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Wendezeit Die Geburtsstunde der freien Kulturszene
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15:38 20.10.2014
Monika Keilholz mit dem von Wolf-Dieter Pfennig gestalteten Festival-Plakat für "Art Betweens". Quelle: Volker Oelschläger
Potsdam-Babelsberg

„Zerfahrenes im Park“ - mit einer Straßenwalze in Aktion eröffnete am 2. September 1989 am Lindenpark das Kunstspektakel „Art Betweens“, das als Wendepunkt in die Geschichte des Traditionsklubs eingehen sollte. Die Atmosphäre des achttägigen Festivals passte durchaus zum Land, dem kurz vor Toresschluss die Menschen in Scharen davonliefen. „Das breite Spektrum ... beschränkte sich im wesentlichen auf die Erzeugung von düsteren Gegenwartsgefühlen und gedanklichem Chaos“, schrieb erbost ein Beobachter des Verbundes der Staatlichen Kulturhäuser in Potsdam.

Tanzstunden, Verkehrte Bälle und Platzkonzerte

Über Jahrzehnte war das Kulturangebot in dem einst als Wäscherei errichteten Lindenpark eher bieder. Zu den Standards gehörten Tanzstunden, Verkehrte Bälle und Platzkonzerte. Für die Weltfestspiele der Jugend 1973 wurde der Lindenpark zum Jugendklubhaus, nun gab es dort auch Jugendtanz und Rockkonzerte. 1979 gründete sich dort die alternative Veranstaltungsreihe „Die Stube“, die später in den „Spartakus“-Klub kam, wo sie 1984 verboten wurde.

Die Wände wurden schwarz gestrichen

Mitte der 1980er Jahre kommt es zu wichtigen Personalveränderungen. Die Hallenserin Monika Keilholz übernimmt die Leitung, Andreas Klisch kommt als Kulturpolitischer Mitarbeiter hinzu. 1984 gibt es mit dem Lindenpark-Spektakel erstmals ein Rock-Open-Air im Garten. Sie streichen im Saal die Wände schwarz, obwohl das Haus nach staatlichen Vorgaben „hell und freundlich“ sein soll.

„Off Ground“ ist der Titel der Veranstaltungsreihe, mit der der Lindenpark 1987 zu einer namhaften Adresse für die alternative DDR-Szene wird. Klisch, so der Berliner Kunstwissenschaftler Christoph Tannert in dem Buch „Wir wollen immer artig sein“, „war es unter hanebüchenen Umständen gelungen, ein bizarres Festival der Subkultur aus dem Boden zu stampfen. Die örtlichen staatlichen Beobachtungsorgane wurden mit gezielt irreführenden Konzepten düpiert und irritiert“.

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„Geschlossenen Veranstaltung“

Wegmarken von „Off Ground“ waren das Projekt „New Affaire“, das den Stummfilmklassiker „Metropolis“ mit dem Bauhaus vereinte, und die „Hammerrevue“, deren zweiter Teil „Sicheloperette“ von den Behörden 1988 aus Angst vor einem Skandal zwar nicht verboten, aber zur „geschlossenen Veranstaltung“ erklärt und von der Staatssicherheit mit eigenem Publikum besetzt wurde.

Das vom Lindenpark zusammen mit Holger Stark und Christoph Tannert arrangierte Festival „Art Betweens“ war laut Klisch Höhe- und Schlusspunkt von „Off Ground“: „Es war das komplexeste, was ich je gemacht habe.“

Unberechenbare Bands

Hinter den Kulissen herrschte höchste Aufregung. Die schwer zu deutende Straßenwalze sorgte bei der Partei und den Funktionären der Staatlichen Kulturhäuser ebenso für Wut wie die eindeutigere Fotoschau „Die Faust im Muttermund“ von Joerg Waehner. Nervosität herrschte bei unberechenbaren Bands wie „Ornament & Verbrechen“, „AG Geige“, „Die Art“, „Ich-Funktion“ oder der „Magdalene Keibel Kombo“ mit den späteren „Rammstein“-Musikern Paul Landers und Christian „Flake“ Lorenz, die sich nach der Magdalenenstraße als Sitz der Stasi und der Keibelstraße als Adresse der Ost-Berliner U-Haft-Anstalt benannt hatten. Ratlosigkeit begleitete die Performance des an einen Schlachter erinnernden Hans Scheuerecker, der parallel die Leinwand und seine in Schweineblut getränkte Bühnenpartnerin bemalte.

Nach dem zweiten Tag wurde Lindenpark-Chefin Keilholz zur SED-Kreisleitung zitiert. „Ich saß wie vor Gericht. Sie haben mir mitgeteilt, dass ich die Schlüssel abzugeben habe und Kollegen aus anderen Kulturhäusern die Aufsicht übernehmen. Wir hatten nichts mehr zu sagen.“ Das Festival sollte ohne Aufsehen zu Ende gebracht werden. „Sie wollten keinen Skandal.“ Zu dem als „Nachspiel“ angekündigten Disziplinarverfahren sollte es nicht mehr kommen. Der Lindenpark erklärte noch vor dem Mauerfall den Ausstieg aus dem Verbund der Staatlichen Kulturhäuser. In der Trägerschaft des neuen Lindenpark-Vereins sollte das Haus zum ersten Flaggschiff der freien Kulturszene in Potsdam werden, dem mit der Kunstfabrik in der Hermann-Elflein-Straße, der Fabrik in der Gutenbergstraße und dem Waschhaus in der Schiffbauergasse bald weitere Häuser folgten.

Von Volker Oelschläger

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