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Wendezeit „Da war wirklich was los bei uns“
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10:54 09.09.2014
Demonstranten am 4. November 1989 in Potsdam. Quelle: Michael Hübner
Potsdam

„In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“ Mit dieser Feststellung begann unter dem Titel „Die Zeit ist reif – Aufbruch 89“ der Gründungsaufruf für das Neue Forum, der im Wendeherbst 1989 Hunderttausende Menschen mobilisieren sollte. Unter den 30 Erstunterzeichnern des Aufrufs, die das Neue Forum am 9. und 10. September in Grünheide bei Berlin aus der Taufe hoben, waren mit Rudolf Tschäpe und Reinhard Meinel zwei Potsdamer.

Ausnahmesituation für den Teenager

Als Konrad Tschäpe am 9. September 1989 daheim in der Meistersingerstraße in Potsdam-West seinen 15. Geburtstag feierte, war der Vater nicht da. Über den Grund der Abwesenheit hatte der Sohn längere Zeit „nur ganz vage Informationen“. Schon den Sommer 1989 hatte er als Ausnahmesituation erlebt. Im St.-Josefs-Krankenhaus, in dem er in den Ferien gearbeitet hatte, fehlten Ärzte und Schwestern, die in die Bundesrepublik geflohen waren.

Später, auf einer Ungarnreise, stand Familie Tschäpe selbst vor der Entscheidung, ob sie sich dem Strom der Ausreisenden anschließt. „Wir haben darüber diskutiert. Man saß beim Frühstück und hat Tacheles geredet.“ Für sich hatte Konrad Tschäpe die Frage schon fast beantwortet. „Ich hatte Angst vor der Armee. Und ich hatte von der DDR ganz entschieden die Nase voll.“ Er verwarf seine Fluchtideen, weil er dachte, einen 14-Jährigen würden sie zurückschicken. Überhaupt hätte er das seiner Familie nicht antun können. Der Vater sagte: „Wir müssen etwas versuchen.“ Sie fuhren wieder in die DDR.

Vernehmung in der Lindenstraße 54

Wochen nach dem Treffen in Grünheide wurde der Vater von der Staatssicherheit „zugeführt“, wie es hieß, und über Stunden in der Lindenstraße 54 vernommen. Der Junge erfuhr zu Hause nichts davon. Dafür schienen es am nächsten Tag in der Schule alle zu wissen. Eine Lehrerin fragte ihn vor der Klasse, ob es stimmt, dass sein Vater verhaftet wurde. „Es gab auch Lehrer, die mir ermutigend auf die Schulter geklopft haben.“ Nach der Schule „kam ich nach Hause, weckte meine Mutter aus dem Mittagsschlaf. Sie sagte sofort: ,Das ist Quatsch, das kann nicht sein.’ Dann hat sie meinen Vater angerufen. Er war an seinem Arbeitsplatz.“ Als in der Tagesschau die Nachricht von der Gründung des Neuen Forums kam, „habe ich meinen Vater gefragt, ob es das ist? Da hat er ja gesagt.“
Konrad Tschäpe las im Herbst 1989 Tschingis Aitmatow und Stefan Zweig. Kritische politische Literatur wie Rolf Henrichs „Der vormundschaftliche Staat“ kannte er nicht: „Das hätten mir meine Eltern niemals gegeben. In der Schule bekam man ja schon Probleme, wenn man West-Comics wie Donald Duck dabei hatte. Als wir einmal das Sesamstraßenlied gesungen haben, wurde geschrien: ,Westpropaganda!’“

Die Wohnung in der Meistersingerstraße stand in jenen Tagen praktisch für jeden offen: „Ständig kamen und gingen Leute. Da war wirklich was los bei uns.“ Im Arbeitszimmer des Vaters mit den bis zur Decke gefüllten Bücherregalen lagen Unterschriftenlisten für die Zulassung des Neuen Forums.

