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Jeder vierte Bewohner in Wallmow ist jünger als 18 Jahre

Das Wunder von Wallmow

„Die Schule und die Kita“ sind das Geheimnis vom Wallmow, verrät die Ortsvorsteherin.

Wallmow.In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, wäre ein Dorf wie Wallmow ganz normal. Hier stehen adrett renovierte Backstein-Bauernhäuser und Fachwerkkaten in wuchernden Gärten. Hinter den Hecken sind blaue Trampoline und rote Bobby-Cars zu erahnen. Kinder, Eltern, Alte radeln die Dorfstraße entlang und grüßen. Vor dem Konsum sitzen ein paar Leute beim Nachmittagsbier. Wallmow lebt, gemütlich und unspektakulär.

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Aber Wallmow, 300 Einwohner, liegt in der Uckermark. Hier grenzt Brandenburg an Vorpommern und beide an Polen. Hier sterben die Dörfer aus, hier werden die Läden verbarrikadiert und immer mehr Schulen geschlossen.

In der Uckermark grenzt der Alltag von Wallmow an ein Wunder. Spektakulär ist vor allem eine Zahl: 70 Kinder leben im Ort, fast jeder Vierte im Dorf ist unter 18 Jahre alt. Meistgesehenes Fahrzeug im Ort: VW-Busse älteren Baujahrs, gleichermaßen gut für den Transport von Baumaterial, Schafen und Nachwuchs.

Heike Rymas, die Ortsvorsteherin, hat gerade ein Dutzend Kinder auf eine Schatzsuche quer durch den Ort geschickt. Überall hat sie Briefumschläge mit Rätseln verteilt, die die Kinder lösen müssen. Nach dem Spiel gibt es Limo und Pommes im Dorfkrug, der Rymas’ Freundin Birgit Lindhorst gehört.

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Was ist das Geheimnis von Wallmow, Frau Rymas? "Die Schule und die Kita", sagt die Dorfchefin. "Gäbe es beide nicht, wäre Wallmow ein Dorf wie ganz viele in der Uckermark."
In der Dorfschule lernen 35 Kinder in zwei Klassen. Jeweils die Jahrgangsstufen eins bis drei und vier bis sechs werden zusammen unterrichtet. Es ist eine freie Schule, ihr Trägerverein Zuckermark ist zugleich einer der größten Arbeitgeber im Dorf. Solche Zwergschulen gibt es in staatlicher Trägerschaft nicht mehr. Da gilt seit Jahren die Devise: Schließen, zusammenlegen und die Kinder stundenlang mit Schulbussen über die Dörfer schicken. Im nahen Schmölln ist das kürzlich passiert – jetzt melden auch Eltern aus den umliegenden Dörfern ihre Kinder in Wallmow an.

Im Zentrum des Wunders steht also ein Verein mit einem Kalauer-Namen. Hinter dem alten Guts-haus baut Zuckermark gerade die neue Kita. Die Lehmwand steht schon, ab Herbst können hier 30 Kinder betreut werden. „Der Bedarf ist da“, sagt Kita-Leiterin Angelika Wuttig und ergänzt selbstbewusst: „Wir füllen eine Leere in einem unterentwickelten Gebiet.“

Was aber ist nun das Geheimnis von Wallmow, Frau Wuttig? Das werde sie nicht zu ersten Mal gefragt, meint die Kita-Leiterin: „Immer wieder kommen Demografie-Forscher auf der Suche nach unserem Patentrezept.“ Und immer sagt sie: Es gibt keins. „Es ist eine Mischung aus ganz vielen Zufällen und ganz viel Engagement.“

Die Zufälle haben Menschen wie Jörg Siegmund nach Wallmow gebracht. Der 49-Jährige war früher Elektriker und ist jetzt einer der beiden Erzieher in der Zuckermark-Kita. Siegmund ist dem Lockruf von Wallmow gefolgt. Der Name geistert seit 20 Jahren durch die Kreise der Stadtflüchtigen. Hier gab es billige Häuser, große Grundstücke und Platz für Träume. In der Nähe ist eine Autobahnauffahrt, die den VW-Bus in einer halben Stunde in die polnische Großstadt Szczecin oder in 90 Minuten nach Berlin bringt.

