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Landpartie mit Lars

Radtour durchs Havelland: Märkische Strauße und das Reich der Reusen

In Premnitz gibt es an der Havel viele idyllische Orte – und sehenswerte Kunstobjekte.

In Premnitz gibt es an der Havel viele idyllische Orte – und sehenswerte Kunstobjekte.

Premnitz. Irgendwo in der Ferne müssen sie sein, die märkischen Strauße, dort, wo sich der Horizont mit dem Land vermischt – irgendwo Richtung Buschow. Ein paar Vogelkundler auf einem Beobachtungsturm bei Garlitz sind auf ornithologischer Trüffeljagd und auch ich schaue durch ihr Fernrohr. Tatsächlich: Zwei gefiederte Riesen hocken zwischen Heuballen und einem Reh – wie Ballerinas mit einem prächtigen Kleid.

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In der Balzzeit heißt es Bühne frei für den Paarungswalzer, es sieht dann von weitem aus, als würden Plüschsessel oder Elton John im Federkostüm durch das havelländische Luch tanzen. Mein erstes mal Großtrappe live, auf den Hochständen bisher war es mit den Steppenvögeln wie bei Gästen auf einer Party, die gar nicht gekommen sind: Über sie wird am meisten geredet. Hier ist eine breitgefächerte Vogelschar in Sicht – aber federführend sind eindeutig die Großtrappen. Aus dem Hochstand ragen bierdeckelgroße Objektive und das passt gut zu Rathenow etwas weiter westwärts, der Stadt der Optik, die zu den Stationen der ersten MAZ-Landpartie des Jahres 2022 gehört und das die Jungtiere der Trappen Nestflüchter sind, passt wiederum zum 69 Kilometer langen Rundkurs: Es ging nämlich früh raus aus den Federn und raus aufs Land.

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Radtour durch Brandenburg: Los geht es in Premnitz

Die Morgenluft ist frisch auf dem S-Bahnhof Babelsberg, der Tag wie ein vielversprechendes Start-up-Unternehmen, das Carpe diem, Hakuna matata und alles muss raus im Firmenslogan führt. Die Landpartie, die eine stetige Pendelei zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Biotopen ist, beginnt am Bahnhof in Premnitz. Die wechselhafte Geschichte der Stadt mit jähen Wandeln spiegelt sich schon an der Bahn-Haltestelle in der Architektur wieder.

Gleich nebenan ragt die Hafenbahnbrücke empor: Ein viaduktartiges Fragment der Transportlinie, die errichtet wurde, nachdem 1915 der Bau eine Pulverfabrik und chemischer Produktionsstätten begann und sich die Siedlung innerhalb weniger Jahre zum Industrieriesen auswuchs. Aus Premnitz kamen Schießpulver, Schwefelsäure und Acrylfasern und dann kam die Wende und die Konfektionsmaße der Stadt, die explosionsartig von einem Fischerdorf zum Industriestandort gewachsen war, fallen nun wieder ein paar Nummern kleiner aus. Es ist mehr Platz für lauschige Orte. Unten an der träge treibenden Havel scharen sich jetzt Skulpturen um einem Aussichtsturm statt Hafenarbeiter um Lastkähne. Das gusseiserne Ensemble aus dem Fundus der Bundesgartenschau 2015 sieht ein bisschen aus, als habe man die Geschichten „Der Fischer und seine Fru“ und „Der alte Mann und das Meer von Hemingway“ thematisch verbunden. Auch Rathenow, ein paar Kilometer stromabwärts, war damals eine der BUGA-Städte und es gibt einige Premnitzer Parallelen zur Kreisstadt mit dem VEB Rathenower Optische Werke, der im Zuge der deutschen Einheit aufgelöst wurde.

