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Potsdam Der Salomoni-Code
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14:56 15.10.2013
Diese Positionen gibt es während eines Volleyballspiels.
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Potsdam

Elisa Muri legt die linke Hand auf den Rücken und streckt den Zeigefinger aus. Dabei will die Zuspielerin nicht etwa auf eine Delle im Hallenboden oder einen losen Schnürsenkel am Turnschuh aufmerksam machen, vielmehr deutet sie eine taktische Variante für einen Angriff ihres Teams an. Ihre fünf Mitspielerinnen auf dem Feld wissen sofort Bescheid.

Unsichtbar für den Gegner auf der anderen Seite des Netzes sind die Handzeichen das Signal dafür, welcher Angriff im Idealfall aufgebaut werden soll. Volleyball ist also weit mehr, als nur den Ball mit maximal drei Berührungen über das Netz zu schlagen. Was da auf der neun mal neun Meter großen Feldhälfte passiert, hat alles seine Ordnung, funktioniert nach einer Art „Da-Vinci-Code“. Nur geht es auf dem Spielfeld weniger um Leben und Tod wie in dem berühmten Hollywood-Film mit Tom Hanks als vielmehr um Sieg oder Niederlage.

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Mit diesen Kombinationen sprechen die Spielerinnen untereinander ihre Angriffe ab.

Wenngleich Alberto Salomoni, der Trainer des Volleyball-Bundesligisten SC Potsdam, einschränkend sagt: „Mir nützen die besten Kombinationen nichts, wenn die Mannschaft nicht die einfachsten Sachen beherrscht: Annehmen, zuspielen und angreifen. Die Elemente müssen stimmen, also ein guter Aufschlag, ein guter Block und so weiter.“ Er könne 1.000 Übungen vorbereiten, aber ohne die Grundelemente würden sie verpuffen, so wie das beste Auto ohne Räder nun mal nicht vorwärts kommt.

Wenn Zuspielerin Elisa Muri die Hände auf den verlängerten Rücken legt und ihre Zeichen gibt, dann ist der Hintern als Hingucker zwar für den Zuschauer auf den ersten Blick sexy anzusehen – die Beachvolleyballerinnen am Strand in ihren knappen Bikini-Höschen sind gar ein Dauermotiv für die Fotografen. Aber für die Italienerin geht es um rein sportliche Motive, sie ist der verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld. Salomoni erläutert die Vorgehensweise: „Ich schaue mir den Gegner im Video an, analysiere dessen Stärken und Schwächen zum Beispiel in der Blockabwehr. Dann rede ich mit der Zuspielerin, über sie laufen ja auf dem Feld alle Kombinationen.“ Sie stellt den Ball, wie die Volleyballerinnen sagen, für die jeweilige Hauptangreiferin. Muri muss als Schaltzentrale ihre Mitspielerinnen entsprechend der individuellen Stärken einsetzen, quasi den richtigen Gang einlegen, damit der Angriffsmotor auf Hochtouren kommt. Sie hat aber ebenso die Freiheit, virtuos zu spielen, das heißt, eigene Vorstellungen für den erfolgsträchtigsten Angriffszug einzubringen.

Wenn sich die taktischen Vorgaben nicht umsetzen lassen, muss der Trainer eingreifen. Manchmal nimmt er dazu nicht mal die 30 Sekunden einer Auszeit, sondern ruft unter vorgehaltener Hand einen Geheimcode. Die Vorgaben können „Eins!“, „Fünf“ oder „Super!“ lauten, aber auch codierte Wörter beziehungsweise Buchstaben wie X, Y sein. Wenn die Spielerinnen trotz höllischen Hallenlärms den Zwischenruf verstehen, wird das „Aktenzeichen X, Y“ mit einem gelungenen Spielzug aufgelöst.

Egal, ob da nun ein, zwei oder alle fünf Finger ausgestreckt werden oder die Hand zur Faust geballt wird, allen Bundesliga-Spielerinnen sind diese Zeichen in Fleisch und Blut übergegangen. Die rund 20 Grundvarianten sind alltäglich wie das Zähneputzen – ergo auch dem Gegner bestens vertraut.

Besonders fies ist, wenn dieser einen Scout hinter das Feld schickt, um die Handzeichen beim Kontrahenten zu deuten. „Da geraten die Trainer schon mal aneinander“, sagt Salomoni. „Das gehört nicht zum Fairplay.“ Für den Volleyball-Lehrmeister steht fest: „95 Prozent der Kombinationen beherrschen alle, nur fünf Prozent sind Spezialvarianten.“ Den Salomoni-Spezialcode kennen nur die Potsdamerinnen, damit wollen sie am Sonnabend auch den Gegner VC Olympia Berlin überraschen.

Von Peter Stein

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