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Sportbuzzer Einfach aus 4000 Metern fallen lassen
Sportbuzzer Einfach aus 4000 Metern fallen lassen
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21:42 21.08.2017
MAZ-Volontärin Lisa Neumann und Tandemlehrer Jürgen Mühling steuern den Fallschirm. Quelle: Takeoff Fehrbellin
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Fehrbellin

Höhenangst habe ich keine. Aber als ich meine Beine aus dem Flieger nach unten strecken soll, werde ich doch nervös. „Bist du bereit?“ „Nein“, entwischt es mir unüberlegt. Aber ein Zurück gibt es nicht mehr. Zwei Sekunden später, ein kurzes „Wusch“ und wir fallen.

Wie war das passiert? Die Idee war, neue Sportarten zu testen. Für mich hieß das: Fallschirmspringen.

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Der rote Anzug ist bequem und die „Exit-Haltung“, die ich beim freien Fall einnehmen muss – Arme im 90-Grad-Winkel, auch Beine anwinkeln und übereinander kreuzen – gelingt auch. Mein Tandemsprung erfolgt mit Fluglehrer Jürgen „Mahle“ Mühling, dem Mitinhaber der Sprungschule „Take Off“ in Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin). Er hat annähernd 12 000 Sprünge absolviert. Bei dem herzlichen Ende-40er fühle ich mich sicher. Doch was, wenn etwas passiert? „Ein Sprung ist eine dynamische Sache“, sagt der Lehrer, dass dabei was passieren könne, müsse jedem klar sein.

Ich musste einen Beförderungsvertrag unterschreiben und wurde über die Risiken aufgeklärt. Danach folgten die Sicherheitsanweisungen: Kopf nach hinten nehmen, Bananenhaltung und bei der Landung die Füße hoch nehmen. Die Vorfreude schiebt die Sorgen letztlich weg.

Der Himmel ist an diesem Sommertag leicht bewölkt und windstill ist es auch – die besten Bedingungen. Vor dem Start kann ich mir die Sardinenbüchse, also das Flugzeug, das uns nach oben bringen soll, näher anschauen. Keine Treppe, keine Sitze und eine Tür gibt es auch nicht, lediglich einen Rollladen. Der zehnminütige Flug bietet den Komfort einer Holzklasse. Es ist eng, meine Knie muss ich anziehen und jemand sitzt auf meinem Fuß. Doch der Blick über Fehrbellin und das Umland ist schön. Zwischendurch linse ich immer wieder auf den Höhenmesser.

Mit mir im Flieger sitzen auch Stefan (33) aus Prenzlau (Uckermark) und Theresa (27) aus Potsdam. Für beide ist es der zweite Sprung. „Das war so eine fixe Idee gewesen“, sagt Stefan. Unruhig ist der zurückhaltende Informatiker nicht, eher freudig aufgeregt. „Dieser Kick, das ist toll“, erzählt er.

Es geht los

Auf 4000 Metern geht es raus und ein Wagemutiger öffnet das Rollo, es wird kälter und windiger im Innenraum. Nach und nach fallen die ersten Springer heraus. Aus meiner Perspektive sieht es eher so aus, als ob sie in einen Sog geraten und weggezogen werden. In dem Moment weiß ich nicht, ob ich mich an die Sicherheitshinweise erinnern kann, wenn es soweit ist. „Du musst nicht springen“, sagt Mahle. Doch, natürlich! Wir rutschen zur Tür. Ein kurzer Blick nach draußen und meine Füße kribbeln. Plötzlich habe ich das Gefühl, etwas drängt mich aus dem Flieger und ich könnte beim Absprung an den Rumpf des Fliegers knallen. Also Hände an die Gurte und Kopf zurück. Mahle drückt uns aus dem Flieger und wir fallen, circa 50 Sekunden lang.

Ich habe nicht das Gefühl, so schnell zu sein – immerhin fast 200 km/h – denn jegliche Bezugspunkte fehlen. Ein Tippen auf der Schulter und ich nehme die Exit-Haltung ein. Die Felder in ocker und grün kommen immer näher und mein Tandempartner öffnet auf 1500 Metern den Schirm. Ruckartig werden wir nach oben gezogen und ich merke zum ersten Mal den Druck in meinen Ohren. Ich höre fast nichts, puste mit aller Kraft in meine zugehaltene Nase, doch nichts tut sich. Noch mal. Dann, ein abartig hoher Quietschton, in meinem Ohr platzt etwas und ich höre wieder besser.

Einmal im Leben mit einem Fallschirm aus luftiger Höhe springen. Für einige ein Traum, der einen Kick und eine atemberaubende Erfahrung mit sich bringt. Unsere Reporterin hat den Selbstversuch gemacht.

Die Augenblicke am geöffneten Fallschirm sind atemberaubend. In den Seilen zu hängen, ist in diesen Momenten wunderbar entspannend und ein Kick gleichermaßen. Durch einen kurzen Zug an den Steuerungsseilen neigt sich der Schirm tief zur Seite und wir drehen uns wie in einem Karussell. Zwischendurch schaue ich immer wieder gen Horizont. Jäh kommen wir dem Boden näher und Mahle weist mich an, meine Beine zu heben. Gemächlich segeln wir runter und wir setzen die Füße auf.

Plötzlich ist es ganz still. Ich fühle mich wie in einer Blase und mir wird klar, dass ich aus einem Flugzeug gesprungen bin – irre! Die Blase zerplatzt, doch ich schwebe immer noch. Ich springe, für mich eher untypisch, kurz in die Luft und umarme Mahle spontan. Zurück in der Station treffe ich Stefan. Auch er strahlt. „Es war toll“, sagt er, schält sich aus dem Anzug. Ein einmaliges und viel zu kurzes Erlebnis. Eine Plattitüde, aber diesen Tag werde ich nie vergessen.

Fallschirmspringen, Golf oder etwas ganz anderes? Die MAZ-Reporter testen künftig Sportarten, die sie zuvor noch nicht ausprobiert haben und berichten über ihre Erfahrungen.

Falls Sie Ideen für neue Sportarten haben, schicken Sie uns Ihre Vorschläge gerne an
sport@maz-online.de

Von Lisa Neumann