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Undercover im Flüchtlingsheim

„Erstaufnahme Eisenhüttenstadt ist ein Witz“

Shams Ul-Haq als Flüchtling im Asylbewerberheim.

Shams Ul-Haq als Flüchtling im Asylbewerberheim.

Eisenhüttenstadt. Gegenüber Biodeutschen habe ich als gebürtiger Pakistani für meine journalistische Arbeit einen Vorteil, um den mich ansonsten nicht viele beneiden: Mir fällt es leicht, den Asylanten zu mimen. Schließlich war ich selbst einmal ein echter ...

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An einem Sonntagnachmittag komme ich in Eisenhüttenstadt an. Im Erstaufnahmelager gehe ich auf die Sicherheitsleute zu. Ich bin der Flüchtling, der nur englisch spricht: „I need Asylum.“ Hinter mir höre ich eine Stimme. „Scheiße, noch nicht mal am Sonntag hat man vor denen Ruhe.“ Die Leute fragen mich nach Dokumenten. Ich verneine. Niemand von der Verwaltung ist sonntags da, um einen Asylbewerber offiziell aufzunehmen.

Selfie als Flüchtling: Journalist Shams Ul-Haq in Eisenhüttenstadt.

Selfie als Flüchtling: Journalist Shams Ul-Haq in Eisenhüttenstadt.

Sie schicken mich an eine andere Stelle, 100 Meter weiter. Ein Sicherheitsmann mit osteuropäischem Akzent gibt mir dort ein Formular. Er bietet mir freundlich einen Platz an, ein Verhaltenskontrast zu den Kerlen vom Eingang. Ich erzähle, den Tag viel gelaufen zu sein. Ich sei hungrig. Normalerweise ist die Küche jetzt zu, aber er organisiert mir etwas. Ich bekomme zwei Brötchen mit Honig.

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Jetzt lesen:
Schwere Mängel bei der Flüchtlings-Registrierung>

Soll ich behaupten, aus Syrien zu stammen?

Vor dem sympathischen Wachmann bin ich Inder. Ich erzähle ihm, in Delhi hätte ich einen Deutschkurs auf dem Goethe-Institut besucht und fange zaghaft an, meine Sprachkenntnisse zu präsentieren. Ich könne aber nicht gut deutsch schreiben, erkläre ich. Er gibt mir ein Formular auf Urdu. Die pakistanische Amtssprache sprechen auch ein paar Millionen Inder.

Mit dem Sicherheitsmann spreche ich jetzt mal ein offenes Wort. Als Inder hätte ich doch sowieso keine Chance, in Deutschland Asyl zu bekommen. Meine Heimat gelte schließlich als sicheres Herkunftsland. Ich frage ihn also, ob ich lieber behaupten solle, aus Syrien zu stammen. Er rät mir zu.

Das Fingerabdrucksystem funktioniert nicht

Die Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt ist wie fast überall ein Witz. Das Fingerabdrucksystem funktioniert nicht. Die Flüchtlinge wissen, dass sie sich mehrmals registrieren und somit mehrmals Geld bekommen können. Werden sie erwischt, bedeutet das keineswegs die automatische Abschiebung. Syrer haben die besten Karten, werden besser behandelt als Pakistaner oder Marokkaner, anerkannt sowieso. Der Wachmann geht in einen anderen Raum. Derweil muss ich draußen in einer Saukälte warten. Mit mir bibbern ein Syrer und eine armenische Familie mit vier Kindern.

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Sanitärtrakt in der Männer-Unterkunft Unterschleuse bei Eisenhüttenstadt.

Sanitärtrakt in der Männer-Unterkunft Unterschleuse bei Eisenhüttenstadt.

Der Syrer und ich werden anschließend einen Kilometer weiter nach Unterschleuse gefahren, auf das Gelände einer ehemaligen NVA-Kaserne. Männer werden dort getrennt von Frauen untergebracht – eine Folge von Übergriffen.

Ich bekomme einen Ausweis und atme innerlich durch

In den 16 Containern leben momentan zwischen 60 und 70 Flüchtlinge. Die kämen locker noch in Eisenhüttenstadt unter. Man könnte Unterschleuse momentan dicht machen. In den Erstaufnahmelagern ist generell nicht mehr so viel los. Die Schließung der Balkanroute macht sich bemerkbar.

Leere Zelte in Unterschleuse: Die Blockade der Balkan-Route zeigt Wirkung.

Leere Zelte in Unterschleuse: Die Blockade der Balkan-Route zeigt Wirkung.

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Ich bekomme nach meiner Ankunft einen Schlafsack und eine Tüte mit Äpfeln, Saft, Brötchen, Butter und wieder Honig. Die Lüftung im Container läuft den ganzen Tag. Feiner Staub dringt ein. Nach drei Tagen kommt der Rotz schwarz aus der Nase. Das Ding bläst so laut, dass ich nachts kaum schlafen kann.

„Ich habe Angst, entdeckt zu werden“

Ich werde wieder nach Eisenhüttenstadt gebracht. Dort drücken sie mir ein Ticket nach Dresden in die Hand. Dresden? In der Sachsenmetropole, so wird mir mit Händen und Füßen erklärt, würden schwerpunktmäßig Inder betreut. Sechs Leute begleiten mich vom Lagertor zum Roten Kreuz. Die Mitarbeiter des DRK tuscheln. Mein Gesicht käme ihm bekannt vor, sagt einer. Sie diskutieren. Ich habe Angst, entdeckt zu werden. Sie schauen sich Bilder im Computer an, tippen meinen falschen Namen ein. Ich bekomme aber einen Ausweis und atme innerlich durch.

Weiter zur nächsten Unterkunft: Ein Soldat hilft beim Umzug in ein neues Heim.

Weiter zur nächsten Unterkunft: Ein Soldat hilft beim Umzug in ein neues Heim.

In Dresden erzähle ich, dass ich zurück nach Eisenhüttenstadt will. Mein Bruder lebe dort. Das klingt glaubhaft. Und niemand will dort freiwillig hin. Sie sagen, ich solle vor Ort mein Anliegen vortragen. Ich bekomme einen handschriftlichen, nicht unterschriebenen Wisch mit auf den Weg. Den soll ich im Lager abgeben. Drauf steht: „Er kennt hier niemanden und möchte wieder zu seinen Freunden zurück.“ Ein Zugticket bekomme ich jetzt nicht. Ich muss mich so durchschlagen.

Zoff zwischen Irakern und Syrern

In Eisenhüttenstadt nimmt mir eine Frau Blut ab. Die hektische Dame sticht mir brutal in die Vene. Ich bekomme einen Bluterguss. Nicht nur ich: Den meisten anderen, die in die Fänge dieser Grobmotorikerin geraten, geht es nicht anders. Beim Arzt wartet eine deutsche Familie. Die reagiert missmutig, als eine syrische vor ihnen dran kommt, obwohl sie gerade erst reinschneit. Ich spreche sie auf Deutsch an. Das Krankenhaus in Eisenhüttenstadt sei zu bestimmten Tageszeiten für Einheimische gesperrt, erzählen sie mir. Der Grund: Tuberkulose-Angst.

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Nach der Blutabnahme bekam der Undercover-Journalist einen Bluterguss. Hier klingt er bereits ab.

Nach der Blutabnahme bekam der Undercover-Journalist einen Bluterguss. Hier klingt er bereits ab.

Wieder im Lager Unterschleuse zurück, bekomme ich die üblichen, nervigen Streitereien zwischen Syrern und Irakern mit. Die einen werfen den anderen vor, Ibrahim al-Badri, der Chef der IS-Armee, stamme aus dem irakischen Samarra. Der Irak trage deshalb die Schuld am Krieg in Syrien. Dieses merkwürdige Kausalitätskonstrukt hörte ich schon in so ziemlich jedem Flüchtlingsheim. Auch hier kursiert außerdem die Geschichte, die Verpflegung sei so miserabel, weil der deutsche Staat Gelder der UNO zurückhalte. Die Leute langweilen sich und glauben schnell Märchen.

Sie entscheiden nach Aussehen, Zigaretten oder Eurostücken

Auf dem Hof und bei der Stelle, wo die Neuankömmlinge ihr erstes Geld erhalten, platzieren sich drei ehrenamtliche Helfer. Selbst Flüchtlinge, die nicht den Eindruck machen, als ob es ihnen um reine Menschenliebe geht. Sie entscheiden – wie mir scheint bei Frauen nach dem Aussehen – , wer den Vortritt bekommt – oder nach zugesteckten Zigaretten und Eurostücken. Einer von ihnen stellt sich mir als tschetschenischer Kämpfer im Krieg gegen die Russen vor. Er zeigt mir auf seinem Handy Fotos von sich in Uniform samt Schusswaffe.

Lesen Sie am Sonnabend den zweiten Teil:

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Fromme Männer und nächtliche Belästigungen

Von Shams Ul-Haq

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