Hausarrest

Am 7. Oktober hatte Konrad Tschäpe zum ersten Mal in seinem Leben Hausarrest. Zum 40. Jahrestag der DDR gab es in der Innenstadt die erste größere Protestdemonstration – die von der Polizei mit Gewalt aufgelöst wurde. „Generell war es Politik meiner Eltern, dass mein Vater die Verantwortung für die Dinge übernahm und alles zu tun, damit meiner Mutter nichts vorzuwerfen war.“ Die Kinder, Konrad Tschäpe und seine etwas jüngere Schwester, hatten Adressen von Freunden, bei denen sie sich sofort melden sollten, wenn die Eltern fort wären. Auch die Großeltern waren instruiert.

„Es war wahnsinnig aufregend. Dass irgend etwas passieren musste, war sonnenklar.“ Zur ersten Großdemonstration des Wendeherbstes in Potsdam am 4. November ging Konrad Tschäpe mit einem Schulfreund. Auf einem Plakat forderten sie die Einführung des Zivildienstes. „Es war ein beeindruckendes und befreiendes Erlebnis. Aber wir haben es nicht gemocht, dass die Leute fotografierten.“ Er hatte auch Angst: „Doch es war die Masse an Menschen, die diese Angst sinnlos erschienen ließ.“ Auf der Demonstration traf er Freunde aus der Jungen Gemeinde und aus der Kantorei, Mitschüler, Bekannte, es war, als sei die ganze Stadt auf den Beinen.

Dönerbrot und "Bild" am Bett

Am Abend der Maueröffnung schlief der Schüler früh. Am Morgen standen die Eltern mit einem Dönerbrot und einer Bild-Zeitung am Bett: „Wir waren im Westen.“ Am Abend fuhren sie zur Glienicker Brücke. Man wollte sie wegschicken, doch „Vater meinte, das sie aufmachen müssten“. Sie waren das sechste Auto in dem endlosen Konvoi, der schließlich durchgelassen wurde. An diesem Tag war für den Schüler „klar, dass die Wende vollzogen ist“.

Konrad Tschäpe studierte später Kulturwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Frankfurt (Oder) und an der Pädagogischen Universität Barnaul in der Russischen Föderation. Er ist Doktorand an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Links: Rudolf Tschäpe in den 1990er Jahren. Rechts: Konrad Tschäpe. Quelle: Christel Köster, Volker Oelschläger

Rudolf Tschäpe

Rudolf Tschäpe, geboren am 9. Juli 1943 in Reichenbach, studierte Physik und Astronomie in Jena. Als Diplomphysiker arbeitete er danach in der Sternwarte Sonneberg. 1972 wechselte er an das Zentralinstitut für Astrophysik nach Potsdam.

Tschäpe war ein entschiedener Kritiker der Militarisierung in der DDR. Mit einer Gruppe von Friedensaktivisten versuchte er erfolglos, bei der Jugendkommission der christlichen Friedenskonferenz die Wehrdienstverweigerung zu thematisieren. Er verweigerte den Waffendienst in der NVA und musste als Bausoldat von 1969 an zwei Jahre lang Ersatzdienst leisten.

Über sein christlich begründetes gesellschaftliches Engagement kam er mit Kritikern der DDR-Regierung in Kontakt und gehörte am 9. und 10. September 1989 gemeinsam mit seinem Kollegen Reinhard Meinel zu den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufs für das Neue Forum.

Am 3. November 1989 traten Tschäpe, Meinel, Ute Platzeck und Detlef Kaminski in der Erlöserkirche vor 2000 Menschen in einer ersten Vollversammlung mit dem Neuen Forum an die Öffentlichkeit. Am 9. November wurde das Neue Forum legalisiert. Bei den ersten freien Kommunalwahlen 1990 wurde Tschäpe mit einem Mandat von Neues Forum/Argus für eine Legislaturperiode Stadtverordneter.

Auf Tschäpes Initiative hin gründete sich 1995 die Fördergemeinschaft Lindenstraße 54.
1995 wurde Rudolf Tschäpe mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 2000 erhielt er als Erstunterzeichner des Gründungsaufrufs „Aufbruch 89“ für das Neue Forum den Deutschen Nationalpreis.

Zum sechsten Todestag Rudolf Tschäpes am 14. April 2008 wurde das Rondell vor der Erlöserkirche in Rudolf-Tschäpe-Platz umbenannt.

Von Volker Oelschläger

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