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Gastrotest: Nachschlag Der Tradition verpflichtet
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Die „Waldschänke“ in Stahnsdorf. Quelle: MAZ/LAUDE
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Stahnsdorf

Früher traf man sich in der Stahnsdorfer „Waldschänke“ sogar mit dem Westbesuch. Es gab nicht viele Restaurants im Potsdamer Umland, die für solche Begegnungen tauglich waren.

Da es die „Waldschänke“ immer noch gibt, darf man sagen: Sie ist ein Traditionslokal. Irgendjemand meinte, diesen verdienstvollen Status unterstreichen zu müssen, indem er auf die glatte Fassade braune Balken aufmalen ließ, die den Eindruck erwecken sollen, es handele sich um ein altes Fachwerkhaus. Ein altes Fachwerkhaus hätte aber nie und nimmer so ein breites Panoramafenster.

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Innen dominieren dunkle Furnierwände und Riemchen-Verblendungen. Das war mal DDR-Moderne, gegen deren Erhalt ist nichts einzuwenden. Aber was macht da der schnörklige historisierende Tresen? Zu vermuten ist, dass ihn der gleiche Mensch zu verantworten hat, auf dessen Konto schon die Fachwerk-Bemalung geht. Ergänzt wird das Interieur durch ein Aquarium. Die zurückhaltende Jazzmusik wirkt einladend, der lichtdurchflutete Anbau über der Terrasse auch.

Die Speisekarte offeriert vieles, was sich so oder so ähnlich seit Jahrzehnten bewährt hat. Zu den Hausspezialitäten gehören Berliner Pökeleisbein, Kalbsleber, hausgemachte Rinderroulade, Thüringer Rostbratwurst. An Fischgerichten werden unter anderem Seelachs in der Semmelkruste, norwegisches Lachsfilet und Forelle „Müllerin Art“ angeboten. Salatteller gibt es mit Thunfisch und Schafskäse. Man kann sich seine Vitaminversorgung aber auch selbst zusammenstellen. Das ist im Preis inbegriffen. Zur Auswahl stehen Kraut-, Blatt-, Möhren und Gurkensalat. Mit ihrer dezenten Würze ist so eine schlichte Mischung eine durchaus willkommene Abwechslung zu all den aufwändigen Salatkreationen, die anderswo auf den Tisch kommen. Das Angebot für Vegetarier ist sehr knapp gehalten. Im Mittelpunkt der aktuellen Werbung stehen Gerichte mit frischen Pfifferlingen.

Wir entschieden uns aber nicht fürs Saisonale, sondern für den „Waldschänke-Teller“, das heißt für verschiedene Fleischsorten mit Kartoffelspalten und Champignons. Die Portion ist üppig. Wer mittags aufisst, kann das Abendessen einsparen. Das Rindfleisch kam leider ein wenig zäh daher und war nicht ganz durch – fast schon „sanglant“, wie die Franzosen es mögen. Die Preise sind durchweg moderat.

Das Lokal nahe der Kleinmachnower Schleuse wird immer noch gern für Familienfeiern gebucht. Dann, so wird berichtet, sei es auch richtig voll in der „Waldschänke“. An einem Werktagmittag dagegen herrscht schon mal Leere. Allein in einem Restaurant, das ist nur der halbe Genuss. Man kennt das aus Filmen und Büchern: Da werden aus den Gästen häufig Grübler. In der „Waldschänke“ kann man die Fische beobachten und darüber nachdenken, ob der Blumenschmuck echt ist oder nicht.

Und für das Restaurant ist es sicher auch irgendwie traurig, wenn nichts los ist. Das Servicepersonal kann sich aber nicht der Grübelei hingeben. Es muss sich diensteifrig zeigen, mindestens den Gast unauffällig im Auge behalten, falls der den Espresso bestellen oder die Rechnung bezahlen möchte.

Der Kellner in der „Waldschänke“ hält sich an die aktuellen Höflichkeitsfloskeln, die offenbar – von wem auch immer eingeführt – bundesweite Norm geworden sind: Jeder Wunsch wird mit „Sehr gern“ quittiert. Ein bisschen sieht sich das seit 1960 von der Familie Lassotta geführte Traditionslokal also doch dem Modernisierungsdruck ausgesetzt. (Von Stephan Laude)

INFO: Waldschänke Stahnsdorf, Wannseestr. 21, 14532 Stahnsdorf

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