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Potsdamer Konferenz Codename "Endstation"
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08:05 17.07.2015
Verhandlungstisch im Konferenzsaal des Schlosses Cecilienhof. Quelle: Ralf Hirschberger
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Potsdam

Als die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion am 17. Juli 1945 im Schloss Cecilienhof zusammenkamen, um über die Nachkriegsordnung zu beraten, war die Atmosphäre zwischen den „Großen Drei“ bereits von Argwohn und Misstrauen geprägt. Der Kalte Krieg warf schon seine Schatten voraus. Nicht von ungefähr hatte man daher der Potsdamer Konferenz den Codenamen TERMINAL gegeben: „Endstation“. Es war bereits das dritte Zusammentreffen der „Großen Drei“ nach Teheran Ende 1943 und Jalta im Februar 1945. Doch diesmal war vieles anders. Der amerikanische Präsident Roosevelt, der auf eine langfristige Zusammenarbeit mit der Sowjetunion gehofft hatte, war im April 1945 verstorben. Sein Nachfolger Harry S. Truman stand der Sowjetunion und besonders ihrem Diktator Josef Stalin mit großer Skepsis gegenüber. Und der britische Premierminister Winston Churchill war bei Unterhauswahlen, die kurz vor der Potsdamer Konferenz stattgefunden hatten, abgewählt worden – er wusste es nur noch nicht, als die Konferenz begann, musste aber schon bald wieder abreisen, um seinem Nachfolger Clement Attlee zu weichen. Einzig Stalin verkörperte die Kontinuität – und er besaß den Trumpf, dass seine Rote Armee inzwischen praktisch ganz Ost- und Mitteleuropa beherrschte.

Churchill hatte seit Mitte Mai immer wieder auf ein drittes Gipfeltreffen gedrängt, weil ihm die Entwicklung in Osteuropa, insbesondere die Polen-Frage, Sorgen bereitete. Großbritannien hatte dem Deutschen Reich 1939 wegen des deutschen Angriffs auf Polen den Krieg erklärt. Jetzt war Polen zwar von den Deutschen befreit, aber von den Russen besetzt. Stalin hatte seine auf der Konferenz von Jalta in der „Erklärung über die befreiten Gebiete Europas“ gegebenen Versprechen, freie Wahlen abzuhalten und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu achten, nicht gehalten. Alle Anzeichen sprachen dafür, dass er beabsichtigte, Polen zu „sowjetisieren“. Auf der Potsdamer Konferenz zögerte Churchill daher, Stalin die Neufestlegung der polnischen Westgrenze entlang der Oder und westlichen Neiße zuzugestehen. Immer wieder verwies er auf das Problem der Deutschen in diesen Gebieten, die dann „umzusiedeln“ seien.

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Außerdem beharrte er auf der „Wirtschaftseinheit“ Deutschlands, die durch die Errichtung von Zentralverwaltungen untermauert werden sollte. Offenbar hoffte er, auf diese Weise die Russen wenigstens aus Deutschland wieder verdrängen zu können. In diesem Punkt traf er sich mit Präsident Truman, der ebenfalls darauf bestand, das ehemalige Deutsche Reich nicht zu teilen, sondern es lediglich gemeinsam zu verwalten, bis eine neue deutsche Regierung gebildet sei. Dazu gehörte nach amerikanischer Auffassung ebenfalls der weitgehende Verzicht auf Reparationen, die nach dem Ersten Weltkrieg wesentlich zum Aufstieg Hitlers beigetragen hatten. Angesichts der gewaltigen Zerstörungen, die von den Deutschen in Russland im Zweiten Weltkrieg angerichtet worden waren, blieb Stalin in diesem Punkt jedoch unnachgiebig.

Wie bereits in Teheran und Jalta vereinbart, beanspruchte er mindestens zehn Milliarden Dollar als Wiedergutmachung und Wiederaufbauhilfe. Nachdem Churchill die Konferenz am 25. Juli verlassen hatte, schlug Truman deshalb einen „Paket-Kompromiss“ vor: die Oder und Görlitzer Neiße als neue polnische Westgrenze zu akzeptieren und dafür eine Regelung zu treffen, der zufolge jede Besatzungsmacht die gewünschten Reparationen der jeweils eigenen Zone entnehmen sollte. Stalin stimmte zu. Als Attlee in Potsdam eintraf, um die Rolle Churchills zu übernehmen, konnte er den gefundenen Kompromiss nur noch resigniert zur Kenntnis nehmen.

