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Studium & Wissenschaft Potsdamer Startup hilft Logistikfirmen
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00:10 04.04.2016
Wichtige Warnhinweise in Echtzeit gibt es von dem Potsdamer Startup „Synfioo“. Quelle: Dirk Laessig
Potsdam

I“ch bin jemand, der sich über jeden überholenden LKW auf der Autobahn freut“, sagt die Informatikerin Anne Baumgraß. Die junge Frau weiß, welche Herausforderungen Logistikunternehmen und ihre Mitarbeiter bewältigen müssen, um die Fracht möglichst pünktlich und sicher ans Ziel zu bringen. Sie kennt auch den enormen Zeitdruck der Fahrer. Zusammen mit ihren Mitstreitern Andreas Meyer und Marian Pufahl hat Baumgraß im Oktober 2015 die Firma „Synfioo“ gegründet. Ihre Software wird zwar riskante Überholmanöver von LKW nicht ganz überflüssig machen, aber die Arbeit der Unternehmen wesentlich erleichtern. „Synfioo“ will seine Anwendung als Dienst ins Netz stellen oder direkt in die bestehenden Informationssysteme der Logistikfirmen integrieren.

Natürliche Nähe

Mathias Weske leitet am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut ein Fachgebiet, das sich mit Geschäftsprozessen befasst. Diese sind komplex und werden meist von Informationstechnologien unterstützt. Damit das gelingt, müssen sie analysiert und in die Sprache der Informatik übersetzt werden.

Logistik ist ein herausragendes Beispiel für komplexe Geschäftsprozesse. Der Transport, die Lagerung und der Umschlag von Gütern verlangt größte Abstimmung und genaue Kalkulation. Deshalb besteht eine fast natürliche Nähe zu Informationstechnologien.

„Unsere Software ermöglicht den Logistikern über alle Störungen, die es auf einem Transport geben kann, rechtzeitig Bescheid zu wissen“, sagt „Synfioo“-Mitbegründer Marian Pufahl. Unter diese Störungen fallen der einfache Stau auf der A 9, das heftige Unwetter über der Eifel, aber auch die Verzögerungen am Eurotunnel in Calais, weil im Zuge der Flüchtlingskrise wieder mal eine Strecke für eine Stunde gesperrt werden musste. Was viele Kunden nicht wissen: Genau diese eine Stunde kann für eine Lieferung entscheidend sein. Wenn sie nämlich nicht rechtzeitig zum nächsten Hafen kommt, verpasst sie das Schiff, das vielleicht erst wieder in drei Tagen fährt. „Gerade an solchen Übergängen sind die Zeiten eng getaktet und ausgerechnet dort gibt es keine Kommunikation“, sagt Pufahl.

Im besten Fall findet die Transportfirma eine neue Route

Im schlechtesten Fall können Logistikfirmen dank des Dienstes „Synfioo“ ihre Kunden zumindest über die Lieferverzögerung informieren und so deren Vertrauen erhalten. Im günstigeren Fällen können sie auch eine andere Lieferung vorziehen oder finden eine Alternativroute und bringen die Möbel oder die Maschinenteile doch noch rechtzeitig an den Bestimmungsort.

Das Prinzip, das hinter „Synfioo“ steckt, ist grundlegend für die moderne Informatik: Es geht um die Sammlung vieler Einzeldaten in Echtzeit und ihre schnelle Verknüpfung zu einem stimmigen Gesamtbild. Genau das ist der Inhalt des Fachbereichs „Geschäftsprozess-Technologien“ von Mathias Weske am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut (HPI), bei dem die drei jungen Leute von 2012 bis 2015 arbeiteten.

