Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Landpartie mit Lars

Radtour von Eberswalde nach Oranienburg: Trödeltour am Canale Grande

Auf der Zielgeraden geht es am Oder-Havel-Kanal entlang Richtung Oranienburg.

Auf der Zielgeraden geht es am Oder-Havel-Kanal entlang Richtung Oranienburg.

Eberswalde. Die Sommerwärme hängt in den Straßen, Prospekte stapeln sich in den Ständern der Touristeninformation, Flyer locken bunt und glänzend – Eberswalde hat sich aussichtsreich in Stellung gebracht. Was man sich in „EW“ unbedingt anschauen sollte? „Es gibt ja sehr viel Sehenswertes, aber ein Highlight ist es auf jeden Fall, auf den Kirchturm zu steigen, die Aussicht ist toll“, sagt die Frau im Infopunkt in der Nähe der Maria-Magdalenen-Kirche und Eberswalde geht bei diesem Höhepunkt sozusagen richtig steil.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ehrlich gesagt habe ich die Stadt vorher wegen ihrer Wurstwaren wahrgenommen – aber hinter Schorfheider Knüppelsalami und Wildschwein-Stadtwappen wartet ein Sehenswürdigkeiten-Sortiment, breit wie der Finowkanal: Von der ältesten deutschen betriebsfähigen Schleuse bis zum Eberkran im Familiengarten mit seiner Aussichtsplattform, ein stählerner Zeuge der spektakulären Industrie-Geschichte der Region.

Lesen Sie auch

Die 62 Kilometer lange MAZ-Landpartie hat am Bahnhof begonnen – eine der ersten Zug-Stationen überhaupt in Deutschland, steht auf einer der vielen Infotafeln, auf denen auch erzählt wird, dass der Finowkanal die älteste befahrbare künstliche Wasserstraße Deutschlands ist. Wir strampeln am Ufer Richtung Westen und Wasserläufer in der Sonne auf dem märkischen Canale Grande. Der Hochsommer hat die Regie übernommen, aber unten am Wasser ist es angenehm kühl. Hier hat man gerne mal den Kanal voll.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Finowkanal, die älteste befahrbare künstliche Wasserstraße Deutschlands

Bienen summen, das Aroma von Holunder, Heu, zerstäubendem Wasser an den unzähligen Schleusen und Ausflugsgaststätten liegt in der Luft – Brandenburg lädt mit seiner Gerücheküche zu einem Schnupperkurs ein. Auf dem Treidelweg, auf dem früher Pferde an Land die Schiffe an Tauen schleppten, sind nun Stahlrösser unterwegs. Wir kommen aber genauso langsam voran, weil man ständig von Sehenswürdigkeiten aufgehalten wird. Von der Papierfabrik Wolfswinkel zum Beispiel, in der sogar Briefpapier für die englische Queen hergestellt wurde und vom Kraftwerk Heegermühle, das 1909 den Betrieb aufnahm und zum internationalen Vorreiter für Kraftwerksarchitektur aufstieg.

In Finow stellen sich dann ein riesiger Wasserturm, der irgendwie an einen Dreifuß aus dem Blockbuster „Krieg der Welten“ erinnert und sogar begehbar ist und eine alte Muster-Arbeitersiedlung in den Weg. Dann kommt man nur schwer vorbei an einem idyllischen Picknickplatz. Ein paar Meter weiter bedrängt uns die Inschrift auf einer alte Treidelbrücke, an der man plötzlich bei Theodor Fontane landet: Teile der Konstruktion gehörten zur Weidendammer Brücke in Berlin, auf der sich 1845 der Dichter und Emilie Rouanet-Kummer die Ehe versprachen und eigentlich müsste der Abschnitt Trödelweg heißen.

Der Wasserturm in Finow.

Der Wasserturm in Finow.

