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Wendezeit Mutige Potsdamer besetzten Stasi-Zentrale
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09:54 05.12.2014
Reißwölfe in der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in der Hegelallee. Quelle: Frank Buschner
Potsdam

Der zweite Teil der Friedlichen Revolution begann für Manfred Kruczek am 5. Dezember 1989 gegen 8 Uhr in seinem Büro in der Zentrale des Wohnungsbaukombinates in Waldstadt II. Wie in jeder Frühstückspause las er bei Hackepeterbrötchen und Kaffee im „Sportecho“, als das Telefon klingelte. Rudolf Tschäpe war am anderen Ende, einer der Mitbegründer des Neuen Forums, der ihn zum Büro des Oberbürgermeisters Manfred Bille rief.

Neues Forum rief zur Besetzung auf
Zwei Tage zuvor hatte das Neue Forum nach einem Treffen im märkischen Grünheide DDR-weit dazu aufgerufen, Kontrollgruppen für die mittlerweile in „Amt für Nationale Sicherheit“ umbenannte Staatssicherheit zu bilden. Die erste Kreisdienststelle des gefürchteten Geheimdienstes wurde am 4. Dezember um 8.30 Uhr in Rathenow, die erste Bezirksdienststelle nur Minuten später in Erfurt besetzt. Die letzte und heute bekannteste Aktion gab es fast sechs Wochen später am 15. Januar 1990 mit der Besetzung der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Ost-Berliner Normannenstraße.

Apathisch wirkender Bürgermeister
Die Potsdamer Bürgerrechtler Anette Flade, Heidrun Liepe, Reinhard Meinel, Rudolf Tschäpe, Detlef Kaminski und Manfred Kruczek kamen am 5. Dezember gegen 10 Uhr ins Büro des Oberbürgermeisters. Das „apathisch wirkende Stadtoberhaupt“, so erinnert sich Kruczek, „musste auf unsere Fragen einräumen, weder Sicherungsmaßnahmen für Sachwerte und Akten eingeleitet zu haben, noch irgendeine Strategie zur Entschärfung der Stasi als nur wenige Meter entfernt tickende Zeitbombe zu verfolgen“.

Selbst die Presse war mittlerweile mutig

Bürgerrechtler und Uniformierte am 5. Dezember 1989 auf dem Hof der Stasi-Bezirksverwaltung in der Hegelallee. Quelle: Frank Buschner

Über das Diensttelefon des Oberbürgermeisters beorderten sie Volkspolizei, Staatsanwaltschaft und die mittlerweile mutig gewordene Tagespresse vor die Stasi-Zentrale in der Hegelallee. Seit dem 4. November endete fast jede Demonstration mit „Stasi-raus-Rufen“ vor diesem Tor, nun sollte es sich öffnen. Gegen 12 Uhr wurden die ersten drei Verhandlungsführer eingelassen, am Abend waren Hunderte von Potsdamern auf dem weitläufigen Gelände. Günther Rüdiger, ein Aktivist des Neuen Forums, schilderte später: „Ein Stadtviertel tut sich auf. Geradeaus geht’s direkt zum Reißwolf. Säckeweise Papierschnipsel und leere Aktenordner mit Namen und Nummern.“

Stasi-Unterlagen wurden zuvor vernichtet
Generalmajor Helmut Schickart, der als Chef der Bezirksbehörde am 23. November detaillierte Anweisungen zur Aktenvernichtung ausgegeben hatte, wird an diesem 5. Dezember einräumen, dass Unterlagen „weggebracht und vernichtet wurden – unbedeutende Materialien“. Einige der Bürgerrechtler wechseln zum Stasi-Untersuchungsgefängnis in der heutigen Lindenstraße 54. Seit der Amnestie vom 27. Oktober gibt es dort keine politischen Häftlinge mehr. Inhaftiert sind aber noch fünf Autoschieber.

Kruczek sollte Vernichtung von Beweisen verhindern
Manfred Kruczek gehört zu dem am 6. Dezember gebildeten Bürgerkomitee „Rat der Volkskontrolle“, das „vor allem den Schutz von Dokumenten und Sachwerten des Stasi-Imperiums gewährleisten sollte, um die Durchführung von kriminellen Machenschaften und eine Verdunklung durch die Vernichtung von Schrift- und Archivgut zu verhindern“. In diesem Rat hatten die alten Parteien und Massenorganisationen ebenso Vertreter wie die Gruppen der neuen Bürgerbewegung.

