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Wendezeit DDR-Demontage in Öl
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01:02 12.11.2014
"Mauer im November"
"Mauer im November" Quelle: Peter Rohn
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Potsdam

So ganz wohl ist Peter Rohn nicht, wenn ein Journalist in seinem Atelier in Potsdam-West aufkreuzt und ihn nach seinen Mauer-Bildern fragt. Auf nur drei Ölgemälden hat er das bis 1989 tabuisierte Ungetüm verewigt. Sein Lebenswerk aber umfasst etwa 300 mittelgroße Leinwandbilder, wovon die meisten in Noppenfolie verpackt in seiner Wohnung stehen und der Dinge harren, die da kommen. Beschriftet mit Titeln und Jahreszahlen wie „Der Schulhof, 61“, „Schlachter, 70“, „Licht im Hausflur, 85“, Mansardenfenster, 90“ oder „Die Haus-Sanierung, 2010“.

„Ich habe nie von meinen Bildern leben können, ich musste als Lehrer unterrichten oder als Wandgestalter Aufträge annehmen.“ Der 80-Jährige sagt sogar, er würde heute nicht noch einmal Künstler werden. Dabei könnte der kleine, energische Sachse absolut stolz sein. Er hat mehr als fünf Jahrzehnte durchgehalten und ist sich als Maler treu geblieben. Bereits sein erstes gültiges Bild, „Der Gemüsegarten“ von 1957, zeigt seine Begabung und seine Leitidee. Er verschrieb sich der intensiven Wahrnehmung seiner Lebenswelt und wurde so zum Chronisten. Unbeirrt von den Anfechtungen der Moderne kultivierte er einen Realismus, der den alten Meistern aus Venedig oder Holland Tribut zollt.

Der Ruhm wollte sich nicht einstellen

„Ich hatte gehofft, irgendwann kommt mal eine Kunststudentin und sichtet und systematisiert hier alles.“ Doch der Ruhm wollte sich nicht einstellen, Rohn fühlt sich vom Kunstbetrieb ignoriert. Seit Monaten malt er nicht, um selbst Ordnung in seine künftige Hinterlassenschaft zu bringen. Aus Briefumschlägen zieht er Fotos mit Reproduktionen. Auf einem steht handschriftlich: „29 /,Der Interzonenzug' / (Schillerplatz Potsdam 1961)/ 60 x 80 cm Öl/ Peter Rohn“.

Das Bild entstand, wie er erzählt, im Winter vor dem Bau der Mauer. Es ist ein Mauerbild – aber ohne Mauer. Die Bedrohung ist zum Greifen nah. Ein Hubschrauber steht im Abendhimmel, ein Militärauto, voll gepfercht mit russischen Soldaten, biegt unter der Brücke ein, ein Radfahrer und fünf Passanten ziehen ihrer Wege. Oben, im hell erleuchteten und warmen Zug blicken edel gekleidete Passagiere aus den Fenstern, die zwischen Westberlin und Westdeutschland unterwegs sind.

"Der Interzonenzug" (Schillerplatz Potsdam 1961) 60 x 80 cm Öl Quelle: Peter Rohn

Lebensgeschichten die sich in diesem Gemälde kreuzen

Peter Rohn tritt zu einem Regal und zieht das Paket 29 heraus. Nebenan, im pedantisch sauberen Atelier löst er geduldig die vielen Klebestreifen. Aber sagt nicht das Foto schon alles? Als „Der Interzonenzug“ auf der Staffelei steht, wird deutlich: Die Grautöne, das Licht – das muss man im Original gesehen haben! Und wie viele Lebensgeschichten sich in diesem Gemälde kreuzen! Mit dem Pinsel gelang Rohn hier eine breit angelegte Erzählung, aus der sich auch seine Vorahnung des Mauerbaus herauslesen lässt.

Rohn selbst wollte die DDR nie verlassen. Er fühlte sich nicht einmal eingeengt, kannte er den Westen doch bereits. „In dieser Frage lag ich mit meinen Kindern quer. Es ist natürlich kein schöner Zustand, in einen Käfig hineingeboren zu werden. Aber ich warnte meine Kinder: Geht nicht über die Mauer, ihr habt nur ein Leben!“

Peter Rohn Quelle: MAZ

Das Trostlose. Das Schöne. Das Dunkle. Das Leuchtende

Als Maler stellte er sich den Themen, die auf der Straße lagen. Und weil er das Trostlose wie auch das Schöne, das Dunkle wie auch das Leuchtende im Blick behielt, durchströmt seine Bilder eine magische Intensität. Die Stadt bestand nun einmal nicht nur aus maroden Häusern, davor grünten und blühten die Bäume. Und der Mond konnte einen Trabi in ein märchenhaftes Licht tauchen. Rohn brachte sein tiefes Empfinden in einer stets anschwellenden, mutigen Farbigkeit zum Ausdruck. Dem Wunsch nach behaglichen Idyllen gab er nicht nach.

Als unverwechselbare Grundstimmung spricht eine verstörende Beklemmung aus all seinen Bildern, auch aus scheinbar unverdächtigen, apolitischen Motiven – Autofriedhöfe, Winterlandschaften oder einem Faschingsfest. In seinen durchdachten Bildkompositionen kulminiert der Geist der Stagnationszeit.