Hinter Finowfurt verlassen wir die Wasserader, die Szenerie ändert sich schlagartig: Ein Forst lacht dunkel in den hellen Tag. Man würde gerne in den Wald, der sich weit über das Land streckt, hineinbrüllen, was sich im Laufe der Woche so angestaut hat, aber man lässt es dann doch. Erstens, weil man nie genau weiß, ob nicht doch jemand irgendwo im Gebüsch sitzt, den man verbrämt, ein Sechzehn-Ender was in den falschen Hals bekommen könnte – aber vor allem, weil es aus einem Wald auch so hinausschallt, wie man hineinruft. Außerdem dürfte sich im Wald in Sachen Mensch einiges angestaut haben und ohnehin laden wir im Forst schon genug Müll ab.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kaiser-Friedrich-Turm mit Panorama-Plattform

Ein Naturlehrpfad säumt tief im Forst den Weg und man lernt, dass der Baummarder auf lateinisch Martes martes und der Dachs Meles meles heißt und vielleicht kann das bei der Millionenfrage einer Quizshow noch mal wichtig werden. Wir erreichen Biesenthal über den Wehrmühlenweg, in der Naturparkstadt verläuft die märkische Eiszeitstraße, die nach einer Schlemmermeile mit Eisdielen klingt – aber es handelt sich um eine regionale Tour auf den Spuren der Kaltzeit. Die englische Übersetzung auf der Info-Tafel für den Abschnitt hier lautet: „From the Eberswalde Glacial Spillway to the Biesenthal Basin“.

Wenn man am Kaiser-Friedrich-Turm mit der Panorama-Plattform gleich nebenan auf dem Schlossberg die Infotafeln liest, hat man den Eindruck, dass sich in the Biesenthal Basin seit Langem alles ansammelt, was Rang und Namen, Wanderschuhe, einen Picknickkorb oder ein Fahrrad hat: Die Eiszeit, Albrecht der Bär, Radtouristen, Heveller, Sprewanen, Kaiser Friedrich III., jetzt chillen gerade ein paar junge Leute und wir runden den Kessel Buntes mit ein paar Vegetarios aus der Wurstfabrik in Eberswalde geschmacklich ab. Der große Max Schmeling hat hier trainiert, aber das steht dort nicht, sondern auf bundesarchiv.de. Im benachbarten Lanke hat der Boxer mit Ehefrau und Ufa-Schauspielerin Anni Ondra seine Sommerfrischen verbracht.

Anschließend stromern wir am Hellmühler Fließ entlang, das sich tief in die Landschaft gegraben hat und springen in den Liepnitzsee. Irgendwo hier bei Wandlitz verläuft die Nordsee-Ostsee-Wasserscheide und irgendwo am Straßenrand steht ein Wegweiser Richtung Grünheide: Links geht es nach Tesla-Town und kaum etwas dokumentiert den Größenwahn des Menschen besser als eine tonnenschwere, mit Hightech vollgestopfte Elektro-Nobelkarosse, die zur Mobilitätswende beitragen soll.

Die fünfteilige Runde durch den Nordosten des Landes geht auf die Zielgerade

Die große, fünfteilige Runde durch den Nordosten des Landes geht auf die Zielgerade: Der Schlussabschnitt der MAZ-Landpartie durch Oberhavel, Uckermark und Barnim schlängelt sich durch Wiesen und Felder, an üppig bestückten Obstbäumen und der früheren Lungenheilanstalt Grabowsee vorbei. In einem Wald wachsen prächtige Farne, hoch wie Barhocker. Wir rollen wieder über den Weg am Oder-Havel-Kanal, wo die Tour begonnen hat. Oranienburg steht nicht Spalier, es wartet auch kein Sekt bei der Etappenankunft, aber das prächtige Barockschloss und die Stadt, die gutmütig brummt, als wir bei der Rad- und Bildungsreise in den Start- und Zielhafen einlaufen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Lesen Sie auch

Finale Grande in „OHV“ - Brandenburg ist größer geworden, der Horizont weiter. Wir essen noch ein Eis am Bahnhof und steigen in die Bahn nach Potsdam, eine Art Schleuse auf Schienen. Schwupps, sind wir wieder zurück in der gewohnten Umlaufbahn, gut erholt und um ein ordentliches Stück Brandenburg im Gepäck reicher.

