Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Wendezeit Als vor 25 Jahren die Lawine losbrach
Thema Specials W Wendezeit Als vor 25 Jahren die Lawine losbrach
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:23 03.11.2014
3. Dezember 1989 in der Berliner Straße in Beelitz: Teilnehmer der Menschenkette, die durch die ganze DDR führt, fordern die demokratische Erneuerung des Landes. Quelle: Seidel (Archiv)
Anzeige
Beelitz

Martina und Heribert Heyden waren am Donnerstagabend, 30. Oktober 2014, aus Borkwalde gekommen, um aus erster Hand zu erfahren, was sich vor 25 Jahren in Beelitz ereignet hatte. „Wir erlebten die Maueröffnung im Ruhrgebiet und kannten nur, was die Medien darüber berichteten“, sagt Martina Heyden. Da sie seit acht Jahren in der Nachbarschaft wohnen, interessierte sie die Zusammenkunft, zu der Beelitzer Akteure der Wendezeit eingeladen hatten, ein Vierteljahrhundert nach der ersten freien Bürgerversammlung in der Spargelstadt.

Dort hatten sich viele Probleme aufgestaut im Herbst 1989: Wohnungsmangel, kaputte Dächer und Straßen, und dann gab es noch das Agrochemische Zentrum (ACZ), wo Düngemittel unter freiem Himmel lagerten, ins Erdreich geschwemmt und vom Wind ins Wohngebiet getragen wurden. Nun sollte zusätzlich ein Stützpunkt für Pflanzenschutzmittel entstehen, ein „Giftlager“. Die Beelitzer fürchteten um ihr Trinkwasser. So drängten engagierte Bürger den Rat der Stadt zu einer Versammlung. Der Saal der HO-Gaststätte „Stadt Beelitz“ platzte am Abend des 30. Oktober aus allen Nähten. Und viele trugen vor, wofür sie dringend Lösungen erwarteten. Eine Lawine brach los, die nicht mehr aufzuhalten war.

Anzeige

Zu denen, die sich damals für Veränderungen ins Zeug legten, gehörten die Familie Wardin, der Uhrmachermeister Hartwig Frankenhäuser sowie Elke und Rudolf Seidel. Sie hatten am Donnerstagabend nicht nur Fotos und Dokumente aus dieser Zeit dabei, sondern ließen mit ihren Erinnerungen die Atmosphäre jener Wendemonate nachspüren. Die Motive, die sie bewogen hatten, politisch aktiv zu werden, waren unterschiedlich. Elke Seidel, damals Stationsärztin in der Lungenklinik Beelitz-Heilstätten, sah, wie täglich mehr Kollegen den Weg in den Westen suchten. Thomas Wardin hatte Kontakte in die Friedrichskirche Babelsberg. Mit ihm kam das Neue Forum in die Spargelstadt. Seine Schwester, die Lehrerin Bettina Born-Frontsberg, sträubte sich gegen den ideologischen Druck in der Schule.

Nach dem Rücktritt des Bürgermeisters ging bis zu den demokratischen Kommunalwahlen im Mai 1990 ohne den Runden Tisch fast gar nichts mehr in der Stadt, erinnert sich Thomas Wardin. Die Beelitzer wählten dann drei Viertel der Vertreter des Runden Tisches ins Stadtparlament. Mit dem Stasi-Erbe kämpfte eine eigens dafür berufene Kommission. Lebhaft ist Thomas Wardin der Soldatenaufstand zum Jahreswechsel 1989/90 in der NVA-Kaserne im Gedächtnis. Pfarrer Wolfgang Stamnitz, der auch den Runden Tisch moderierte, hatte ihn am Neujahrstag mit dorthin genommen, weil er Gewalt befürchtete. Viele Beelitzer unterstützten die Wehrpflichtigen, versorgten sie mit Essen.

Schade nur, dass die Wende-Aktivisten am Donnerstag weitgehend unter sich blieben. Die Gäste konnte man beinahe an einer Hand abzählen.

EIGENE DOKUMENTATION

  • Unter dem Titel „Beelitzer Wendejahre 1989/90“ gab die Stadtverwaltung 2009 eine Dokumentation über die Ereignisse jener Zeit in der Spargelstadt heraus.
  • Das Buch ist angereichert mit persönlichen Erlebnisberichten.
  • Es kann in verschiedenen Beelitzer Geschäften oder über die Stadtverwaltung zum Preis von acht Euro erworben werden.

Von Edith Mende

Wendezeit Zwei Politikwissenschaftler mit unterschiedlichen Auffassungen - Der Wandel in Ostdeutschland
28.10.2014
Dahme-Spreewald Wende aus Sicht des Pressesprechers für innerdeutsche Beziehungen - Profis dachten beim Mauerfall an einen Film
30.10.2014
Kultur Zum Mauerfall: Zwei Brüder erschaffen die „Lichtgrenze“ - Leicht und abstrakt
23.10.2014