Ein toller Anwendungsfall für die Informatik

„Echtzeitinformationen auf bestimmte Prozesse anwenden gab es in der Informatik schon vorher“, sagt Marian Pufahl. Neu sei gewesen, den Transport von Waren als einen solchen Prozess anzusehen und die Informationen über mögliche Störungen als die Echtzeitdaten zu betrachten, die automatisch verknüpft und dem Logistiker als Information zur Verfügung gestellt werden müssen. Diese Hochzeit zwischen Logistik und Informatik verdankt sich bei den „Synfioo“-Gründern eher einem Zufall. Ihr Chef Mathias Weske konnte an einem von der EU geförderten Forschungsprojekt der Technischen Universität Eindhoven teilnehmen. Und dabei ging um Fragen der Logistik, genauer: Um die Frage wie diese ökologischer gemacht werden kann. Eine Möglichkeit ist mehr Effizienz.

Was taten die jungen Leute? Sie machten erst einmal Quellen aus, die verlässliche Informationen über mögliche Störungen liefern. Das können Stauhinweise des ADAC sein, Webseiten der Eurotunnel-Betreiber, Warnungen des Deutschen Wetterdienstes und vieles andere mehr. Hunderte von Webseiten durchsucht ihr System nach den relevanten Informationen für eine bestimmte Strecke, „Wir haben eine Software geschrieben, die diese Daten findet und transportrelevant auswertet“, sagt Baumgraß. Schwierig war es, die aus diesen doch sehr unterschiedlichen Quellen gezogene Daten zu vereinheitlichen und ihre automatische Verarbeitung zu ermöglichen. Doch das geschieht inzwischen alles schon in einem Rechenzentrum in Frankfurt am Main. Logistikfirmen können diese Anwendung in ihre eigenes IT-System integrieren und bekommen so sofort Warnhinweise.

Bisher machten die Mitarbeiter alles von Hand

Natürlich berücksichtigen die Logistikunternehmen schon jetzt mögliche Störungen. Aber sie machen das alles „von Hand“, will heißen: Mitarbeiter sitzen am Computer und schauen selber im Netz nach, was gerade passiert. „Synfioo“ nimmt diese Arbeit ab und ist dabei nicht nur die schnellere und bequemere Quelle, die hunderte Transporte auf einmal begleiten kann, es ist auch viel präziser, weil es systematisch alle möglichen Knackpunkte einer bestimmten Transportstrecke auswertet.

Dass ihre Informationen von großem Wert für die Unternehmen sind, erfuhren Baumgraß, Pufahl und Meyer schon bei ihrer Forschungsarbeit von 2012 bis 2015. Die niederländische Firma Jan de Rijk Logistics, mit der sie zusammenarbeiteten, gab ihnen überhaupt erst die Anregung, aus ihren Ergebnissen ein Geschäftsmodell zu machen. Jan de Rijk war auch das Pilotunternehmen, bei der die im Oktober 2015 gegründete Firma „Synfioo“ ihr neues Produkt probierte. „Synfioo“ funktioniert nicht nur. Inzwischen denken die drei Gründer auch an Fortentwicklungen.

Jetzt geht es um Vorhersagen

„Uns geht es jetzt auch um Vorhersagen“, erklärt Baumgraß. Wenn das System errechnen kann, dass sich der Stau am Eurotunnel schon aufgelöst hat, bevor der LKW mit den wichtigen Bauteilen dort ankommt, ist das fast noch wertvoller als die aktuelle Echtzeitinformation. Gefragt seien auch neue Quellen, zum Beispiel aktuelle Daten über den Güterverkehr auf der Schiene. „Jedes Mal wenn wir mit dem Unternehmen sprechen, fragen sie uns, ob wir nicht noch mehr einbauen können“, sagt Baumgraß.

Die ständigen Anfragen ermutigen zu ehrgeizigen Unternehmenszielen: Schon im Sommer wollen sie ihren ersten Logistikkunden für eine Webanwendung im Netz gewinnen, im Herbst soll der erste Großkunde die „Synfioo“-Anwendung in sein eigenes System integrieren. Bezahlt werden soll pro einzelnem Transport. Bei 100 bis 150 Transporten eines Unternehmens am Tag kann schon ein schöner Betrag zusammenkommen.

Von Rüdiger Braun

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