Radtour durch Brandenburg: Die Route im Schnellcheck:

Start- und Zielpunkt: Die Tour beginnt am Bahnhof in Eberswalde und endet am Bahnhof in Oranienburg. Wer einen Rundkurs in der Region fahren möchte, kann von Eberswalde auf Wegen des regionalen Radknotenpunktnetzes über Kloster Chorin und Niederfinow mit dem Schiffshebewerk wieder zur Bahnstation zurückkehren (Länge: 42 Kilometer, Höhenunterschied 400 Meter). Von Oranienburg kann auch auf einem guten Radweg am Oder-Havel-Kanal und am Finowkanal nach Eberswalde zurückgeradelt werden. Die Rückkehr von Oranienburg zum Ausgangspunkt in Eberswalde mit der Bahn dauert rund 75 Minuten (einmal Umsteigen). Eberswalde ist sehr gut angebunden an das Bahnnetz – die schnellste Fahrt von Potsdam-Hauptbahnhof dauert eine Stunde und zwölf Minuten (einmal umsteigen).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Anbindung an das Radverkehrsnetz: In Biesenthal besteht Anschluss an den Fernradweg Berlin – Usedom, in Oranienburg an den Fontane-Radweg, die Tour Brandenburg, Rund um Berlin und den Fernradweg Berlin – Kopenhagen. Es gibt außerdem auf der gesamten Strecke Anschlussmöglichkeiten an ein regionales Knotenpunkt-Wegesystem.

Der Schwierigkeitsgrad: Es gibt nur wenige Steigungen auf der Tour, die mit 250 Metern Höhenunterschied zu den flacheren Landpartien gehört. Vor allem das erste Teilstück von Eberswalde nach Finowfurt auf dem Treidelweg ist eine Flachetappe. Anschließend wird es teilweise etwas hügeliger. Wenn man sich etwas mehr Zeit nimmt und eventuell eine Übernachtung einplant, ist die Tour auch für ältere Menschen geeignet. Ob Kinder das Pensum bewältigen können, sollte man individuell entscheiden.

Länge: 62 Kilometer (Fahrtzeit vier bis fünf Stunden). Eberswalde – Finow – Finowfurt – Biesenthal – Lanke – Ützdorf – Liepnitzsee – Wandlitz – Stolzenhagen – Zehlendorf – Heilstätte Grabowsee – Oranienburg.

Die Strecke: Die MAZ-Landpartie führt auf von Eberswalde nach Finowfurt über den gut asphaltierten Treidelweg. Das Teilstück nach Biesenthal verläuft auf einem separaten asphaltierten Radweg, anschließend nach Lanke auf dem Hellmühlenweg über einen unbefestigten Waldweg (es kann auf die Landstraße ausgewichen werden). Nach Wandlitz geht es auf gut befahrbaren, asphaltierten und teilweise unbefestigten Wegstücken. Auf dem Schlussabschnitt nach Oranienburg warten exzellente Radwege, es gibt aber auch ein Stück Schotterweg hinter Zehlendorf und ein Teilabschnitt auf einer Landstraße hinter Stolzenhagen. Insgesamt ist die Qualität der Wege auf der Tour gut.

Die Landpartie führt von Eberswalde nach Oranienburg.

Die Landpartie führt von Eberswalde nach Oranienburg.

>>> Hier geht es zur Tour bei Google Maps

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sehenswürdigkeiten: Die Tour verfügt neben der landschaftlichen Schönheit der Region über schöne Badestellen, viel Natur, Aussichtspunkte und interessante Orte. Die Industrie-Geschichte in Eberswalde beispielsweise wartet mit vielen Überraschungen und einem interessanten Exkurs in die wirtschaftliche Historie der Region auf. In der Region empfiehlt sich auch der Fernrundwanderweg "Rund um die Schorfheide", der mit dem 3. Platz beim bundesweiten Wettbewerb "Deutschlands schönster Wanderweg 2022" in der Kategorie der Mehrtagestouren bedacht wurde.

Eberswalde: Obwohl der zweite Weltkrieg große Lücken in die Stadt gerissen hat, verfügt Eberswalde über viele Sehenswürdigkeiten. Zu den Attraktionen der Kreisstadt des Landkreises Barnim gehören die Maria-Magdalenen-Kirche, eine hochgotische Stadtpfarrkirche aus dem 13. Jahrhundert mit der höchsten gemauerten Kirchturmspitze der Welt.

Im Eberswalder Stadtforst befinden sich der Zoologische Garten und der Forstbotanische Garten. Sehr spannend ist auch die Industrie-Geschichte der Region – das Finowtal ist die älteste Industrielandschaft der Mark Brandenburg. Das früher sogenannte „märkische Wuppertal“ entstand Anfang des 17. Jahrhunderts in Eberswalde und Heegermühle (heute Eberswalde-Finow) mit den Stadtteilen Kupferhammer, Messingwerk und Eisenspalterei entlang des Finowkanals. Anlässlich der Landesgartenschau 2002 entstand auf dem Gelände des ehemaligen Walzwerkes Altwerk der Familiengarten mit Gartenanlagen, Spielplätzen, dem Eberkran mit einer Aussichtsplattform in 28 Metern Höhe und Gastronomie.

