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Garnisonkirche in Potsdam Protokoll einer Zerstörung
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14:38 25.06.2014
Am Sonntag, dem 23. Juni 1968, exakt zur Gottesdienstzeit um 10 Uhr, wurde die Garnisonkirche gesprengt. Quelle: Archiv
Potsdam

Mit diesem Ansturm auf die kleine Garnisonkirch-Kapelle hatten die Fördergesellschaft und die Stiftung Garnisonkirche anscheinend am Montagabend wegen des WM-Fußballs nicht gerechnet. Für die zirka 100 Gäste wurden immer neue Sitzgelegenheiten herbeigeschafft, ehe, leicht verspätet, Kurt Tetzlaffs Dokumentarfilm "GarnisonkircheProtokoll einer Zerstörung" gezeigt werden konnte. Neben Fördergesellschafts-Chef Burkhart Franck saß ein gut gekleideter Herr, dem neben dem Regisseur die besondere Aufmerksamkeit der Anwesenden gehörte: Gebhard Falk gehörte zu den vier Abgeordneten des Potsdamer Stadtparlaments, die vor 46 Jahren den Mut hatten, gegen den Abriss der Kirche zu stimmen. Wie Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst berichtete, war Falk Vorsitzender der Kulturkommission im Rathaus, dem heute das Amt eines Kulturausschussvorsitzenden entspricht.

Wenn es heute ein recht präzises Kirchenabrissbild hinter der offiziellen SED-Propagandafassade gibt, hat das mehrere Gründe. Neben den Recherchen des Regisseurs ist es vor allem den ungeschönten Aussagen der früheren Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke zu danken, dass die Mechanismen einer solchen Politinszenierung offengelegt wurden.

INTERVIEW

Kurt Tetzlaff (links) und der Ex-LDPD-Abgeordnete Gebhard Falk. Quelle: Christel Köster

MAZ: Herr Falk, Sie waren Abgeordneter der LDPD. Wussten Sie, dass Sie am 26. April 1968 in der Stadtverordnetenversammlung über den Abriss der Garnisonkirche abstimmen sollten?
Gebhard Falk: Nein, ich hatte keine Ahnung. Drei Tage vor der Abstimmung hatte ein Stadtrat noch zu mir gesagt: „Die Garnisonkirche fällt nur über meine Leiche“. Das sollte mich wohl beruhigen.
Wann und wie erfuhren Sie von diesem nachgeschobenen Tagesordnungspunkt?
Falk: Das wurde uns früh, in Parteigruppen getrennt, mitgeteilt. Fraktionen und Parteigruppen gab es damals ja eigentlich nicht. Ich vermute, wir sollten nicht wissen, was in der SED wirklich besprochen wurde.
Wie wurde abgestimmt?
Falk: Es war eine Handabstimmung. Ich saß in der ersten Reihe und habe mich nicht umgedreht, weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, die Gegenstimmen seien das Ergebnis einer Absprache. Ich hatte natürlich auch Angst.
Gab es nach der Abstimmung irgendwelche Reaktionen oder sogar Repressionen?
Falk: Nein. Gegenstimmen waren eigentlich unüblich. Keiner wurde angesprochen. Es stehen ja auch keine Namen im Protokoll. Die stehen vermutlich woanders.

Tetzlaff betonte gleich mehrfach, dass ohne ihre Aussagebereitschaft und Ehrlichkeit sein 1992 gedrehter Film unmöglich gewesen wäre. Sein Film bricht beständig die unterschiedlichen Zeitebenen und zeigt dadurch die ganze Komplexität geschichtlicher Ereignisse. Am seinem Anfang stehen der Detonationsknall der Sprengung und eine mit verkrampfter musikalischer Fröhlichkeit unterlegte Kommentatoren-Stimme mit sozialistischem Optimismus-Schmelz. Dahinein schieben sich Bilder von der geradezu venezianischen Idylle der Alten Fahrt und den verspielten Klängen der D-Dur Sinfonie Friedrich II. Natürlich fehlen auch die Klänge des Glockenspiels der Garnisonkirche nicht und Bilder vom legendären "Glockenisten" Professor Becker.

In diese fast schon unerträgliche lebensfremde Unbeschwertheit stürzen Aufnahmen des Bomben-Infernos in Potsdams Innenstadt: Die Reste des Alten Rathauses rauchen im April 1945 inmitten von Schuttbergen. 750 schwer beladene Bombenflugzeuge flogen damals über die Stadt und eine lapidare Meldung ging nach London: "Potsdam besteht nicht mehr". Kurz danach schießen Rotarmisten mit Haubitzen vom Bassinplatz auf das, was noch steht, und ihre Panzer rollen durch das Nauener Tor. Was dieser Film aber auch zeigt, sind die Gründe solcher Radikalität. Immer wieder sieht man Reichswehr- und Wehrmacht-Uniformen schon zu Friedenszeiten auf Potsdams Straßen: die Stadt als Anhängsel eines riesigen Militär- und Hofstaates. Ein geradezu widerlicher Militarismus fraß sich auch in das zivile Leben hinein.

Dass die Befreier auch ihren Stalinismus mitbrachten, war nur eine Folge des angezettelten Krieges. Weil die neue Gesellschaft Frieden und Wohlstand für alle verhieß, blieben ihre diktatorischen Strukturen für viele verdeckt. Bei der Umgestaltung der Städte, so wollte es die Partei und besonders ihr "weiser Führer" Walter Ulbricht, sollten die Kirchen aus dem Stadtbild verschwinden und durch sozialistische Großartigkeiten ersetzt werden. Sein privater Beschluss, den er vor Ort gefällt hatte, wurde im Politbüro des ZK der SED abgesegnet und musste nun nachträglich "demokratisch" durch die Potsdamer Stadtverordneten legitimiert werden. Brunhilde Hanke erzählt im Film, dass ihr Mann Helmut den Abrissbeschluss folgendermaßen kommentierte: "Das wird dir nochmal schwer auf die Füße fallen, denn das ist eine Kulturbarbarei". Der sehenswerte Film, so war zu erfahren, lief inzwischen auf allen dritten Programmen. Mit einer Ausnahme: RBB.

Von Lothar Krone

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