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Landtagswahl 2014 "Der glücklichste Tag meines Lebens"
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10:17 15.09.2014
Quelle: dpa
Potsdam

Alexander Gauland hat es geschafft. Der 73-Jährige ist dort angekommen, wo er vielleicht nie wirklich hin wollte. Mit seiner „Alternative für Deutschland“ zieht der Spitzenkandidat und Landeschef fulminant in den neuen Brandenburger Landtag ein. Mit einer Mannschaft, die zum großen Teil aus Polit-Neulingen besteht. Gauland weiß, dass seine neue Partei, die derzeit den etablierten Parteien von links bis rechts das Fürchten lehrt, noch ein fragiles Gebilde ist, in der unterschiedlichste Strömungen und Erwartungen aufeinandertreffen. Und deshalb mahnt er auch im Moment seines größten Triumphs, diesen Erfolg nicht zu verspielen: „Wir haben jetzt eine große Verantwortung“, ruft er, kurz nachdem die Prognose über die Leinwand geflimmert ist. „Für uns ist das alles neu. Wir müssen noch viel lernen.“ Die Partei hat in Brandenburg noch nicht einmal eine Geschäftsstelle.

Wie ein Donner toben der Applaus und die Jubelschreie durch das brechend volle Potsdamer Restaurant „Kutschstall“, wo die Partei feiert. 12 Prozent verheißt die Prognose, das würde 12 Mandate bedeuten, die ersten Hochrechnungen bestätigen wenig später den Trend. „Da wird Angela erst mal zum Conjäckchen greifen“, scherzt ein Parteifreund.

Als Ein-Themen-Partei war die AfD gestartet. Der Gründungsimpuls, die Euro-Krise und die aus Sicht der AfD falsche Rettungspolitik, hat im Wahlkampf in Brandenburg fast keine Rolle mehr gespielt. Innere Sicherheit, mangelnde Polizeipräsenz, Grenzkriminalität, der Bau neuer Asylbewerberheime, Kritik an der Zuwanderung – das waren die dominierenden Themen.

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"Das ist ein fantastisches Ergebnis", sagt ein fast ungläubig wirkender Bernd Lucke. Der Bundesparteichef, der an diesem Abend nach Potsdam gereist ist, wertet das Abschneiden der AfD als Ohrfeige für die etablierten Parteien. „12 Prozent, da kann man nicht mehr abstreiten, dass die Bürger dürsten nach einer politischen Erneuerung“, sagt er. „Sie können die Profillosigkeit der Alt-Parteien einfach nicht mehr ertragen.“ Aber was ist das Profil der AfD? Lucke kennt die Kritik an seiner politischen Bewegung. Die ersten Hochrechnungen lassen erahnen, dass die Partei auch Stimmen von SPD und Linken abgezogen hat. Für Lucke aber gelten klassische politische Zuordnungen nicht. „Die AfD lässt sich nicht einordnen. Dafür wurden wir anerkannt, und das ist auch gut so.“

Tatsächlich absolvierte die AfD im Wahlkampf einen bisweilen abenteuerlichen Spagat zwischen dem linken und rechten Spektrum. Der konservative, westdeutsch geprägte Bildungsbürger Gauland, der 40 Jahr der CDU diente, lobte kürzlich in der MAZ die Errungenschaften der DDR-Familien- und Gesundheitspolitik. So forderte er kostenfreie Kita-Plätze und eine Renaissance des Haushaltstages. Immer wieder blitzte im Wahlkampf das Credo auf: Es war nicht alles schlecht in der DDR.

Gauland buhlte offenbar erfolgreich um Stimmen der Linkspartei-Wähler, andererseits machte er Stimmung gegen ein Flüchtlingsheim. Er verteufelte die Erwägung der rot-roten Landesregierung, in einer Kaserne in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) ein großes Asylbewerberheim zu bauen.

Parteivize Hubertus Rybak will den Vorwurf, die AfD habe mit ausländerfeindlichen Ressentiments gespielt, nicht gelten lassen. Es sei auch seiner Partei zu verdanken, dass die NPD den Einzug in den Landtag klar verpasst habe. Man müsse über das Thema Zuwanderung diskutieren, sagt er, und zwar pragmatisch: Mit dem Zuzug von Ausländern alleine lasse sich der Bevölkerungsschwund in Brandenburg nicht aufhalten. „Wir brauchen auch eine Willkommenskultur für Brandenburger Familien.“ Das heißt: Die Familienpolitik muss so gestaltet werden, dass die Märker von sich aus wieder mehr Kinder bekommen.

Es war wohl auch Gaulands Haltung zur Ukraine-Krise und sein latentes Verständnis für die Außenpolitik von Russlands Präsident Vladimir Putin, die bei vielen Brandenburgern Sympathien geweckt hat. Erstaunlich oft sei er darauf angesprochen worden, sagt er.

Alexander Gauland ist selbst überwältigt von dem politischen Erdbeben, an dem er mitgewirkt hat. Der Kampf aber geht für ihn jetzt erst richtig los: „Wir sind in der deutschen Politik angekommen. und es wird uns keiner mehr verdrängen können“, sagt er. „Die anderen können sich warm anziehen.“ Er, der nicht zur Gefühlsduselei neigt, bekennt: „Wenn man das private und das politische Leben miteinander vermengt, dann würde ich sagen: Das ist der glücklichste Tag meines Lebens.“

Von Torsten Gellner

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