber der Gipfel war jetzt die Entlassung im Skispringen. Es wäre meine 24. Vierschanzen-Tournee gewesen.

Sie sind 73 Jahre alt, hatten Sie nicht ans Aufhören gedacht?

Hatte ich nicht. Skispringen ist mein Leben, ich liebe diese Sportart und freue mich, wenn das so rüberkommt. Warum soll ich, wenn ich mir noch meinen Namen merken kann, von mir aus sagen, ich mache jetzt Schluss? Ich kenne das Sprichwort, wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören. Aber für mich ist es am Schönsten, wenn ich weiter vom Skispringen berichten kann.

Wie kam das Engagement beim Internetsender Avia TV zustande?

Avia ist schon lange Sponsor beim Skispringen, Gerd Siegmund hatte den Kontakt. Wir können zwar nicht das Springen übertragen, aber wir machen vor und nach dem Wettkampf Skisprung-Talks. Dadurch, dass wir die Athleten und Trainer sehr gut kennen, ist das überhaupt kein Problem. In Klingenthal hatten wir eine Trainerrunde mit Werner Schuster, Heinz Kuttin und Alexander Stöckl. In Lillehammer haben wir mit Andreas Kofler, Severin Freund, Stefan Kraft und Michael Hayböck jeweils 30, 35 Minuten vor dem Kamin gesprochen. Das ist ziemlich heftig losgegangen, wir hatten 60000 Klicks. Da sagte der Chef, das ist mehr, als wir beim Start unserer Motorsportseite hatten.

Sie machen Ihre Skisprung-Talks auch bei der am Mittwoch beginnenden Vierschanzentournee. Wer ist für Sie der Favorit?

So klar ist die Favoritenstellung von Peter Prevc dieses Mal nicht. Ich glaube, dass der Kreis der Bewerber ein bisschen größer ist, vielleicht fünf, sechs Leute. Kamil Stoch, Daniel-André Tande, Stefan Kraft. Ich denke auch, dass Severin Freund dazukommt. Und die gravierendste Frage ist eigentlich: Was passiert mit dem 17-jährigen Bruder von Peter Prevc, Domen Prevc? Der springt einen Stil, so wie früher Noriaki Kasai oder Jakub Janda. Die Skispitzen sind hinter den Ohren. Sein Bruder hält sich manchmal die Augen zu, wenn er springt.

Was war Ihr prägendstes Erlebnis bei den Tourneen?

Dass Sven Hannawald 2001/02 alle vier Springen gewonnen hat, bleibt natürlich. Das geht mir nicht aus dem Kopf. Es gab einige Springer, die die drei ersten Springen gewonnen hatten und dann in Bischofshofen eingebrochen sind. Das war bei Hannawald auch sehr wahrscheinlich. Ich weiß nicht, ob das noch einmal einer schafft, weil der Druck so immens groß ist. Eigentlich ist die Tournee viel wichtiger als der Weltcup oder Olympische Spiele.

Wie bereiten Sie sich auf so ein Springen vor?

Ich habe ein sehr gut gepflegtes Archiv, vielleicht das beste in der Szene. Das Programm wurde extra für mich programmiert. Ich sitze nach einem Wettkampf noch mindestens zwei Stunden am Rechner und trage die Daten zum Springen ein und die Besonderheiten. Wann hat einer geheiratet? Wie heißt sein zweites Kind? Aus welcher Rasse stammt sein Hund? Das steht da alles drin. Das hilft natürlich ungemein. Das mache ich auch weiter, egal was passiert.

Wie bewerten Sie die Entwicklung, seit Sie sich mit Skisprung beschäftigen in Bezug auf das Reglement?

Absolut positiv. Früher waren die Springer teilweise nur Haut und Knochen. Da hat man gesagt: Stopp, so geht das nicht weiter, wir führen die Berechnung der Skilänge abhängig vom Körpergewicht ein. Wer zu leicht ist, springt einen kürzeren Ski und hat somit weniger Fläche. Das Skispringen ist dadurch athletischer geworden. Die Hauptreserven liegen jetzt im Material, hier speziell im Schuh.

Sie haben auch 25 Jahre lang Leichtathletik kommentiert. Was ist Ihnen lieber?

Das hat sich vielleicht jetzt ein bisschen negativ entwickelt, weil mich das Thema Doping in der Leichtathletik ankotzt. Gedopt wurde schon immer. Und ich bleibe dabei, auch wenn mir da viele gesagt haben, deine Auffassung ist falsch, dass man das bewusst einseitig Richtung Russland gesteuert hat. In Kenia, in Äthiopien, da wird genauso gedopt, auch die US-Amerikaner. Das ist ein politisches Problem.

Die Olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei den Öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen, sondern bei Eurosport. Was halten Sie davon?

Ich sehe das sehr kritisch. Ich glaube nicht, dass auf Eurosport2, für das die Zuschauer nochmal extra bezahlen müssen, nur Hockey oder Ringen läuft. Da wird auch mal das 100-Meter-Finale im Bezahlfernsehen übertragen.

Von Peter Stein und Stephan Henke

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