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Kaisers Nachfahren beförderten Hitlers Aufstieg – aber wie stark?

Der Sündenfall des Hauses Hohenzollern

Der "Tag von Potsdam". Tausende säumten die Straßen als Reichskanzler Adolf Hitler nach Potsdam kam. Ganz nah dran war Kronprinz Wilhelm von Preußen (hier nicht im Bild).

Potsdam. Als unseliger „Tag von Potsdam“ ist der 21. März 1933 in die Geschichtsbücher eingegangen. Jener Tag, an dem Abertausende die Straßen der früheren Residenzstadt säumten und jubelten: Adolf Hitlers neuer Reichstag wurde in der Garnisonkirche, der Grablege des Soldatenkönigs und von Friedrich II., mit Pomp und Traditionsbrimborium eröffnet. Der Hintergedanke der PR-Inszenierung: Die neuen braunen Machthaber üben den Schulterschluss mit dem alten Preußen der Hohenzollern! Es war der Sündenfall des ehemaligen Herrscherhauses.

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Um genau diese Verstrickung in das braune Regime geht es jetzt auch in der Beurteilung des Amts für offene Vermögensfragen, das eine Entschädigung für Nachkriegsenteignungen der Dynastie bejaht – die Erben sollen laut einem gerade ergangenen Vorbescheid eine gute Million Euro erhalten.

Tatsache ist, dass die Vertreter des abgedankten Herrschergeschlechts, die Söhne des letzten Kaisers Wilhelm II., beim „Tag von Potsdam“ nur zu gerne mitspielten; teilweise im vollen Nazi-Ornat. Prinz August Wilhelm („Auwi“) trug stolz seine Uniform eines ranghohen SA-Offiziers. Er war Spitzenkandidat der NSDAP im Reichstagswahlkreis Potsdam I. Die anderen Brüder Oskar und Eitel Friedrich erschienen in der Uniform des „Stahlhelms“, des Frontkämpferbunds. Und der frühere Kronprinz Wilhelm nahm in der Kirche die Position hinter dem leeren Thron ein, der symbolisch für das abwesende Kaiserhaus stand. Bereits 1932 hatte sich Wilhelm als gemeinsamer Kandidat der Rechten für die Reichspräsidenten-Wahl angedient, was Goebbels im Tagebuch vermerkte: „Kurier kommt vom Kronprinzen. Mit Brief. Erbittet Hitlers Unterstützung bei seiner Kandidatur. Harmloser Irrer! Wir überlegen!“ Aber der willige Wilhelm wurde schon einen Tag später von seinem Vater, dem Ex-Kaiser, zurückgepfiffen.

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Nichtsdestotrotz hatte der Hohenzollern-Spross, der wegen seines Hangs zu schnellen Autos und schicken Schauspielerinnen im Volk wenig Hochachtung genoss, weiterhin keine Berührungsängste mit den Nazis. In seinem "Brief aus Oels" deklarierte er sich als Hitler-Unterstützer. Kurz nach der "Machtergreifung" bezeichnete der Hohenzoller ausländische Kritik am beginnenden Terror gegen die Juden als "über Deutschland ausgestreute Verleumdung". Überliefert ist auch seine Teilnahme an einer Gedenkstein-Enthüllung für Nazi-Märtyrer Horst Wessel. Mit der Überführung des "Stahlhelms" in die SA wurde der Ex-Kronprinz Mitglied der Motor-SA, Motorsturm. Der NSDAP gehörte er nicht an. In den folgenden Jahren scheint sich der Kontakt mit der Nazi-Spitze immer mehr aufs Telegrafieren beschränkt zu haben: Glückwunschtelegramm an Hitler zum Frankreich-Sieg; Geburtstagsglückwünsche Hitlers an Wilhelm.
Am 17. Januar 1945 verließ Wilhelm Potsdam Richtung Westen. Vereinsamt starb er 1951 im schwäbischen Hechingen im Alter von 69 Jahren.

An Kronprinz Wilhelms Verhalten im Dritten Reich dürften sich die Geister scheiden. Dessen Aktivitäten, so äußert das Amt für offene Vermögensfragen, seien nicht ausreichend, um dem aktuellen Kopf der Dynastie, Georg Friedrich, eine Entschädigung zu verweigern. „So ist zur Überzeugung der Behörde nicht hinreichend nachweisbar, dass der frühere Kronprinz des Deutschen Reiches insbesondere dem nationalsozialistischen System in erheblichem Maße Vorschub geleistet hätte.“ In seinem 30-seitigen Bericht beruft sich das Amt auch auf den renommierten Historiker und Preußen-Kenner Christopher Clark, der im Auftrag des Preußen-Hauses ein Gutachten erstellt hat. Wilhelm sei zwar ein „Mann am rechten Rand des politischen Spektrums gewesen, der zu einer Zusammenarbeit mit extremistischen Gruppierungen bereit war“. Sein „anfänglicher Optimismus in Bezug auf Hitler“ sei aber recht bald „verblasst“. Aus Sicht der Behörde dienten die Handlungen und Äußerungen des Ex-Kronprinzen „in erster Linie einer Restauration des monarchistischen Systems in Deutschland unter einem Herrscher aus dem Hause Hohenzollern, nicht aber dazu, ein nationalsozialistisches System zu etablieren.“

Zwischen den Zeilen bescheinigt der Bericht dem Hohenzollern-Spross alle Züge eines Opportunisten: „Allerdings war der frühere Kronprinz offenbar zur Erlangung dieses Ziels bis zu einem gewissen Grad wohl bereit, sich dazu auch der Unterstützung der nationalsozialistischen Bewegung zu bedienen.“

Einen Blanko-Persilschein bekommt hingegen der Sohn des Kronprinzen, Prinz Louis Ferdinand, von der Behörde ausgestellt: "Er hat sich in der fraglichen Zeit nachweisbar nicht im Sinne des nationalsozialistischen Regimes politisch betätigt."
An Louis Ferdinands Enkel, Hohenzollern-Chef Georg Friedrich, soll nun die Entschädigungszahlung für die enteigneten Immobilien in Brandenburg gehen.

Von Ildiko Röd und Ulrich Wangemann

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