Tatsächlich war der Beschluss zur Oder-Neiße-Grenze das einzige greifbare Resultat der Potsdamer Konferenz. Zu allen anderen Themen wurden nur vage Formulierungen gefunden. Dies galt besonders für die innere Neuordnung Deutschlands, die den Besatzungsmächten in ihren jeweiligen Zonen selbst überlassen blieb. In Verbindung mit der Regelung, dass in den Fällen, in denen der Alliierte Kontrollrat – also die alliierte „Regierung“ für Deutschland – sich nicht einigen konnte, die Militärgouverneure in den einzelnen Zonen befugt waren, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, bedeutete dies faktisch die Teilung Deutschlands. Denn im Kontrollrat galt das Prinzip der Einstimmigkeit. Einstimmige Entscheidungen aber waren nicht zu erwarten, wenn die Spannungen zwischen Ost und West weiter zunahmen. Tatsächlich wurden die politischen und wirtschaftlichen Grundsätze, die zwischen den Alliierten vereinbart worden waren, um Deutschland nach gemeinsamen Richtlinien umzugestalten, schon bald höchst unterschiedlich interpretiert und gehandhabt.

Vergleichsweise einig war man sich noch in Fragen der Entnazifizierung und Entmilitarisierung. Wie man jedoch die Dezentralisierung der Wirtschaft zu verstehen hatte und wie vor allem der Aufbau einer Demokratie erfolgen sollte, darüber gingen die Auffassungen weit auseinander. Mit der Nachricht vom ersten erfolgreichen Test einer Atombombe am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico, die Präsident Truman in Potsdam erreichte, hielt zugleich die Weltpolitik an der Havel Einzug. Stalin reagierte äußerlich ungerührt, gab aber sogleich Anweisung, die eigene Atombombenentwicklung zu beschleunigen. Da die sowjetische Führung über ihren Spion Klaus Fuchs, der im amerikanischen „Manhattan-Projekt“ mitarbeitete, bereits über genaue Kenntnisse verfügte und auch Kopien der wichtigsten amerikanischen Pläne besaß, war die Zündung einer eigenen sowjetischen Atombombe nur eine Frage der Zeit. Das Atomzeitalter und die „Aufteilung der Welt“ unter den neuen Supermächten USA und Sowjetunion hatten begonnen.

Die Potsdamer Konferenz war damit gleich in mehrfacher Hinsicht historisch bedeutungsvoll: bei der Aufteilung Europas in Inter­essensphären, als Auftakt für den Ost-West-Konflikt und beim Beginn der Nukleardiplomatie zwischen den USA und der Sowjetunion. Aus deutscher Sicht war aber vor allem die Tatsache wichtig, dass die „deutsche Frage“ in Potsdam prinzipiell offen blieb. Denn die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges beschlossen hier nicht die Teilung Deutschlands, sondern bekannten sich vielmehr zu einer „Wirtschaftseinheit“, die mit der Errichtung von Zentralverwaltungen später auch wieder zu einer politischen Einheit führen sollte. Die Teilung Deutschlands war also nicht das Ergebnis der Potsdamer Konferenz, sondern eine Folge des nun beginnenden Kalten Krieges.

Nach dem Fall der Mauer am 9.?November 1989 konnten die Politiker und Diplomaten bei den „Zwei-plus-Vier-Verhandlungen“ der beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges über die deutsche Wiedervereinigung deshalb nahtlos an das sogenannte „Potsdamer Abkommen“ vom 2. August 1945 anknüpfen. Erst mit dem „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ vom 12.?September 1990, der die außenpolitischen Aspekte der deutschen Vereinigung regelte und damit einem Friedensvertrag gleichkam, ging die Potsdamer Nachkriegsordnung zu Ende.

Von Manfred Görtemaker

Der Autor lehrt seit 1992 als Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt 19./20. Jahrhundert an der Universität Potsdam. Der Historiker wurde am 28. April 1951 im niedersächsischen Großoldendorf geboren. Er studierte von 1969 bis 1975 Geschichte, Politikwissenschaft und Publizistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und an der Freien Universität Berlin. Görtemaker promovierte im Jahr 1977.

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