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Wendezeit Der Fall des Stormhauses
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15:39 20.10.2014
August 1989: Ein Abrissbagger in der Dortustraße. Quelle: Archiv
Potsdam

Die zwischen 1732 und 1742 unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. errichtete Zweite Barocke Stadterweiterung mit dem Holländischen Viertel und den Karrees beidseits der Gutenberg- und der Brandenburger Straße in Potsdam gehörte der ersten Kategorie auf der zentralen Denkmalliste der DDR an. Sie galt damit als Denkmal von „besonderer nationaler und internationaler Bedeutung“. Trotzdem wurden in den 1980er Jahren an der Gutenberg- und der Hermann-Elflein-Straße ganze Häuserzeilen abgerissen und durch Wohnblöcke in Betonbauweise ersetzt.

Mit dem zeitweiligen Wohnhaus des Schriftstellers Theodor Storm (1817–1888) bekam 1989 eine zum Abriss vorgesehene Zeile in der Dortustraße einen populären Namenspatron. Der Grafiker Bob Bahra hatte die Idee, dem Protest gegen den angekündigten Fall der Dortustraße 66 bis 73 mit dem Verweis auf den Autor der Novelle „Der Schimmelreiter“ zusätzliches Gewicht zu geben. Über das Netzwerk der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus) sollte sich ein Kreis von 20 Leuten finden, die sich um einen Stopp des geplanten Abrisses bemühten und den Protest dagegen organisierten.

Theodor Storms zeitweiligesWohnhaus in der Dortustraße 68 kurz vor dem Fall am 14. August 1989.

Gemeinsam mit Argus-Gründerin Carola Stabe setzte Bahra am 1. August eine Informationstafel in den Schaukasten des Kulturbundes auf der Brandenburger Straße: „Denk Mal!“, hieß es da und: „Ist das Stormsche Haus jestormt?“ An der Fassade des Hauses Nummer 68 befestigten sie ein Transparent: „Hier wohnte 1854–56 Theodor Storm.“ Am 2. August rückten die Abrissbagger dem barocken Straßenzug zu Leibe.

Wochenlang nicht mehr in die Stadt

Am 14. August schlug auch für das Stormhaus die letzte Stunde. Carola Stabe berichtet, dass sie unmittelbar vor dem Abriss gemeinsam mit Argus-Mitstreiter Michael Heinroth in das Haus ging, um einen wertvollen Kachelofen für die Denkmalpflege zu retten: „Als der Baggerfahrer das erste Mal mit der Schaufel gegen die Wand schlug, hatten wir die letzten Ofenkacheln in der Hand.“
Auch die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite sollten fallen. Doch dazu kam es nicht mehr. Denn am 1. November beschlossen die Stadtverordneten für die Zweite Barocke Stadterweiterung einen zunächst vorläufigen Abrissstopp. Argus-Mitglied Christian Seidel, der den Antrag dafür als Stadtverordneter der CDU einbrachte, hatte den Fall der Häuserzeile in der Dortustraße kurz zuvor als tiefe persönliche Niederlage erlebt: „Ich war so traumatisiert, dass ich für Wochen nicht mehr in die Stadt gegangen bin.“

Zur Politik kam der 1949 im Erzgebirge geborene Christian Seidel aus Empörung über die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Als Physikstudent in Dresden trat er gemeinsam mit Kommilitonen im Glauben an einen „Marsch durch die Institutionen“ in die Blockpartei ein. Die Begegnung mit Potsdam war für ihn 1972 „Liebe auf den ersten Blick“. Einer der ersten Freunde war Karl Eisbein, Gartenbereichsleiter für den Park Babelsberg. Gemeinsam mit anderen jungen Akademikern gründeten sie eine Feierabendbrigade und unterstützten die Rekonstruktion des Parks. „Dort habe ich gelernt, was Sichtachsen sind und welche Beziehungsgeflechte über die Stadt streifen“, sagt Seidel. Dabei habe er auch erkannt, „mit welcher Ignoranz mit dem umgegangen wird, was Potsdam ausmacht. Das hat mich letztlich in die Kommunalpolitik getrieben.“

Theoretisch sah er durchaus Handlungsmöglichkeiten: „Die DDR hatte ja hervorragende Denkmalpflegegesetze. Doch bei der Umsetzung hat es nicht nur an den Ressourcen geklemmt, sondern auch an der politischen Überzeugung mancher Funktionäre, dass Denkmalschutz etwas Reaktionäres sei.“ 1987 kam Seidel für die CDU in die Stadtverordnetenversammlung: „Ich bin mit der Absicht da rein, etwas für die Stadtbild- und Denkmalpflege zu machen und auszureizen, wo überhaupt die Grenzen sind.“

In der Dortustraße 66 bis 73 sollte für Jahre eine Baulücke klaffen.

In einigen seiner Kollegen in der Ständigen Kommission Kultur fand er Mitstreiter und deren Vorsitzender, Walter Flegel, gab ihm Rückendeckung. Ende 1988 bestätigten die Stadtverordneten einen von Seidel initiierten Beschlussentwurf zu „Grundsätzen und Thesen zur weiteren Gestaltung des Stadtzentrums von Potsdam“. Es ging ausdrücklich um die Zweite Barocke Stadterweiterung. Mit dem schlauen Verweis auf eine Festlegung von SED-Parteichef Erich Honecker zur Beteiligung „von Bürgern und Abgeordneten“ äußerte die Kommission Kultur da die Erwartung, dass die Stadtverordneten über Baumaßnahmen in der Innenstadt künftig nicht nur informiert werden, sondern über die Pläne dazu „vor der abschließenden Beschlussfassung“ auch beraten. Den Abriss des Häuserzuges in der Dortustraße konnte das nicht mehr verhindern.

Am 10. September 1989 wurde in der Nikolaikirche eine von Michael Zajonz und Michael Heinroth recherchierte Argus-Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes“ über die gewaltigen Verluste an historischer Bausubstanz in der Zweiten Barocken Stadterweiterung nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet, die in vier Wochen von 10 000 Besuchern angesehen wurde. Am 1. November brachte Seidel den von Argus geforderten Antrag auf sofortigen Abrissstopp ein, der von den Stadtverordneten – noch gab es die DDR – einstimmig angenommen wurde.

Argus-Mitglied Christian Seidel Quelle: Bernd Gartenschläger

Christian Seidel wurde im November 1989 Bezirksvorsitzender der CDU, verließ die Partei aber im März 1990 und wechselte zur SPD. Nach einer Auszeit, die er mit politischer Hygiene begründet, wurde er 1993 Stadtverordneter der SPD und sollte mehr als zehn Jahre als Vorsitzender des Bauausschusses aktiven Anteil an der Stadtentwicklung nehmen.

Von Volker Oelschläger

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