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Die Olympia-Uhr tickt: Aufraffen bis Tokio 2021
Die Olympia-Uhr tickt: Aufraffen bis Tokio 2021
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15:21 31.03.2020
Eine Countdown-Uhr in Tokio zeigt die Anzahl der verbleibenden Tage bis zu den Olympischen Spielen 2021 an. Quelle: -/kyodo/dpa
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Frankfurt/Main

Die neu gestellte Olympia-Uhr am Tokioter Hauptbahnhof tickt. Bis zur Eröffnungsfeier am 23. Juli 2021 sind es laut Anzeige am 31. März noch 478 Tage.

"Je später, desto besser, weil keiner absehen kann, wie es mit der Coronavirus-Pandemie weitergeht", sagte Johannes Herber, Geschäftsführer des Vereins Athleten Deutschland. Denn es ist nicht nur ein Neustart und Wettlauf mit der Zeit für die Olympia-Macher, sondern ebenso für die Athleten. Sie müssen neue Trainings- und Wettkampfpläne austüfteln und sich neu motivieren nach dem noch offenen Ende der Pandemie-Zwangspause.

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"Die qualifizierten Athleten werden sich leichter tun, sich aufzuraffen. Es werden aber alle schaffen, dafür ist Olympia zu groß", sagte Herber. Allerdings erwartet der Generaldirektor des deutschen Leichtathletik-Verbands, dass viele von ihnen erst mal durch ein Tief gehen werden. "Olympia ist für jeden Athleten das Höchste in seiner sportlichen Laufbahn", sagte Idriss Gonschinska. "Daher wirft eine solche bedeutsame Olympia-Absage die Athleten und das Trainerteam trotz aller Nachvollziehbarkeit in der Corona-Krise zunächst mental zurück. Es gilt sich also neu zu finden." Er sei jedoch überzeugt, dass die Athleten und ihre Teams dies in den folgenden Wochen "aufarbeiten werden und motiviert sein werden, 2021 dabei zu sein".

Allerdings werden sich die Spitzensportler aus unterschiedlichen Gründen schwerer oder auch leichter beim neuen Anlauf auf die Spiele tun. "Als ich Olympia vor vier Jahren knapp verpasst habe, habe ich gesagt, dass 2020 mein Moment sein soll", erklärte der 23-jährige 800-Meter-Läufer Marc Reuther aus Frankfurt in der "Bild"-Zeitung. "Für mich als Sportler ist das brutal."

Das empfinden aus Altersgründen auch eine ganze Reihe von Athleten wie Ronald Rauhe. "Jetzt muss ich das erst mal sacken lassen", sagte der 38 Jahre alte Kanu-Olympiasieger von 2004 aus Potsdam. Vier Jahre habe er auf seine sechsten Spiele hingearbeitet. Nun müsse er mit seiner Frau "Gespräche führen" wie es weitergeht.

Im wahrsten Sinne des Wortes durchringen muss sich auch Medaillenkandidat Frank Stäbler, der nach Olympia in diesem August die Karriere beenden wollte. Der 30-Jährige macht aber definitiv weiter. "Nochmal ein Jahr, nochmal eine Chance, um noch besser zu werden", schrieb der Vorzeige-Ringer bei Facebook. Aus anderem Grund ist für Marathonläuferin Katharina Steinruck die Verlegung "hart": Mit fast 31 Jahren wollte sie eine Babypause einlegen.

Für Turn-Ass Marcel Nguyen ist dagegen der Olympia-Aufschub ein Vorteil. "Ich habe wertvolle Zeit geschenkt bekommen", sagte zweifmalige Olympia-Zweite von 2012. Zeit, um nach schwerer Schulterverletzung wieder richtig fit zu werden. Auch für Kletter-Bundestrainer Urs Stöcker ist die Verschiebung für die neue Olympia-Sportart "vielleicht gar nicht so schlecht". Jetzt könne man sich noch besser vorbereiten: "Wir haben ein Jahr dazugewonnen."

Die Mehrheit der qualifizierten oder potenziellen Olympia-Starter - der Deutschen Olympische Sportbund rechnet mit einem rund 400 Athleten großen Team - sieht den neuen Tokio-Termin aber den Umständen entsprechend als ideal an. "Um für alle Sportler einen fairen Wettbewerb zu garantieren, ist das Datum nahezu optimal", befand Hannes Ocik, Schlagmann des Deutschland-Achters. "Das gibt uns jetzt die Möglichkeit noch einmal durchzuatmen und strukturell noch aufzubauen."

Es sei aber schon etwas Besonderes, das Thema mental anzugehen. "Ich glaube, dass das noch mal eine Rolle spielen wird, wenn die Trainingsqualen aufs Neue beginnen und man wieder lange auf Familie oder seine Freundin verzichten muss", sagte Ocik.

Auch Wasserspringer Patrick Hausding kann sich mit dem neuen Termin anfreunden, weil er "von der Trainingsmethodik her" die beste Zeit für den wertigsten Wettkampf sei. Auch andere Verbände hätten so genug Spielraum, ihren Kalender entsprechend anzupassen.

Nach einem Jahr wieder auf das gleiche Niveau zu kommen, ist laut Experten aber nicht leicht. "Gerade Athleten in technischen Sportarten, in denen täglich an Details gefeilt werden muss, haben aktuell riesige Probleme, weil die Sportstätten geschlossen sind", sagte Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln im ARD-"Morgenmagazin". Kleine Bewegungen im Gehirn würden verblassen, wenn sie nicht tagtäglich geübt würden.

Große Unterschiede sehe er zudem zwischen den Ausdauer- und den Schnelligkeitssportarten. "Die Ausdauer, die reduziert sich deutlich weniger", erklärte Froböse. In den Schnellkraft/Schnelligkeitssportarten komme es auf Winzigkeiten an, "und wenn Sportler dann ein Jahr älter sind, haben wir schon ein Problem", prognostizierte er.

dpa