Vorbei an der ältesten Mühle Brandenburgs

Hinter dem Premnitzer See löst sich die städtische Häuserschar auf. Im Kiefernwald kämpfen Harz und Frühlingsdüfte um Höchstnoten. Vor dem Radlenker taucht Bamme auf, das sich samt Dorfkirche und einer Mühle an einen Landrücken schmiegt. Der Mühlen-Förderverein berichtet auf seiner Homepage, dass das technische Denkmal bereits 1334 urkundlich erwähnt worden war und damit die wahrscheinlich älteste erhaltene Bockwindmühle in der Mark Brandenburg ist. So gesehen ist sie eigentlich eine Mischung aus zeithistorischem Dokument und Monument und bestens geeignet, wenn man mal auf Holz klopfen möchte. Ich frage einen Einheimischen nach einem Schleichweg, den ich auf einer Karte gesehen habe. Natürlich kennt der Ur-Havelländer Uli Barz die autofreie Ausweichroute nach Garlitz und außerdem eine Menge Heimatgeschichten. Beispielsweise, als er in seiner Kindheit jeden Tag mit der Milchkanne zum Bauern ging und im Eiswinter 1978/79 alles einfror und man merkt, dass er eine Menge für die Gegend übrig hat und umgekehrt.

Uralt und trotzdem ein echter Blickfang: Die Bockwindmühle in Bamme.

Uralt und trotzdem ein echter Blickfang: Die Bockwindmühle in Bamme.

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Der Plattenweg abseits der Straße hat seine Ecken und Kanten, der weiche Boden hat es schwer mit den Betonquadern. Manchmal haben Gräser und Büsche nur eine kleine Schneise freigelassen in der Muster-Luchlandschaft: Weiden, Kühe, Holunderbüsche, Schilf, Kanäle und Diesteln dekorieren die feuchte Niederung. Wenn man sich zu Hause die Frage gestellt hat, warum man so gerne durch das Land stromert, dann gibt die Mark hier großzügig und ausschweifend die Antwort, vor allem am Trappenschutzgebiet, das sich gleich nebenan siedlungsfrei ausstreckt. Die Frage ist, wer hier eigentlich wen rettet: Genau genommen schützen die Trappen wie ein gefiederter Abstandshalter die Freifläche vor der Zersiedelung: Der Schutzstatus ist die beste Versicherung gegen den Flächenfraß. Ein Intercity huscht vorüber bei Buckow und auf der anderen Seite der Bahntrasse liegt Nennhausen mit seinem Schloss und dem Park, einem landschaftsgärtnerischen Kleinod. Im barocken Arboretum wartet eine Wasserlandschaft mit Teichen, Gräben, prächtigen Bäumen und einer Platane auf.

Durch Brandenburg radeln: Über den Havelradweg

Rathenow kündigt sich mit dem Stadtforst an, im Zentrum hängt eine riesige Fielmann-Plane wie ein XXL-Erinnerungsposter an die Zeit, als Linsen aus der Stadt der Optik in aller Welt für mehr Durchblick sorgten. Wir laufen durch die Altstadt, die wie eine historische Insel mit einigen alten Fachwerkhäusern im Westen der Kommune die Bombenangriffe des zweiten Weltkrieges überstanden hat. Die schwer beschädigte St.-Marien-Andreas-Kirche wurde später wieder aufgebaut. Gleich daneben spannt sich die Weinbergbrücke über die Havel und verwandelt den Strom in eine Art begehbares Biotop. Ohnehin reihen sich viele Brücken aneinander, man könnte einen Brückentag verbringen: Die Havel umarmt die ganze Gegend, auf dem kleinen Archipel haben sich der Optikpark und viele Angler auf ihren Hockern niedergelassen.

