Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Mutmaßlicher Wachmann (101) aus Sachsenhausen vor Gericht

KZ-Prozess: Staatsanwalt fordert Haftstrafe für Josef S.

Josef S. (101) soll laut Anklage im Konzentrationslager Sachsenhausen willentlich Hilfe zur Ermordung von Lagerinsassen in 3518 Fällen geleistet haben.

Josef S. (101) soll laut Anklage im Konzentrationslager Sachsenhausen willentlich Hilfe zur Ermordung von Lagerinsassen in 3518 Fällen geleistet haben.

Brandenburg an der Havel. Im Prozess gegen den mutmaßlichen ehemaligen KZ-Aufseher Josef S. (101), der wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 3518 Fällen angeklagt ist, hat Oberstaatsanwalt Cyrill Klement fünf Jahre Haft gefordert. Der mögliche Strafrahmen liegt zwischen drei und 15 Jahren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Anklagevertreter sieht in seinem Plädoyer den Tatvorwurf der mehr als 3500-fachen Beihilfe zum Mord als erwiesen an. Detailliert legte er dar, dass die Anwesenheit von Josef S. in verschiedenen Wachkompanien des Konzentrationslagers Sachsenhausen belegt sei. So gebe es immer wieder Schriftverkehr zwischen Behörden, SS-Einheiten und der Familie des Angeklagten, in denen zweifelsfrei vom Dienst des Baltendeutschen bei der SS in Sachsenhausen die Rede sei. Auch habe Josef S., nach dem Krieg LPG-Mitarbeiter, bei seinem Rentenantrag in den 1980er-Jahren angegeben, in den fraglichen Jahren Wehr- und Kriegsdienst geleistet zu haben – und nicht Landarbeit, wie der Angeklagte im Prozess behauptet hatte. Auch seien Fotos des Mannes gutachterlich verglichen worden, sagte Klement. So sei der Angeklagte zu identifizieren gewesen.

Lesen Sie auch

Klement sagte zum Angeklagten: „Sie haben die Morde nicht nur hingenommen, Sie haben Karriere gemacht im Konzentrationslager Sachsenhausen.“ Damit nimmt er Bezug auf die Beförderung des ehemaligen SS-Manns zum Rottenführer. Als solcher hätte Josef S. Organisationsaufgaben und die Führung von vier bis acht Mann übertragen bekommen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Plädoyer: Unvorstellbare Grausamkeit im KZ ist strafverschärfend

Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Strafforderung mit der hohen Zahl der Opfer. Dem Angeklagten könne eine Mittäterschaft bei dem Mord an 200 sowjetischen Kriegsgefangenen, 2352 weiteren durch Genickschuss hingerichteten Menschen, in 566 Todesfällen wegen menschenfeindlicher Lebensbedingungen und 400 Vergasungen zur Last gelegt werden. Außerdem seien vier Einzelfälle von Mord belegt sowie neun weitere versuchte Morde – dabei ging es unter anderem um Kinder, die auf Todesmärsche geschickt worden waren.

Strafverschärfend sei auch die „unvorstellbare Grausamkeit“ gewesen, mit der Menschen im Konzentrationslager gequält und getötet worden sind - als Beispiel nannte der Staatsanwalt die sogenannte Schuhprüfstrecke, auf der Häftlinge bis zum Umfallen - und ihrer anschließenden Ermordung - Produkte der deutschen Schuhindustrie testen mussten. Die Strecke verlief um den Appellplatz herum. Leiden und Hinrichtung der Opfer waren also für alle im KZ sichtbar, so der Staatsanwalt.

Was ebenfalls nicht für Josef S. spreche: Der Angeklagte habe sich nicht zu einem Geständnis durchringen können. Er lüge bis heute. Oberstaatsanwalt Cyrill Klement sagte zu Josef S.: „Sie haben weder während der Taten noch jetzt Abstand davon genommen.“

Der Angeklagte sei nicht kurz, sondern drei Jahre lang in dem KZ gewesen und sei dort vom einfachen Schützen zum Rottenführer befördert worden. Er habe zwingend von den Tötungen im Lager Kenntnis haben müssen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Statt SS: Josef S. hätte sich zum Fronteinsatz melden können

Der Staatsanwalt räumte ein, es wäre nicht einfach gewesen, die SS zu verlassen. Es habe solche Fälle aber gegeben. Außerdem habe die Möglichkeit bestanden, sich zum Feldeinsatz zu melden – also in den Krieg.

Dort hätte der Angeklagte laut Klement eine „gerechtere Kampfesführung“ erleben können als vom KZ-Wachturm herab. Eine solche Gewissensentscheidung wäre zwar „nicht wenig verlangt“ gewesen von einem Mann, der noch sehr jung und vom Nationalsozialismus indoktriniert gewesen sei, sagte der Staatsanwalt. Es habe aber Möglichkeiten gegeben, sich zu entziehen und nicht zu einem Rädchen im Räderwerk des Mordens zu werden – Klement sprach von Josef S. als einem „willigen Vollstrecker“.

Staatsanwalt Klement formulierte das, an den 101-Jährigen gewandt, so: „Sie haben an ihrem Leben nicht teilgenommen, haben weggeguckt, es verdrängt.“ Er benutzt auch folgendes Sprachbild: „Es ging darum: Nimmt man an seinem Leben teil oder schaut man nur Fernsehen?“

Staatsanwalt Klement sieht „Erinnerungslücken wie bei Demjanjuk“

Josef S. sei nicht der erste mutmaßliche KZ Wachmann, der sich an nichts erinnern wolle, so Klement. Bei John Demjanjuk, der 2011 in München für seine Rolle als Wachmann in Sobibor verurteilt wurde, sei es genauso gewesen. „Sie haben eine Wahrlügensentwicklung hinter sich“, so der Staatsanwalt. Der ehemalige SS-Mann habe wie viele seiner ehemaligen Kameraden auf diese Weise versucht, im Nachkriegsleben zurechtzukommen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zu Gunsten des Angeklagten wertete der Staatsanwalt die Tatsache, dass der hochbetagte Angeklagte sich dem Prozess gestellt habe. Daran habe auch eine schwere Erkrankung – Corona und eiterndes Geschwür am Fuß – nichts geändert. Außerdem sei sein polizeiliches Führungszeugnis makellos.

Lesen Sie auch

Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann sollen die Vertreter der Nebenklage ihre Plädoyers es halten. Staatsanwalt Klement appellierte an den Angeklagten, sein „letztes Wort“ vor Gericht für ein Geständnis zu nutzen.

Mehr aus Brandenburg

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.