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Sportbuzzer Ende einer Arena
Sportbuzzer Ende einer Arena
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19:49 02.04.2019
Eine Arena mitten im Zentrum: Das Ernst-Thälmann-Stadion Potsdam 1999, kurz vor dem Abriss.
Eine Arena mitten im Zentrum: Das Ernst-Thälmann-Stadion Potsdam 1999, kurz vor dem Abriss. Quelle: foto: LUTZ HANNEMANN
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Potsdam

Stephan Ranz muss immer noch schmunzeln, wenn er an die skurrile Situation denkt, die sich in den letzten Tagen des Ernst-Thälmann-Stadions zugetragen hat. „Bei einer der letzten Partien, die wir in der Arena ausgetragen haben, kam direkt nach einem Punktspiel plötzlich eine feierlich gekleidete, offenkundig internationale Delegation, fing an, ein Loch zu buddeln und pflanzte einen Baum mitten in den Strafraum“, erinnert sich der Mitgründer des Fußball-Vereins Potsdamer Kickers an die schräge Szene, die in jede französische Komödie gepasst hätte. „Da die Spielfläche länger war als vorgeschrieben, haben wir das Tor weiter nach vorne geschoben und konnten so die letzte Spielzeit zu Ende bringen.“

Vor zwanzig Jahren, am 6. April 1999, war der Startschuss für den Abriss der Arena am Fuße des Mercure-Hotels gefallen, die der Umgestaltung des Potsdamer Stadtzentrums für die Bundesgartenschau 2001 wich. „Jedesmal, wenn wir zum Training kamen, hatte wieder ein Stück des Stadions gefehlt, das wurde immer weniger und war schon ein komisches Gefühl“, erinnert sich Ranz. Er wurde mit seinen Vereinskameraden zum Zeitzeugen in der Abrissphase der Arena, die 1948/49 auf Antrag der Volkspolizei auf dem Areal des durch Lauftangriffe zerstörten Lustgartens errichtet worden war. Zum Baumaterial für die Wälle gehörten auch Kriegstrümmer.

Entstanden war kein märkisches Wembley, kein filigraner „Ground“, der bei Fußball-Romantikern Herzrasen auslöst, sondern eine funktionale 15 000-Zuschauer-Sportstätte mit flachen Traversen, einer Aschenbahn und einer überdachten Haupttribüne. Das Stadion, das kein geliebtes Schmuckkästchen wie etwa das Karl-Liebknecht-Stadion wurde, entwickelte sich aber trotz seiner Schlichtheit für viele Potsdamer im Lauf der Jahrzehnte zum Bezugspunkt: Es gab regelmäßig Konzerte, Volks- und Schulsportfeste, Kinder- und Jugendspartakiaden, Vereine wie die SG Dynamo (1990 in PSV Potsdam umbenannt) und Turbine nutzten die Sportstätte, die auch dreimal zum Etappenzielort der Friedensfahrt (1966, 1970 und 1973) wurde. 1957 bezwang Manfred Preußger im Stabhochsprung im Oval an der Breiten Straße eine Höhe von 4,52 Metern und stellte einen Europarekord auf. Manch einer lernte die Treppen als kraftraubendes Element bei der Erwärmung kennen und fürchten.

Auch Stephan Ranz, der in der Innenstadt aufwuchs, hatte schon lange vor dem Einzug mit den Kickers seine ganz persönlichen Erlebnisse in der Arena: „Wir sind manchmal in das Stadion geklettert und haben heimlich auf dem Rasen Fußball gespielt, wenn das möglich war. Es gab auch hinter Stadion dem eine Schotterpiste mit Handballtoren, auf der wir regelmäßig gespielt haben.“

Ein paar Jahrzehnte später kehrte Ranz ganz legal mit den Kickers zurück: Ihre allererste sportliche Adresse hatten die 1994 gegründeten Kickers auf dem Sportplatz an der Kurfürstenstraße, durch Kontakte zum Polizei-Sport-Verein (PSV) fand der junge Verein seine Heimstatt im Thälmann-Stadion. Der Hintergrund: 1996 nahm Axel Heeren, der die Nachwuchsarbeit des Vereins begründete, Kontakt zum PSV auf: „Das Stadion wurde zu diesem Zeitpunkt vom PSV Potsdam-Eiche genutzt“, heißt es in der Vereinschronik. „Als dieser 1996 aufgelöst wurde, kam die Stunde der Kickers. Sie übernahmen die Nutzungsrechte des PSV, bekamen mit den Senioren-Mannschaften des PSV auch gleich personellen Zuwachs und durften ab Sommer 1996 in das altehrwürdige Stadion ziehen.“ Stephan Ranz: „Für uns war das toll, zum einen, weil wir eine Heimstätte gefunden hatten und zum anderen, weil es dann noch so ein großes Stadion war. Wir hatten vorher nichts und sind quasi von einem Extrem zum anderen gewandert. Der Rasen hat allerdings sehr unter der starken Beanspruchung durch Nachwuchs- und Männermannschaften gelitten, der sah Mitte des Jahres aus wie schon mal gegessen“, erinnert er sich. „Auch die Infrastruktur war am Ende sehr marode.“ Oder wie es Sylvio Posselt in der Serie „Die Kickers auf dem Weg zur 25“ auf der Vereins-Homepage formuliert: „Der Rasen mutierte zu jedem Saisonende zum Sandplatz.“

1999 verabschiedete sich der Club mit einem Fest und zog auf den neu-errichteten Platz an der Kirschallee – allerdings ohne eigenes Vereinsheim. „Die Zeit im Thälmann-Stadion werden wir nicht vergessen“, sagt Stephan Ranz, „das war ein ganz besonderes Vereinskapitel.“

Von Lars Sittig