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Psychische Krankheiten als Amokursache?

Welche geistigen Leiden wirklich gefährlich sein können – und welche eher nicht

Das Motiv des Amokfahrers von Berlin ist noch nicht klar.

Das Motiv des Amokfahrers von Berlin ist noch nicht klar.

Ein Mann fährt mit einem Auto in eine Menschengruppe. In Witzenhausen. In Trier. In Frankfurt. In Berlin. Ein Mann stößt eine Mutter und ihr Kind vor einen einfahrenden Zug. Ein Mann schießt in einem Hörsaal um sich.

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Danach sagt jemand: „Der Mann war psychisch krank“ – oder, wie nun nach der Amokfahrt in Berlin mit einer Toten und 14 Schwerverletzten: „Der Mann war psychisch beeinträchtigt.“ Nachbarinnen und Nachbarn, Onlinebekanntschaften, Bekannte und Verwandte melden sich in den Medien zu Wort, sagen, er sei schon immer merkwürdig gewesen, auffällig, oder habe, wie im Fall Berlin, „schwerwiegende Probleme.“

Es sind unerträgliche Zeiten für die Angehörigen der Opfer. Aber auch schwierige Zeiten für psychisch Kranke in Deutschland. Zu den alltäglichen Stigmatisierungen kommen nun Blicke, die sagen: „Drehst du auch bald durch?“, weitere soziale Ausgrenzungen, mehr Unverständnis. Psychisch Kranke können in eine Ecke gedrängt werden, sich noch weiter zurückziehen, Krankheitssymptome können sich verfestigen.

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Psychische Krankheiten und Gewalt: die Krankheitsbilder differenzieren

Auf den ersten Blick sind psychisch kranke Menschen auf niedrigem Niveau gefährlicher als gesunde. Eine Studie in Deutschland fand heraus, dass 2 Prozent der gesunden Bevölkerung zu Gewalt neigten, bei psychisch Kranken – jedweder Diagnose – liege der Anteil bei 4 Prozent, berichtet der SWR. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass 96 und 98 Prozent eben nicht zur Gewalt neigen.

Entscheidend ist dabei das genaue Krankheitsbild. Wer körperlich erkrankt ist, nennt in der Regel die genaue Bezeichnung: Beinbruch, Magen-Darm-Infekt, Kopfschmerzen. Bei psychischen Krankheiten wird selten differenziert, obwohl es unzählige verschiedene Krankheitsbilder und Diagnosen gibt.

Von Angstpatientinnen und ‑patienten, Depressiven und Menschen mit anderen unipolaren Störungen gehe nahezu keine Gefahr aus, „die Krankheiten spielen keine Rolle bei Gewalttaten“, sagt Britta Bannenberg von der Universität Gießen dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Zwar waren sowohl der Attentäter von München 2016 als auch der Attentäter von Ansbach 2016 wegen Depressionen in Behandlung, ausschlaggebend für die Tat waren allerdings in einem Fall rechtsradikale Motive, im anderen islamistische. Die psychischen Erkrankungen standen dennoch lange Zeit im Fokus der Berichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung.

Ein Drittel aller Amokläufer leidet an paranoider Schizophrenie

Anders hingegen sieht es bei Menschen mit Psychosen und Wahnvorstellungen aus. Internationale Studien fanden heraus, dass Menschen mit Psychosen drei- bis viermal häufiger gewalttätig sind als geistig Gesunde. So geschehen Anfang 2021, als in Frankfurt ein Mann „Stimmen hörte“, mit dem Auto in eine Fußgängergruppe fuhr und zwei Männer tötete. Vor Gericht wurde festgestellt, dass der Attentäter zum Tatzeitpunkt an einer „stark ausgeprägten paranoiden Schizophrenie und an Verfolgungswahn“ gelitten hat, wie die „FAZ“ berichtet. Auch der Attentäter von Berlin soll an paranoider Schizophrenie, einer besonderen Art der Wahnvorstellung, leiden. Hochrechnungen zufolge leiden 0,3 Prozent der erwachsenen Deutschen an Schizophrenie, davon 65 Prozent an paranoider Schizophrenie, also rund 165.000 Deutsche.

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Die Menschen handeln im Wahn, sie verkennen die Realität.

Britta Bannenberg,

Kriminologin von der Uni Gießen

Insgesamt sei bei einem Drittel der erwachsenen Amokläufer paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden, sagt Bannenberg dem RND. „Die Menschen handeln im Wahn, sie verkennen die Realität“, sagt sie. Das könne im Extremfall – der jedoch selten sei – dazu führen, dass Personen sich in ihrem Wahn radikalisieren. Paranoid Schizophrene können sich beispielsweise im Wahn von anderen angegriffen fühlen oder in einer Mission wähnen, die Welt von Unheil zu befreien. Dennoch: Auch wenn viele Attentäter paranoid schizophren seien, ließe sich nicht von der Krankheit auf die Tat schließen. „Wer glaubt, dass Zombies nebenan wohnen, kann das als Fakt annehmen. Gefährlich wird es erst, wenn die Person glaubt, dass die Zombies sie angreifen wollen und sie sich selbst verteidigen muss“, sagt Bannenberg, die auch Ansprechpartnerin des Beratungsnetzwerks Amokprävention ist.