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Wir treiben auf dem Havelradweg Richtung Ziel und der märkische Amazonas breit wie ein Marktplatz durch die Auenlandschaft. Der Schlussabschnitt führt durch ein Reich der Entengrütze und Reusen, Fischerboote und Schleusen. Im Brutparadies ist ein Gekreische, als wäre eine Boygroup bei einem Konzert auf die Bühne gekommen, vielleicht wird auch die Vogelhochzeit gefeiert. Irgendwo bei Bützer riecht es nach geräuchertem Fisch, der sich mit dem frischen Atem des Abends vermischt. Brandenburg schmeckt eindeutig nach Meer und der Geruch liegt noch in der Nase, als Premnitz näherrückt. Man könnte mit den vielen Booten am Ufer als Deko einen Fisherman’s-Friend-Spot drehen. Es ist wieder mal spät geworden, aber kaum irgendwo senkt sich die Dämmerung so schön auf das Land wie hier. Die Milower Berge ruhen düster im Schlummermodus am Horizont. Am Ziel wartet wieder die Hafenbahnbrücke, sie sieht aus mit ihren beiden Rundbögen, wie ein Stück Viadukt und das Bauwerk passt gut zur Landpartie, die den Bogen schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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Die Radtour im Schnellcheck:

Start- und Zielpunkt: Die Tour beginnt am Bahnhof in Premnitz und endet auch dort. Alternativ kann auch an den Bahnstationen in Nennhausen oder Rathenow gestartet werden.

Anbindung an das Radverkehrsnetz: Teile der Landpartie verlaufen auf dem Havelradweg, der Tour Brandenburg und dem Havelland-Radweg. Es gibt außerdem Anschluss an ein regionales Knotenpunkt-Wegsystem mit lokalen Routen wie der Radtour Otto-Lilienthal oder der Parktour.

Teil 1 der Landpartie durchs Havelland.

Teil 1 der Landpartie durchs Havelland.

Der Schwierigkeitsgrad: Bei der Tour müssen nur wenige Steigungen bezwungen werden. Wenn man sich etwas mehr Zeit nimmt und eventuell eine Übernachtung einplant, ist die Tour auch für ältere Menschen geeignet. Ob Kinder das Pensum bewältigen können, sollte man individuell entscheiden.

Länge: 69 Kilometer (Fahrtzeit fünf bis sechs Stunden). Bahnhof Premnitz – Bamme – Gräningen – Garlitz – Vogelbeobachtungsturm Buckow – Buckow – Nennhausen – Rathenow – Böhne – Bützer – Milow – Bahnhof Premnitz.

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Teil 2 der Landpartie durchs Havelland.

Teil 2 der Landpartie durchs Havelland.

Die Strecke: Die MAZ-Landpartie führt auf einigen Abschnitten über unbefestigte Wege, die aber beim Test gut befahrbar waren. Einige Teilstücke verlaufen über Plattenwege, kurzzeitig geht es über Landstraßen. Alternativ kann statt des Waldweges hinter Nennhausen (ordentliche Qualität, ein kurzer Schotterabschnitt) der straßenbegleitende Radweg nach Stechow und dann der Havelland-Radweg Richtung Rathenow genutzt werden. Wer nicht die ziemlich holprigen Plattenwege durch das Naturschutzgebiet Havelländisches Luch befahren will, kann auf der Landstraße von Gräningen über Mützlitz nach Garlitz fahren.

Hier geht es zur Tour bei Google Maps:Teil 1 und Teil 2.

Groß, breit, stark und schön: Die Havel, die am Startort Premnitz wartet. Von einer Aussichtsplattform hat man einen sehr schönen Blick auf den märkischen Amazonas.

Groß, breit, stark und schön: Die Havel, die am Startort Premnitz wartet. Von einer Aussichtsplattform hat man einen sehr schönen Blick auf den märkischen Amazonas.

