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Wendezeit Der Tag, der alles veränderte
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10:19 10.10.2014
Mit diesem W50-Sattelzug lieferte Frank Jacob 1989 tonnenweise Mehl aus, auch für die Waldstadt-Bäckerei in der Saarmunder Straße. Quelle: privat
Potsdam

Potsdam – Zehn Tonnen Mehl hatte Frank Jacob am 2. August 1989 von Großbeeren in die Brotfabrik Drewitz der Bezirksstadt zu bringen. „Die befand sich da, wo heute der Porta-Parkplatz ist“, erzählt der Berufskraftfahrer. „Mehre Fuhren haben sie dort pro Tag verarbeitet.“ Es regnet an diesem Mittwoch im Sommer vor der politischen Wende. Und danach wird nichts mehr sein wie es war.
Jacob ist mit seinem Silofahrzeug auf der Straße nach Güterfelde unterwegs. Er fährt auf die Kreuzung Ruhlsdorf/Genshagener Heide zu. „Die war nicht einsehbar, alles mit Büschen zugewachsen“, erinnert sich der 57-Jährige. Und da passiert es: „Ich war auf der Hauptstraße und schon auf der Kreuzung, da sehe ich, dass einer von rechts kommt und viel zu schnell fährt, 80 Stundenkilometer etwa. Es waren vielleicht 30 Meter bis zum Stopp-Schild und ich dachte, es geht noch gut. Dann gab es hinten einen dumpfen Schlag.“ Jacob hat Mühe, den vollbeladenen 20-Tonner in der Spur zu halten und zum Stehen zu bringen.

Ein unvergessliches Bild

„Ich bin gleich raus, nachsehen, was passiert ist. Auf der Fahrbahn lagen ein Teddy, eine Autobatterie und Splitter. Die letzte Achse des W 50 war getroffen. Von dem Auto war nichts zu sehen.“ Durch den Aufprall war es in den straßennahen Wald geschleudert worden. „Damals hätte ich Ihnen nicht sagen können, welcher Typ, welche Farbe“, sagt Jacob. „Ich bin hin, wollte Erste Hilfe leisten. Der Fahrer war eingeklemmt und am Kopf schwer verletzt. Die Frau auf dem Beifahrersitz war, glaube ich, bewusstlos. Auf dem Rücksitz saß ein kleines Kind und schaute mich mit großen Augen an. Ein Bild, das ich nie vergessen werde.“ Jacob hält einen Wolga an, bittet um Hilfe. „Handys gab es damals ja noch nicht.“ Als die Retter eintreffen, kümmern sie sich natürlich zuerst um die Verletzten. Den traumatisierten LKW-Fahrer lassen sie links liegen. „Ich hatte das Gefühl, dass sie mich mieden. Wie es mir geht, danach hat sich keiner erkundigt. Ich konnte auch nicht weinen“, sagt Jacob. Der Erste, der sich seiner annimmt, ist der Staatsanwalt: „Der hat mich noch an der Unfallstelle verhört.“

 

Unter der Schlagzeile „Vorfahrtsfehler kostete Menschenleben“ berichtet die „Märkische Volksstimme“ am Tag darauf auf ihrer zweiten Seite über den schweren Unfall mit einer vierköpfigen Familie aus dem Bezirk Leipzig „an einer Landstraßenkreuzung in der Nähe von Neubeeren“. In der 19-Zeilen-Meldung heißt es, dass der Vater und die 14-jährige Tochter ums Leben kamen. „Von der großen Schwester habe ich erst später durch die Ermittlungen der Polizei erfahren. Die war gar nicht zu sehen. Ich dachte, es gab nur das Kind auf der Rückbank“, sagt Jacob und plötzlich muss er weinen. „Manchmal überkommt es mich, wenn ich darüber spreche. Auch nach 25 Jahren noch.“

Drei Menschen starben

Drei Menschen sind an jenem Augusttag gestorben, auch die Frau auf dem Beifahrersitz – eines Saporoshez übrigens. Die Familie, das erfährt Jacob aus einem Schreiben der Potsdamer Kriminalpolizei, stammte aus dem sächsischen Eilenburg. Die Ermittler teilten dem Potsdamer mit, dass „auf Grund des Todes des verdächtigten Fahrers des Pkw die Anzeigenprüfung beendet wurde.“ Zehn Tage später, am 31. August 1989, meldet sich abschließend das Volkspolizei-Kreisamt Potsdam bei Frank Jacob. „Die Ermittlungen haben ergeben, dass dieser Verkehrsunfall durch den Pkw-Fahrer ... fahrlässig schuldhaft verursacht wurde.“ Nun hat es Jacob schwarz auf weiß: Er konnte nichts für das schlimme Unglück, er ist erwiesenermaßen unschuldig. Seinen Seelenfrieden findet er dadurch nicht. „Eine Weile habe ich daran gedacht, das kleine Kind zu adoptieren. Es wäre jetzt so alt wie meine Tochter, Anfang 30“, sagt Frank Jacob.

Hilfe erst Jahre später

Nach einer Krankschreibung macht er einfach weiter als Kraftfahrer, das ist ja sein Beruf: Fernfahrten und später beim Potsdamer Verkehrsbetrieb als Busfahrer. „Damals hätten Sie mir meine Ängste nicht angemerkt“, sagt Jacob. Doch der Stress im Job – zunehmender Verkehr, Aggressivität der Fahrgäste, Rowdytum – setzen ihm zu. „Ich bekam Magen und andere Schmerzen, die immer zum Feierabend verschwanden“, erzählt Jacob. Heute würden Experten wohl eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren. Psychologische Betreuung und eine Reha erhält er erst Jahre nach dem Unfall. „Mein Leben hat sich sehr verändert. Wenn ich ins Auto steige, fühle ich mich nicht wohl, mein Magen rebelliert. Ich fahre meine 200 PS nie aus“, sagt Jacob. Es ist froh, dass er keine Albträume und seine Ehefrau zu ihm gehalten hat. „Ne andere hätte mich womöglich verlassen.“

Mehl, Holz und Menschen

Mit Leib und Seele Berufskraftfahrer – das war Frank Jacob. Zuerst ist er Karftfahrer bei den in der Speicherstadt ansässigen Mühlenwerken Potsdam, die „Rattenburg“ wie er sagt. Nächste Stationen: Einem Kaffeeimperium hilft er, den Vertrieb in Ostberlin und der Region aufzubauen. Als Fernfahrer holt er mit einem 40-Tonner Holz aus Skandinavien. Der Chef feuert ihn, als er eine ungeplante, zusätzliche Fahrt ablehnt. In Eigeninitiative macht er die Fahrerlaubnis für Personenverkehr.

13 Jahre arbeitet Jacob beim ViP – zuerst im Fahrdienst, später im Service. „Das war ein guter Job, es gab gutes Geld“, sagt Jacob. 2008 erfolgt eine Umstrukturierung, rund 90 Stellen werden abgebaut – auch seine. Heute ist Jacob selbständig, Sonnenschutzfolien sind sein Metier.

Von Carola Hein

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