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Zweifelhaftes Internetphänomen

„No Nut November“: Was wirklich hinter der Anti­masturbations­challenge steckt

Anhänger der „No Fap“-Bewegung halten Pornos und Selbstbefriedigung für böse – und predigen Abstinenz.

Anhänger der „No Fap“-Bewegung halten Pornos und Selbstbefriedigung für böse – und predigen Abstinenz.

Der November ist – aus welchem Grund auch immer – so etwas wie ein Monat der Challenges für Männer. Angefangen hat es schon 2003 mit dem „Movember“: Männer werden dazu aufgerufen, sich einen Monat lang einen Schnurrbart wachsen zu lassen, um auf Gesundheitsprobleme von Männern wie Prostatakrebs aufmerksam zu machen. So richtig viral ging die Bewegung aber erst unter dem Namen „No Shave November“, die durch Plattformen wie 9gag bekannt wurde. Diese Challenge verfolgt das gleiche Ziel, ist aber besser für diejenigen geeignet, die einen Schnurrbart zu altmodisch finden und sich lieber einen anderen Bart wachsen lassen wollen.

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Neben solchen Bewegungen für einen guten Zweck widmen sich einige – hauptsächlich junge – Männer auch anderen, zweifelhaften Challenges: Im „No Nut November“ sollen sie einen Monat lang aufs Masturbieren verzichten. „Nut“ heißt dabei übersetzt so viel wie ejakulieren oder abspritzen. Sobald der November begonnen hat, teilen Männer auf Diskussionsplattformen wie Reddit Jahr für Jahr Memes über dieses Phänomen. Dabei wird deutlich, dass sie sich anders als beim „No Shave November“ eigentlich gar nicht auf die Challenge freuen, sondern sie als unangenehme Herausforderung sehen. Was soll das alles dann überhaupt?

„No Fap“: Anhänger verzichten auf Pornos und Selbstbefriedigung

Der „No Nut November“ ist eng mit der „No Fap“-Bewegung verwandt, die durch die Challenge einer breiten Masse bekannt wurde. „No Fap“ wurde 2011 vom US-Amerikaner Alexander Rhodes gegründet, der Männern dabei helfen wollte, ihre Pornosucht zu besiegen, die sie überwiegend selbst diagnostiziert hatten. Seine Lösung: einfach mit dem Masturbieren aufhören – und zwar am besten für immer. So gründete er das Reddit-Forum „No Fap“, in dem sich seitdem zahlreiche junge Männer unter anderem über Erektionsstörungen beklagen, die sie auf ihren übermäßigen Pornokonsum zurückführen. Seit 2013 ist „No Fap“ ein eingetragener Markenname und im selben Jahr erstellte Rhodes die Website nofap.com, die nach eigenen Angaben eine Plattform zur Selbsthilfe sei.

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Die Anhänger der „No Fap“-Bewegung halten Pornos und Selbstbefriedigung für schädlich und versprechen sich von einer entsprechenden Abstinenz gleich mehrere gesundheitsfördernde Wirkungen: einen Weg aus ihrer Pornosucht, ein Ende ihrer Erektionsstörungen, mehr Selbstbewusstsein und mehr Kraft. In Erfahrungsberichten auf Reddit schreiben einige Männer gar davon, dass sie besser beim Sex geworden sind und länger eine Erektion halten können, seitdem sie mit dem Onanieren aufgehört haben.

Ähnliche Erfolge versprechen sich auch Männer, die beim „No Nut November“ mitmachen. Dabei war die in den 2010ern entstandene Challenge ursprünglich lediglich eine satirische Antwort auf virale Internetbewegungen wie dem „Movember“ oder auch der „Ice Bucket Challenge“, in der Menschen einen Eimer mit eiskaltem Wasser über sich gossen, um ein Bewusstsein für die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS zu schaffen. Auch heute sind nicht alle Memes rund um den „No Nut November“ ernstgemeint: Manche machen sich einfach darüber lustig, wie einige Männer verkrampft versuchen, einen Monat lang ihren sexuellen Trieben Widerstand zu leisten. Doch genau das tun viele Männer, wie aus einem Forum auf Reddit hervorgeht: Sie dokumentieren täglich ihren Fortschritt und berichten auch, wenn sie „schwach geworden“ sind und doch masturbiert haben.

Gesundheitliche und sexuelle Auswirkungen von Pornos und Selbstbefriedigung kaum erforscht

Anhänger der „No Fap“-Bewegung halten ihre Glaubenssätze fälschlicherweise für wissenschaftlich bewiesen. Dabei mangelt es noch an Studien, die die gesundheitlichen und sexuellen Auswirkungen von Pornos und Selbstbefriedigung untersucht haben. Und die wenigen, die es gibt, scheinen sich gegenseitig zu widersprechen. Die belgische Universität Antwerpen stellte 2020 im Rahmen einer nicht repräsentativen Onlinebefragung fest, dass Männer, die viele Pornos schauen, häufiger Erektionsstörungen und weniger Spaß am Sex haben. Eine frühere Studie der US-Neurowissenschaftlerin Nicole Prause kam jedoch zum Ergebnis, dass Pornos nicht im Zusammenhang mit Erektionsstörungen stehen und sogar das Verlangen nach Sex mit der Partnerin oder dem Partner verstärken können.