"Verbrannter Trabant" Quelle: Peter Rohn

Skizzen ohne propagandistischen Mehrwert

Dabei hat Peter Rohn 1958 nach dem Kunststudium in Leipzig und Dresden zunächst versucht, mit der neuen Zeit Schritt zu halten. Der Absolvent ließ sich an den kunstfernen Industriestandort Brandenburg/Havel lenken. Bevor er ernsthaft zum Pinsel griff, bestand er auf einer viermonatigen Anstellung als Hilfsarbeiter im Drahtwalzwerk Groß Kirchmöser. „Nach einer Frühschicht wusste ich, jetzt könnte ich nicht mehr ins Theater gehen. Das war alles gut gedacht, aber undurchführbar.“

Die Sinneseindrücke – der höllische Krach, der Dreck, das Farbspektrum beim Hochofen-Abstich – ließen ihn nicht los. Seine Skizzen verarbeitete er noch Mitte der 70er Jahre zu Produktionsbildern – aber ohne propagandistischen Mehrwert. „Ein Künstler ist dazu da, den Fakt vorzulegen. Das sind Zeitauskünfte“, meint er und fügt hinzu: „Viele Kunstkäufer aus dem Westen sind heute scharf auf Trophäen des Sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung. Damit kann ich nicht dienen.“

Realistisch, nicht rätselhaft genug

Allerdings gibt es von Rohn ein in Formsprache und Aussage recht einfältiges Wandmosaik an einem Potsdamer Plattenbau  – Titel: „Adam und Eva“. Mit ihm handelte er sich 1981 bei Kollegen den Ruf ein, ein Staatskünstler zu sein. „Manche sprachen mir damals überhaupt ab, ein Künstler zu sein. Ich malte ihnen zu realistisch, nicht rätselhaft genug. Ich bin auch heute auf die Bilder am stolzesten, die keiner sehen will“, so Rohn trotzig.

Doch nun will ein Journalist in seinem Atelier die Mauer-Bilder sehen. „Die Gesellschaft verlangt Bekenntnisse, das muss man nutzen“, geht Rohn darauf ein. Er war der einzige, der 1989 den Verlauf der Mauer zwischen Babelsberg und Sacrow lückenlos dokumentiert hat. „Als sie fiel, wusste ich, dass sie ganz schnell eingerissen wird. Während die anderen alle zum Ku’damm stürzten, war ich über Wochen mit einer kleinen Kamera unterwegs.“

"Gestürzter Wachturm" Quelle: Peter Rohn

Die Stiftung Schlösser und Gärten kaufte das Konvolut

Rohns Fotos wurden ein wichtiges Zeitdokument für den entsetzlichen Zustand, in dem sich die preußische Kulturlandschaft bis 1990 befand. Die Stiftung Schlösser und Gärten kaufte das Konvolut an und erwarb sämtliche Fotorechte. „Horst Schönemann, der Vize der Stiftung, half mir damals, dass ich überhaupt in den verbarrikadierten Mauerstreifen hineinkam. Es war gruselig, ich traf ja auch noch auf Grenz-Patrouillen.“

Er hätte es bei den Fotos belassen können. Warum malte Rohn 1990/91 die Mauer und ihre Demontage auch noch in Öl? „Was durch die Hand geht, muss durch den Kopf“, erklärt er. Es fällt ihm schwer, Fotografien einen Kunstrang einzuräumen. Lachend erinnert er sich, dass ihm in den 60ern beim Malen der berühmte Potsdamer Staudenzüchter Karl Förster über die Schulter schaute und riet: „Kauf Dir doch nen Fotoapparat!“

Ohne die Erfindung der Fotografie wäre Rohns Künstler-Existenz  heute weniger prekär. Als Realist hat er es besonders schwer. Bis auf eine Ausnahme: „Die Mauer-Bilder hätte ich längst an Privat verkaufen können – die sind Geschichte pur. Doch die gehören in ein öffentliches Museum.“

Von Karim Saab

HINTERGRUND

  • Geboren wurde Peter Rohn am  4. Januar 1934 in einer bürgerlichen Familie in Dresden. Er wuchs in der Prager Straße auf. Während des Krieges zog die Familie in die Sächsische Schweiz. Die gefühlte Einsamkeit unter den Jugendlichen des Dorfes animierte ihn zum Malen.
  • 1953 immatrikulierte er sich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die damals noch nicht im Zeichen der Malerei stand. Er gehörte zur ersten Klasse, die von Bernhard Heisig unterrichtet wurde. 1956 wechselte er an die Hochschule für Bildende Künste in Dresden, wo er sein Diplom für Malerei bei Rudolf Bergander ablegte. Das Angebot des Berliner Malers Otto Nagel, bei ihm Meisterschüler zu werden, schlug er aus.
  • Seit 1961 lebt Peter Rohn in Potsdam. Von 1983 an unterrichtete er an der Fachschule für Baugestaltung Potsdam „Künstlerische Grundlagen“.
  • Sechs Bilder von ihm sind noch bis 11. Januar in der Schau „Stadt-Bild/Kunst-Raum“ im Potsdam Museum zu sehen.
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