Im Stadtteil Finow befinden sich in der Messingwerksiedlung mehrere Kupferhäuser, entworfen unter anderem von Walter Gropius. Hier sind Anfang der 1930er Jahre die legendären Einfamilienhäuser in Kupferbauweise produziert und für jüdische Auswanderer sogar bis nach Palästina geliefert worden. Einige davon stehen noch in der Siedlung. Neben den ehemaligen Hirsch-Werken steht ein imposanter Wasserturm, der begehbar ist.

Bei Bernöwe begleitet Radfahrer ein Wald mit üppiger Vegetation.

Bei Bernöwe begleitet Radfahrer ein Wald mit üppiger Vegetation.

Immer wieder warten auf der Tour historische Überraschungen: Beispielsweise in Eberswalde die Papierfabrik Wolfswinkel, in der Briefpapier für die englische Queen hergestellt wurde und das Kraftwerk Heegermühle, das 1909 den Betrieb aufnahm und zum Vorbild für Kraftwerksarchitektur im In- und Ausland wurde. In Finow weist eine Infotafel darauf hin, dass hier 1877 die erste deutsche Postagentur mit Fernsprech-Verbindung in Betrieb genommen wurde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wandlitz: In Wandlitz befindet sich das Barnim Panorama, eine Kombination aus Naturparkzentrum und Agrarmuseum mit Schaugarten und Naturlehrpfad, das die Geschichte des Barnims und seiner Bewohner von der eiszeitlichen Wildnis bis zur modernen Kulturlandschaft erzählt. Die Gemeinde verfügt außerdem über ein denkmalgeschütztes Ensemble aus Bahnhof und Strandbad, eine ebenso denkmalgeschützte Villenkolonie und eine Strandpromenade.

Biesenthal: Der Kaiser-Friedrich-Turm, ein in Erinnerung an Kaiser Friedrich III. errichteter Aussichtsturm auf dem Schlossberg, verbindet einen schönen Ausblick mit einem interessanten historischen Hintergrund – in diesem Gebiet befanden sich bereits während der slawischen Besiedlung Wehranlagen. Es gibt rund um den Turm viele Infotafeln sowie einen Spiel- und Picknickplatz. Rings um die historische Wehrmühle lockt alljährlich im August die ART Biesenthal mit moderner Kunst open air ganze Scharen von Kunstinteresierten aus halb Europa an.

Lesen Sie auch

Oranienburg: Die herausragende Sehenswürdigkeit der Kreisstadt Oberhavels ist sicher das Schloss Oranienburg, das zu den bedeutendsten Barockbauten der Mark Brandenburg gehört. In dem prächtigen Gebäude, das sich in der Innenstadt am Ufer der Havel befindet, sind das Schlossmuseum und das Kreismuseum Oberhavel untergebracht. Der Schlosspark, den Kurfürstin Louise Henriette von Oranien im 17. Jahrhundert anlegen ließ, ist seit der Landesgartenschau 2009 aufgeblüht. Am Lehnitzsee sowie an den vielen Wasserläufen – durch die Stadt fließen neben der Havel der Oranienburger Kanal, der Oder-Havel-Kanal und der Ruppiner Kanal – warten viele idyllische Plätze. Der Schlosshafen verströmt maritimes Flair.

Einkehrmöglichkeiten: Es gibt sehr viele Möglichkeiten, einzukehren. Eberswalde, Biesenthal, Wandlitz und Oranienburg verfügen über diverse Restaurants und Gaststätten, auch unterwegs finden sich immer wieder Einkehrmöglichkeiten, Imbisse und schöne Picknickplätze.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Bademöglichkeiten: Es gibt einige Badestellen mit Stränden und Liegewiesen – beispielsweise am Liepnitzsee, am Wandlitzsee und am Lehnitzsee.

MAZ-Tipp: Auf den Kirchturm in Eberswalde oder den Wasserturm in Niederfinow steigen und den Blick in die Ferne schweifen lassen.

Mehr aus Brandenburg

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken