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Gut behütet in GubenHandwerk mit Tradition

Wie vier Frauen ein Traditionshandwerk retten

Hutmacherin Petra Kubec offeriert zum Hut gleich noch ein passendes Tuch.

Hutmacherin Petra Kubec offeriert zum Hut gleich noch ein passendes Tuch.

Guben.„Bloß nicht hellgrün. Das zieht Farbe aus dem Gesicht.“ Heidemarie Höhne redet Klartext, wenn jemand im Ausstellungsraum der Firma Gubhut mit einem unpassenden Hut liebäugelt. „Verkaufen um jeden Preis, ist nicht mein Ding. Wer gut beraten wird, kommt auch wieder“, sagt Heidemarie Höhne. In den Regalen hinter der 64-Jährigen sind Dutzende Hüte ausgestellt: Elegante, Strenge, Verspielte und Verwegene. Jede Kopfbedeckung – zum Angebot gehören auch Stoff- und Wollmützen – ist eine Einzelanfertigung, manche mit selbst entworfenen Details wie Blumen und Bändern, andere eher schlicht. „Zur Typberatung gesellen sich gelegentlich Lebensfragen“, sagt Hutmacherin Petra Kubec. „Manche Kunden schütten ihr Herz aus. Sie haben Vertrauen zu uns. Wir sind die Frauen von hier – kennen Freuden, Sorgen und Nöte.“

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Filzhut wurde in Guben erfunden

Heidemarie Höhne und ihre 53-jährige Kollegin bewahren in Guben (Spree-Neiße) ein Handwerk, das die Stadt einst reich und berühmt gemacht hat. Der aus Forst stammende Hutmacher Carl Gottlob Wilke erfand hier 1847 den wasserdichten Filzhut aus preiswerter Schafwolle. Der Trick bestand darin, die Hutstumpen, also die Rohlinge, mit Wasser zu bedampfen und so formstabiler zu machen – Grundstein für die Massenproduktion in einer Zeit, in der Hut tragen selbstverständlich war. Bereits in den 1920er Jahren wurden in Guben zehn Millionen Hüte hergestellt, ein Drittel ging in die USA. Hollywoodgrößen wie Marlene Dietrich oder Charlie Chaplin griffen zum Filzhut aus der Lausitz.

Der Werbespruch „Gubener Hüte – weltbekannt durch ihre Güte“ überdauerte die Zeiten und gilt weiter, auch wenn in dem Vier-Frauen-Betrieb – die Näherinnen Danuta Krawczyk und Ina Sorokodunow komplettieren das Team – nur noch in geringen Stückzahlen für die modebewusste Dame zumeist aus der Region produziert wird. Zum Verkauf geht es auch auf Weihnachts- und Handwerksmärkte oder die Ospro (Ostproduktemesse). Bestellungen aus Berlin oder Potsdam zeigen, dass Gubener Hüte noch immer ein Begriff sind.

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Honecker nur echt mit dem „Vigu“

Guben war vor dem Zweiten Weltkrieg die Hochburg der europäischen Hutproduktion. Hutmachermeister Carl Gottlob Wilke gründete hier bereits 1822 seine erste Werkstatt.

In den 1920er Jahren gab es in der Neiße-Stadt elf Hutfabriken und sieben Hutformfabriken mit mehr als 7000 Beschäftigten.

Nicht nur der Export der legendären Filzhüte florierte. Hauptsächlich für das Osmanische Reich und Afrika wurden seit 1913 orientalische Kopfbedeckungen, sogenannte Feze, hergestellt. Noch 1961 waren es jährlich 30 000 dieser roten Filzkappen.

Eine reine DDR-Erfindung war der „Vigu“-Hut – im Volksmund „Honecker-Hut“, weil ihn der SED-Chef häufig zu offiziellen Anlässen trug. Der 1962 entwickelte Plastehut wurde zum Ersatz für den Strohhut. Dabei wurde Gewebe aus Polyvinylchlorid (PVC) über eine Hutform gezogen und erhitzt. Das Material schrumpfte und nahm die gewünscht Form an.

Vom „Vigu“ – (Wortschöpfung aus Vinylchlorid und Guben) – der Hut galt als unverwüstlich und wasserbeständig – wurde noch 1989 eine halbe Million hergestellt. Noch immer haben etliche Brandenburger den zu DDR-Zeit patentierten synthetischen Sommerhut im Schrank.

Für Aufträge sind die Frauen im Dauereinsatz

Aber Hüte sind ein mühsames Geschäft, leben können die vier Frauen davon nicht. Das wirtschaftliche Standbein ist vor sechs Jahren die Lohnfertigung geworden: Kissenhüllen und Wohntextilien aller Art. Um Aufträge zu ergattern, ist Heidemarie Höhne im Dauereinsatz an Computer und Telefon. Sie und Petra Kubec gehörten 1999 zu den letzten Beschäftigten der Vereinigten Hutwerke. Der Volkseigene Betrieb, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Produktion wieder aufgenommen hatte, zählte noch 1989 etwa 1000 Mitarbeiter. Obwohl Hüte in der Alltagsmode eine immer geringere Rolle spielten, wurden im Wendejahr immerhin 800 000 Männerfilzhüte hergestellt, die meisten für Osteuropa. Frauenhüte lieferte ein Dresdner Werk. Nach der Wende kam das Aus für den Traditionsstandort an der Neiße.

„Wir wollten nicht auf Hilfe von oben warten“, erinnert sich Heidemarie Höhne. Im Juli 2000 machten sich die beiden Frauen mit ihrer eigenen Näherei selbstständig – Hüte für Damen und Mützen auch für Herren. Auf dem Weg zur Gewerbeamt kreierten sie den Namen Gubhut – die Firma war geboren und mit ihr ein Berg Probleme. „Es war hart, eine Finanzierung zu bekommen. Die Branche hatte bei den Banken keinen guten Ruf mehr.“ Die Gründerinnen kauften Nähmaschinen, Möbel und Stoffe. Zunächst versuchten sie es mit großen Stückzahlen und ließen auch in Polen nähen, aber Zoll und Grenzverkehr kosteten zu viel Zeit und Kraft. Seit 2006 produziert Gubhut ausschließlich in Guben – in einer ausgedienten Fabrikhalle am Ortseingang zwischen Kleingewerbe und Lagerräumen. Die denkmalgeschützten Industriebauten in der Altstadt, in denen Hut-Patriarch Wilke einst sein Imperium begründete, beherbergen heute – aufwendig saniert – das Rathaus.

„Ich hätte nicht gedacht, dass mir das steht“

Im Nähraum stapeln sich Stoffballen. Es ist schwierig, Anbieter zu finden, die gute Stoffe in kleinen Mengen abgeben. Für die Wintermodelle ist Walkloden aus Schurwolle gefragt, im Sommer sind es leichte Leinen- oder Mikrofaserstoffe. Anregungen zu Formen, Farben und schmückendem Beiwerk liefert das Internet. „Bei Hüten ist der Osten längst bunt“, sagt Petra Kubec. Der Kunde wird auch dann zufrieden gestellt, wenn er wie kürzlich ein Besteller aus Leipzig nur das Foto der gewünschten Mechanikermütze geschickt hat. „Er wollte 100 Stück davon. Für uns ein seltener Großauftrag. Wir haben’s geschafft, und der Mann war begeistert.“

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Und was sind die häufigsten Sätze, die die Gubhut-Frauen zu hören bekommen? Vor der Anprobe: „Ich habe eigentlich kein Hutgesicht...“ und danach: „Ich hätte nicht gedacht, dass mir das steht.“

Von Volkmar Krause

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