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Matthias Platzeck zieht sich in die Uckermark zurück

Das Dorfgespräch

Kein Seeblick, aber trotzdem gute Aussichten für Platzeck: Auf seinem neuen Grundstück wachsen Obstbäume, im Hintergrund sind die Eulenberge zu sehen.

Gerswalde.Jana Manke steht in Turnschuhen auf der Dorfstraße und zuckt mit den Schultern. Ja, sie hat ihn vor ein paar Tagen mal kurz gesehen. „Er ist in einer schwarzen Limousine an mir vorbeigefahren“, erzählt die 29-Jährige. Tochter Emely und Sohn Ben zerren am T-Shirt der Mutter. Wer dieser Platzeck ist, wissen die Kinder nicht, sie wollen viel lieber Fahrrad fahren. Auch Jana Manke selbst zeigt sich nicht wirklich bewegt. „Aber die Älteren, die hier wohnen, finden das alle sensationell. Sie hoffen, dass hier was passiert, dass es vorangeht mit dem Dorf.“ Gerade wurde sie wieder von zwei Radfahrern angesprochen und ausgefragt.

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Touristen, Journalisten, Neugierige – alle interessieren sich zurzeit ganz besonders für das Dorf in der Uckermark. Sie wollen wissen, auf welchem Grundstück sich Matthias Platzeck (SPD) nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident zurückziehen und ein Häuschen bauen will.

Von seiner Bank kann Heinz Böttcher Platzecks Gartentor sehen.

Von seiner Bank kann Heinz Böttcher Platzecks Gartentor sehen.

Dass der gebürtige Potsdamer Platzeck den nordöstlichen Zipfel Brandenburgs liebt, ist kein Geheimnis. Gelegentlich radelt er durch die „Po- und Busenlandschaft“, wie der Politiker die hügelige Region einmal nannte. 2008 hatten sich Platzeck und seine Frau Jeanette in der Kirche von Ringenwalde trauen lassen. Diese ist nur 20 Kilometer von seinem neuen Grundstück entfernt. Das Private ließ sich hier bisher gut mit Politischem vereinen. Bei den vergangenen Landtagswahlen holte Platzeck mit großem Abstand das Direktmandat in der Uckermark.

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Sülze, Fisch und Wild sind ihre Spezialität: Wirtin Elke Voß.

Sülze, Fisch und Wild sind ihre Spezialität: Wirtin Elke Voß.

Nun will er genau hier abschalten vom politischen Geschäft. Das Stück Wiese, das er sich gekauft hat, liegt gleich an der Dorfstraße. Am Gartentor wächst ein Pflaumenbaum, die Früchte sind süß und saftig. Vier in die Erde gehauene Holzpfähle lassen erahnen, wo bald ein Häuschen stehen soll. „Den See sieht man von dort aus nicht. Nur Feld und Wald, das sind die Eulenberge“, erklärt Heinz Böttcher und rollt dabei das „R“. Der 77-Jährige sitzt an der anderen Straßenseite im Blaumann auf einer Bank. Dass durch den neuen Nachbarn für sein Dorf der große Schub kommt, bezweifelt Böttcher: „Er muss sich ja auch an die Gesetze halten.“ Von Amts wegen kennen sich die Männer persönlich.

19 Jahre lang war Böttcher Bürgermeister der Gemeinde, als Rentner baute er Bushäuschen und mähte Gras am Straßenrand. Böttcher sagt, er habe die Gemeinde im Dezember 2011 schuldenfrei an seinen Nachfolger übergeben. „Wir haben auch ziemlich viel Technik: Rasenmäher, Mulcher, Trecker.“ Er habe im richtigen Moment die gemeindeeigenen Grundstücke verkauft. Das spülte Geld in die Kassen. „Und in die Häuser, die leer stehen, kommen die Berliner.“ Böttcher lächelt milde. „Da prallen manchmal Welten aufeinander.“

Der Oberuckersee ist glasklar und mit dem Rad gut zu erreichen.

Der Oberuckersee ist glasklar und mit dem Rad gut zu erreichen.

Wo die eine Welt aufhört und die andere anfängt, erkennt man an den Rasenstreifen vor jedem Grundstück, meint Gerhard Sagurna. „Gucken Sie mal die Wiese an“, sagt der 61-Jährige und zeigt in Richtung eines Dreiseithofes, der wie die meisten Häuser des Dorfes sowie die Straßen und Fußwege auf den ersten Blick ziemlich gut in Schuss ist. Etwas unwirklich heult genau in diesem Moment irgendwo ein Rasenmäher auf. Sagurna wuchs im Nachbarort auf, jetzt lebt er hier mit seiner Frau. Er sagt: „Ich mag mein Dorf.“ Und obwohl Sagurna Platzecks Abgang „nicht so günstig“ fand, freut er sich nun auf dessen Umzug. Und Nachfolger Dietmar Woidke? „Der soll für Brandenburg da sein.“

In dem Haus, vor dem das Gras ein bisschen höher als das vor anderen Häusern steht, wohnt Ursula Macht. Sie ist vor dreieinhalb Jahren von der Stadt in die Uckermark gezogen. Eigentlich ist sie Literaturübersetzerin, nun hat sie eine kleine Galerie im Dorf, sie organisiert Kräuterwanderungen, literarische Picknicks und verdient sich als Dorfkümmerin etwas dazu. Dieses EU-geförderte Projekt soll das Dorfleben aktivieren. Ursula Macht möchte eine Gemüse- und Versorgungsgemeinschaft mit biologischen Produkten aufbauen. Damit sich das lohnt, müssen 50Leute mitmachen. „Es sind erst zwölf. Vielleicht kann sich der neue Nachbar mit einfinden“, sagt Ursula Macht.

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Ursula Macht setzt auf Platzecks Appetit auf biologisches Gemüse.

Ursula Macht setzt auf Platzecks Appetit auf biologisches Gemüse.

Schon jetzt ist Platzeck von den Fähigkeiten einer anderen Bewohnerin begeistert. Elke Voß leitet die Dorfgaststätte „Kastanienhof“ und ist eine begnadete Köchin. Ihr Wirtshaus steht vis-à-vis zur Kirchenruine und ist Zentrum des Dorfes, wo es seit Jahren keine Post und keinen Bäcker mehr gibt. Seit dem Ende der LPG trinkt hier zwar keiner mehr sein Feierabendbier an der Theke, aber Radtouristen kehren häufig ein und die Einheimischen feiern bei Elke Voß Goldene Hochzeiten. „Wir freuen uns, dass Matthias Platzeck hierher zieht. Das ist für alle ein Highlight“, sagt die 51-Jährige, die an diesem Tag Hirschbraten und Matjes auf die Speisekarte geschrieben hat. „Aber dazu sagen möchte ich nichts, schließlich ist er mein Gast.“ Und das war er schon, bevor er überhaupt Ministerpräsident wurde.

Von Juliane Primus

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