Leerstand gibt es nicht mehr, sagt Heike Rymas, Wallmow ist jetzt voll. Nun sind sie alle da, die Öko-Tischler und Biogärtner, die Ärzte, die in die umliegenden Kreisstädte Prenzlau und Pasewalk pendeln, und die Selbstständigen, die drei Tage die Woche nach Berlin fahren, „in die große Stadt“, wie Jörg Siegmund sagt. Und es gibt diejenigen, die ihre Ansprüche heruntergeschraubt haben, von Grundsicherung und Kindergeld leben und dem, was man anbauen und eintauschen kann. So lange der VW-Bus hält, geht das hier ganz gut.

Auch Sebastian Bähr ging es nicht ums Geld, als er bei Zuckermark anfing. Der 30-Jährige hat schon als Automechaniker und Heilerziehungspfleger gearbeitet, nun ist er neben Siegmund der zweite Erzieher in der Kita. Zusammen mit Angelika Wuttig macht das eine Quote von 66 Prozent männlichen Bezugspersonen im Kindergarten. Vielleicht ist Wallmow doch nicht so normal.

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Für Sebastian Bähr aber schließt sich ein Kreis. Dort, wo die neue Kita entsteht, war früher ein Stall. „Mein Großvater hat dort die Schweine der LPG gehütet“, erzählt Bähr und lacht. Nachfolger der Genossenschaft ist ein Bio betrieb, heute der zweite große Arbeitgeber. Wallmow ist das Dorf von Bährs Großeltern. Er lebt im Haus seiner verstorbenen Oma, züchtet Pferde.

Bähr hat sich gewöhnt an das neue Wallmow, an die Invasion der Stadtflüchtigen. Für die Alten war es schwieriger. Im alten Wallmow gab es Regeln. Der Vorgarten musste adrett sein, saubere Gardinen in den Fenstern und am Wochenende wurde der Gehweg geharkt. Dann kamen die Neuen, denen das alles gleichgültig war. „Sicher gab es anfangs Skepsis, was da passiert, aber das ist doch das Normalste von der Welt“, sagt Ortsvorsteherin Rymas, eine der Alteingesessenen. Sie sitzt auf der Holzbank vor dem Dorfkrug und will nicht allzu viel über Konflikte reden. „Wir waren immer ein Dorf, es gibt schließlich nur ein Wallmow.“

Von Jan Sternberg

Bevölkerungszahl schrumpft

Brandenburgs Bevölkerung schrumpft seit 1999 kontinuierlich. Gab es damals noch mehr als 2,6 Millionen Menschen im Land, sind es derzeit nur noch knapp 2,45 Millionen. Bis 2030 erwartet das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg einen weiteren Rückgang auf 2,23 Millionen Einwohner.

Erwartete Zuzüge im Berliner Umland können den natürlichen Bevölkerungsverlust nicht ausgleichen. Der ergibt sich daraus, dass die Zahl der Geburten regelmäßig niedriger ist als die Zahl der Sterbefälle. Der Sterbeüberschuss soll bis 2030 an Fahrt aufnehmen, von jetzt 8000 Personen jährlich auf dann 23.500.

Kinder unter 15 Jahren sind schon jetzt eine Seltenheit im Land. Im Land liegt ihr Anteil bei derzeit 11,2 Prozent. In der Prignitz sind es sogar nur 9,8 Prozent und bis 2030 soll der Kinderanteil dort auf nur noch 6,9 Prozent sinken.

In der Uckermark  soll die Kinderquote bis 2030 von jetzt 10,4 Prozent auf acht Prozent sinken.

Nur Potsdam bildet in den Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung eine Ausnahme. Hier wird ein Anstieg der Bevölkerung erwartet. Und auch der Anteil der unter 15-Jährigen soll bis 2030 zunehmen, von derzeit 12,7 Prozent auf dann 13,2 Prozent.

net

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