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Sportbuzzer Neues Sportangebot lockt ans Netz
Sportbuzzer Neues Sportangebot lockt ans Netz
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01:15 21.03.2019
Marlies Dreblow trainiert die Sitzvolleyballer beim SC Potsdam einmal wöchentlich. Quelle: Foto: Peter Stein
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Potsdam

Marlies Dreblow rutscht flink wie ein Wiesel über den Hallenboden immer dem Ball hinterher, den sie dann mit ihrer linken Hand wieder zurück über das Netz befördert. Die 56-Jährige hat in der Abteilung Behindertensport beim SC Potsdam ein neues Angebot ins Leben gerufen: Sitzvolleyball.

Training der Nationalmannschaft im Sitzvolleyball in Potsdam Quelle: Privat

Marlies Dreblow ist in dieser Sportart sogar seit 2017 Nationalspielerin. 2015 war sie schwer erkrankt, sie leidet unter dem seltenen Clarkson-Syndrom. Sie wurde mehrfach operiert, in beiden Unterschenkeln mussten die Muskeln entfernt werden. Dank spezieller Orthesen, die ihr eingepflanzt wurden, kann sie sich aber auch einigermaßen auf den Beinen halten und laufen. Von ihrem geliebten Volleyballspiel – die Mutter von Bundesligaspielerin Sophie Dreblow war vor ihrer Erkrankung in der Regionalliga in Brandenburg aktiv – wollte sie aber nicht lassen. In Berlin fand sie eine Übungsmöglichkeit für Sitzvolleyball. Nun baut sie eine Mannschaft in Potsdam auf.

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Immer freitags Training

Bei den Hauptstädtern hat sie Bälle und Netz geborgt. Die Lehrerin für Mathematik, Deutsch und Englisch – Sport kann sie leider nicht mehr unterrichten – ist Mitspielerin und Trainerin zugleich. Das Netz ist laut Reglement bei den Frauen 1,05 Meter und bei den Männern 1,15 Meter hoch. Wobei in Deutschland meist in gemischten Mannschaften gespielt wird, sogar Nichtbehinderte sind dabei. „Sie müssen natürlich auch sitzen und haben es meist schwerer, die Balance zu halten“, findet Marlies Dreblow, die oft von ihrem Mann Burkhard und ihrem Sohn Philipp zum Training, das immer freitags um 20 Uhr in der Sporthalle des Leibniz-Gymnasiums am Stern stattfindet, begleitet wird.

Ehemalige Volleyballer als Glücksfall

Einer der neuen Mitstreiter ist Volker Kelm. „Ich war früher als Volleyballer aktiv. Dann musste mir nach einer missglückten Knieoperation das linke Bein amputiert werden.Ich habe schon lange Zeit nach einer Möglichkeit gesucht, wieder Sport zu treiben. Bis nach Berlin zu fahren, war mir einfach zu aufwendig“, sagt der Potsdamer. „Anfangs hatte ich ein paar Probleme mit dem Rutschen, aber inzwischen habe ich eine geeignete Hose gefunden. Es macht großen Spaß, endlich kann ich mal wieder richtig durchschwitzen“, freut sich der 69-Jährige über die neue Möglichkeit, Sport zu treiben. „Ehemalige Volleyballer sind ein Glücksfall für uns“, findet Marlies Dreblow, die dazu aufruft: „Wir suchen weiter Mitspieler, wie gesagt auch Nichtbehinderte, einfach freitags zum Training kommen oder sich vorher beim SC Potsdam erkundigen.“ Torben Schmidtke hat ebenfalls schon mittrainiert. Der zweimalige Medaillengewinner bei den Paralympischen Spielen im Schwimmen will sich im Sitzvolleyball probieren. „Das ist ein guter Ausgleich für mich. Mal schauen, wie es sich entwickelt“, meint Schmidtke. Auch vom Brandenburger Volleyball-Verband wird das Projekt unterstützt.

Schneller reagieren auf dem Hosenboden

Den großen Unterschied zum „normalen“ Volleyball beschreibt Kelm so: „Früher hatte ich ja die Hände schon immer in Bereitschaft vor dem Körper, um den Ball entsprechend annehmen zu können. Jetzt brauche ich die Hände aber zuerst, um mich sitzend aufrecht zu halten und vor allem abzustoßen beim Rutschen. Erst dann nehme ich die Hände, um an den Ball zu gelangen. Das heißt, ich muss viel schneller reagieren. Aber man gewöhnt sich daran. Das Schönste ist die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Ich kann wieder Volleyball spielen.“

Es muss ja nicht gleich in der Nationalmannschaft sein wie bei Marlies Dreblow. Die Potsdamerin ist öfter mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft unterwegs, spielt bei internationalen Turnieren. Auch ein Trainingslager wurde bereits in Potsdam durchgeführt. Zur Vorbereitung auf die Europameisterschaften im Juli in Budapest will die Auswahl wieder im Luftschiffhafen trainieren. „Vielleicht sind wir ja dann soweit, um eine Medaille mitspielen zu können“, hofft Marlies Dreblow. Großes Ziel sind die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio.

Von Peter Stein