Sehenswürdigkeiten: Die Tour ist wegen ihrer Mischung aus Biotopen, geschichtsträchtigen Orten und der havelländischen Weite sehr reizvoll. Die gesamte Tour führt durch den Naturpark Westhavelland und den Sternenpark Westhavelland: Wegen der geringen Lichtverschmutzung können besonders gut Sterne beobachtet werden. Der Naturpark – das Zentrum mit viel Wissenswertem über das Gebiet befindet sich in Milow – ist mit 1300 Quadratkilometern Fläche das größte Schutzgebiet in Brandenburg und mit seinen großen, zusammenhängenden Feuchtgebieten ein wichtiger Rückzugsort für Vögel. Von zwei Beobachtungstürmen in Buckow (hier befindet sich auch die die Staatliche Vogelschutzwarte des Landes Brandenburg) können Großtrappen im Havelländischen Luch beobachtet werden. Beim Tourabschnitt durch die Havelniederung taucht man tief ein in das Feuchtgebiet entlang des "Märkischen Amazonas". Dieser Teil der Landpartie führt durch das Naturschutzgebiet Untere Havel Süd, einer Brut- und Rastregion für Wat- und Wasservögel. In Bamme steht eine der ältesten Bockwindmühlen des Havellandes – vermutlich aus dem 14. Jahrhundert. Der öffentlich zugängliche Schlosspark in Nennhausen, der im barocken Stil zu Beginn des 18. Jahrhunderts angelegt wurde, ist ein landschaftsgärtnerisches Kleinod mit alten Bäumen und einem kleinen See.

Rathenow: Sehenswert in der Kreisstadt des Havellandes sind unter anderem der Optikpark und der Weinberg mit dem Bismarckturm – beide Orte sind mit der spektakulären, 348 Meter langen Weinbergbrücke verbunden. Gleich nebenan befinden sich die historische Altstadt mit Fachwerkhäusern, der St. Marien-Andreas-Kirche auf dem Kirchberg und das Denkmal des Großen Kurfürsten – "das bedeutendste barocke Sandsteindenkmal Norddeutschlands" (www.westhavelland.de). Das Denkmal erinnert an den Schwedeneinfall 1675, nachdem zuvor bereits die Zeit des dreißigjährigen Krieges für die Havelstadt verheerende Folgen gehabt hatte.

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Premnitz: Die Stadt hat in den vergangenen hundert Jahren völlig verschiedene Epochen erlebt, die Architektur spiegelt die Entwicklungsphasen wider. Von einer kleinen Siedlung stieg die Stadt zum Standort des größten Kunstfaserherstellers in Europa auf. "Einst Bauern- und Fischerdorf – jetzt Industriestadt mit Charme", heißt es auf der Homepage des Tourismusvereins Westhavelland (www.westhavelland.de). Hier wird auch für einen Stadtrundgang geworben: "Danach werden Sie wissen, wie Bernstein in den Premnitzer See kam und warum sich hier die industrielle Entwicklung von der Herstellung gelber Ziegelsteine über Schießpulver hin zur modernen Kunstfaser vollzog."

Neben den Spuren der Geschichte kommt viel Sehenswertes aus der Zeit der Bundesgartenschau 2015 dazu, als Premnitz einer von fünf Standorten war. Der BUGA-Park liegt unmittelbar an der Havel – an der Uferpromenade wurden am Skulpturenweg Kunstobjekte und eine Aussichtsplattform installiert. Zu den Wahrzeichen der Stadt gehören eine Steinbogenbrücke und ein markanter Wasserturm im Industriepark. Im Norden der Stadt liegt der Premnitzer See mit vielen idyllischen Stellen.

Einkehrmöglichkeiten: Es gibt in Premnitz und Rathenow viele Möglichkeiten, einzukehren. Auf den Speisekarten stehen internationale und deutsche Küche. Als Picknickplätze eignen sich der Premnitzer See, Rastplätze an der Havel und der Milower Berg mit einem tollen Panoramablick.

Bademöglichkeiten: An der Havel befinden sich viele Badestellen. Abgekühlt werden kann sich außerdem im Naturbad Premnitz mit einer 80 m-Großwasserrutsche, einem Niedrigseilgarten, Beachvolleyballfeldern und einem Spielplatz.

MAZ-Tipp: Feldstecher mitnehmen und auf Trappenbeobachtung gehen. So viel Zeit wie möglich nehmen, ein Wochenende in der Region verbringen und eine Stadtführung in Premnitz oder Rathenow unternehmen.

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