Und in einer vor Kurzem veröffentlichten Studie fand Prause zudem heraus, dass bei Männern, die an Bewegungen wie „No Fap“ teilnehmen, Symptome einer Angststörung die größten Prädiktoren für Erektionsstörungen sind – und nicht der Pornokonsum. Die Häufigkeit des Pornokonsums hat bei den Befragten demnach nicht ihre Fähigkeit beeinflusst, eine Erektion zu bekommen oder zu halten.

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Zudem ist die Existenz von Pornosucht, an der die Anhänger von „No Fap“ eigenen Angaben zufolge leiden, sehr umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt sie zwar inzwischen zu den zwanghaften sexuellen Störungen, jedoch zweifeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Prause an dieser Klassifizierung. In einer groß angelegten Studie zeigte sie, dass die Gehirne von Menschen, die angaben, süchtig nach Pornos zu sein, beim Konsum keine für Sucht typischen Reaktionen aufwiesen. Auch der Psychologe und Autor des Buchs „The Myth of Sex Addiction“, David Ley, definierte das, was als Pornosucht bezeichnet wird, eher als ein Symptom anderer psychischer Probleme.

Rhodes ist da bekanntlich anderer Meinung. 2019 klagte er sogar gegen Prause, die einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge nach zahlreichen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen der „No Fap“-Bewegung die Polizei eingeschaltet hatte. Rhodes warf ihr üble Nachrede und daraus resultierende Geschäftsschädigung sowie falsche Verdächtigung vor. Die Klage wurde jedoch beigelegt, wie Prause dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mitteilte.

Der Streit offenbarte aber vor allem ein Problem: Zwischen der Community, die auf Reddit aktiv ist, und dem gleichnamigen Unternehmen lässt sich keine genaue Grenze ziehen. Sprich: Stammen diese Drohungen von aktiven Mitgliedern des „No Fap“-Unternehmens oder von Teilen der Reddit-Community – oder von beiden?

Pornos und Masturbation verboten: Wie rechte und antisemitische Gruppen Abstinenz predigen

Gleichzeitig ist in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden, wie rechte und rassistische Gruppierungen die Bewegung für ihre Zwecke gekapert haben. 2018 wurden Pornodarstellerinnen und Pornodarsteller sowie Inhaberinnen und Inhaber pornografischer Websites einem Bericht von „Vice“ zufolge von Teilnehmern der „No Nut November“- sowie der „No Fap“-Bewegung im Internet belästigt, einige von ihnen wünschten sie den Tod. In den Foren der abstinenten Männer wurden sogar antisemitische Memes gepostet, die suggerierten, dass die Pornoindustrie Teil einer jüdischen Verschwörung sei. Laut dieser absurden Verschwörungstheorie würden Pornos gezielt weiße Männer vom Geschlechtsverkehr mit Frauen ablenken – und damit gleichzeitig von der Fortpflanzung abhalten.

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Solche Verschwörungstheorien sind auch in der US-amerikanischen rechtsradikalen Gruppe Proud Boys stark verbreitet, die ebenfalls ein striktes Masturbationsverbot für ihre Mitglieder verhängt. Der Gründer dieser Gruppe, Gavin McInnes, ließ in einem 2015 veröffentlichten Artikel der rechtsradikalen Nachrichtenwebsite Taki’s Magazine „No Fap“ grüßen – das Unternehmen bestritt jedoch jegliche Verbindung zu den Proud Boys. Auch unter sogenannten Incels, die Frauen dafür hassen, dass sie keinen Sex mit ihnen haben, sind Anti-Porno- und Anti-Masturbations-Kampagnen sowie antisemitische Theorien verbreitet. Rechte Youtuber wie Paul Joseph Watson, der inzwischen über 1,9 Millionen Followerinnen und Follower zählt, nannte Pornografie 2020 in einem Video „böse“ und warb für den „No Nut November“.

Auch im diesjährigen November ist der „No Nut November“ wieder Thema im Internet. Schon seit Tagen steigt folglich auch die Anzahl der Posts in den Reddit-Foren der Challenge und der „No Fap“-Community. Ob die Beiträge von verunsicherten jungen Männern oder Anhängern rechter Gruppen stammen – und welche davon ernstgemeint oder ironisch gemeint sind, bleibt dabei oft unklar. Schließlich bleiben die Userinnen und User weitgehend anonym. Pornowebseiten wie Pornhub beklagten sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht über einen signifikanten Rückgang ihrer Nutzungszahlen im November: In einem scherzhaften Tweet erklärte die Website 2019, dass sie schon am zweiten Tag des Monats über 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer verzeichnete.

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