Manfred Kruczek zählt heute zu den Aktivisten des „Forums zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte“. Er bezeichnet es als „geschichtsvergessen und armselig“, dass das 25-jährige Jubiläum der Stasi-Besetzung in der Erinnerungskultur von Stadt und Land keinen angemessenen Platz gefunden habe: „Um wie viel hemmungsloser wäre heute die Durchdringung der Gesellschaft durch sogenannte DDR-Eliten, wenn die Aktenvernichtung nicht gestoppt worden wäre?“

Nicht jeder bekam die Ereignisse mit
„Dieser 5. Dezember 1989 ist an mir vorbeigegangen“, sagt der Historiker Thomas Wernicke, der sich Wochen später sehr intensiv mit den Mechanismen und den Hinterlassenschaften des Geheimdienstes auseinandersetzen sollte. Der heutige Mitarbeiter des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte war im Neuen Forum Sprecher einer Arbeitsgruppe Geschichte, die eigentlich Tabuthemen wie die Sprengung der Garnisonkirche und Abrisse in der Innenstadt aufarbeiten wollte. Der Staatssicherheit begegnete er zuerst indirekt im Haus der Demokratie, das mit Büros für die junge Bürgerbewegung am 24. Januar 1990 im früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis in der Lindenstraße eröffnet wurde.

Damals war alles ungewohnt
An jedem Wochenende gab es dort nun Tage der offenen Tür, zu denen immer mehr der früheren Häftlinge kamen. „Da wurde ich geholt und dann gab es stundenlange Gespräche.“ Auch Mitarbeiter der Staatssicherheit meldeten sich, um über Strukturen und Arbeitsweise zu berichten. „Wir waren uns zunächst unsicher: Ging es ihnen um Aufarbeitung, oder waren sie noch aktiv?“ Diese Kontakte waren hilfreich. „Heute weiß jeder, was ein Informeller Mitarbeiter war. Damals war das alles neu für uns.“

Mit Sondervollmacht im Stasi-Archiv
Im April 1990 gehörte Wernicke zu einer kleinen Gruppe, die auf Initiative des Neuen Forums mit einer Sondervollmacht des Runden Tisches im Archiv der Stasi-Bezirksverwaltung recherchieren konnte. Die Akten lagen ungeordnet in einem sogenannten Objekt am Windmühlenberg in Bornim, das heute vom Landeshauptarchiv genutzt wird. Die innerhalb von zehn Tagen ausgewerteten Berichte der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit an die SED-Bezirksleitung wurden am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung, veröffentlicht.

Das in der eigens gegründeten Edition Babelturm erschienene Buch „Mit tschekistischem Gruß – Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit/Potsdam ’89“ erwies sich als erste umfassende Wendechronik und Dokumentation der Potsdamer Bürgerrechtsgruppen – geschrieben aus der Perspektive ihrer, wie Wernicke sagt, „erklärtesten Gegner“.

Zahlen zur Stasi

  • Am 22. Dezember 1989 wurden erstmals Zahlen zur Größe der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit bekannt. Demnach gab es im Bezirk Potsdam mit seinen 1,1 Millionen Einwohnern 2500 hauptamtliche und 5000 Inoffizielle Mitarbeiter. Zu jedem sechsten Bürger gab es „personenbezogene Unterlagen“. 
  • Sichergestellt wurden bis dahin 1000 laufende Meter Akten mit einem Gesamtgewicht von 50 Tonnen. Bis zur Besetzung der MfS-Zentrale durch Bürgerrechtler wurden zehn Prozent des Aktenbestandes vernichtet. 
  • Auch am 22. Dezember kamen noch 450 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi/Nasi-Bezirksverwaltung zur Arbeit. Nach Angaben des damaligen Regierungsbeauftragten Wolfgang Splett war das „der zur Übergabe der Objekte benötigte Kaderrest“. 
  • Die letzten Waffen der Staatssicherheit und der Juristischen Hochschule Golm wurden offiziell am 29. Dezember 1989 an die Volkspolizei und die Nationale Volksarmee abgegeben. Darunter befanden sich 5221 Pistolen, 2312 Maschinenpistolen, 26 Gewehre, zehn Maschinengewehre und 123 Panzerbüchsen.

Von Volker Oelschläger

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