Gefährlichste Mischung: Psychosen und Alkohol- oder Medikamenten­missbrauch

Eine Studie zeigt: Kommen Alkohol- oder Medikamenten­missbrauch zu den Psychosen hinzu, wie etwa bei Co-Pilot Andreas L., der an einer Psychose litt und 2015 ein vollbesetztes Flugzeug absichtlich abstürzen ließ, erhöht sich das Risiko, dass die Person gewalttätig wird, um das Vierzehnfache. Oft sind deshalb nicht die psychischen Erkrankungen selbst Grund für die Gewalt, sondern der damit verbundene Drogen­missbrauch.

Unterschiede sehen Forscherinnen und Forscher zwischen Jugendlichen, die einen Amoklauf androhen, und Erwachsenen. Bei Jugendlichen geschieht dies häufig aus Frust und Kränkung, bei den Erwachsenen handelt es sich zu rund einem Drittel um Schizophrene und zu einem Drittel um Menschen mit paranoiden Persönlichkeitsstörungen. Das restliche Drittel ist „psycho­pathologisch auffällig und zeigt häufig narzisstische und paranoide Züge“, schreibt Bannenberg.

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Nebst den persönlichen oder psychischen Hintergründen, gibt es zudem noch ideologische Motive, die zu einem Attentat verleiten können, etwa religiöse oder politische. Dann ist in der Regel von Terroristen die Rede, nicht von Amokläufern.

Psychische Probleme und Auffälligkeiten: Das ist über den Todes­fahrer von Berlin bekannt

Der Deutsch­armenier, der in Berlin in eine Menschen­menge gerast ist, hatte nach Erkenntnissen der Polizei in der Vergangenheit psychische Probleme.

Amokläufer leiden an wahnhaften Psychosen oder an Persönlichkeits­störungen

Auch wenn Menschen psychische Auffälligkeiten zeigen und als persönlichkeitsgestört gelten, handelt es sich nicht zwangsläufig um psychische Erkrankungen. Manchmal waren die Attentäter auch wegen dieser Verhaltensauffälligkeiten oder anderer Entwicklungsverzögerungen in psychologischer oder psycho­therapeutischer Behandlung, ohne dass jedoch eine diagnostizierte psychische Erkrankung vorliegt. Es sei deshalb wichtig, bei den Krankheitsbildern zu differenzieren und nicht generell alle psychisch Kranken anzusprechen, so Bannenberg. Sie nimmt dabei vor allem Medien in die Pflicht.

Menschen mit Persönlichkeits­störungen seien nicht wahnhaft, sie handeln in der Regel in Klarheit, „weil sie es so wollen“, sagt die Kriminologin, „sie wissen meist, was sie tun.“ Die Menschen würden dann als psychisch gestört oder psychisch beeinträchtigt bezeichnet, nicht aber als psychisch krank. „Das ist ein Unterschied in der Diagnostik, die sich auf die rechtliche Beurteilung und den weiteren Umgang mit dem Täter auswirkt“, sagt Bannenberg.

So würden Angreifer mit Persönlichkeitsstörungen in der Regel nicht dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht und benötigen auch nicht zwangsläufig Medikamente. Attentäter mit Persönlichkeits­störungen seien meist zurechnungsfähig und schuldfähig, Menschen mit Wahnvorstellungen nicht.

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Hilfestellung

 

Beratungsnetzwerk Amokprävention

Wer merkwürdige oder bedrohliche Äußerungen in seinem Umfeld wahrgenommen hat, kann sich beim Beratungsnetzwerk Amokprävention an der Universität Gießen melden. Expertinnen und Experten geben ihre Einschätzung zum Sachverhalt ab. Das Netzwerk ist montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 15 Uhr unter der Rufnummer 06 41 / 99 21 572 erreichbar oder via Mail an: beratungsnetzwerk-amok@recht.uni-giessen.de.

USA: Amokläufer selten psychisch krank, aber oft persönlichkeitsgestört

In den USA gibt es bereits umfassende Forschungs­ergebnisse zu Attentätern und ihrem Gesundheits­zustand. „Ein gängiges Vorurteil ist, dass die Täter mental krank sind, aber das ist normalerweise nicht der Fall“, sagt Eric Madfis von der Universität von Washington einst dem Magazin „New Scientist“. Er forschte zu den Zusammenhängen psychischer Erkrankungen und Amokläufen in den USA. „Die Mehrheit der Personen, die gewalttätig sind, ist nicht mental krank, und die Mehrheit der Personen, die mental krank sind, ist nicht gewalttätig.“ Bei Amokläufern handelt es sich in der Regel um weiße, junge Männer, die aus unauffälligen Familien mit sich kümmernden Eltern kommen und die zuvor nicht als gewalttätig bekannt waren – in den USA wie in Deutschland.

Lediglich ein Stereotyp trifft Madfis’ Untersuchungen zufolge in nahezu allen Fällen zu: Amokläufer sind häufig sozial isoliert, werden als merkwürdige Einzelgänger beschrieben. Viele haben vor ihrem Attentat eine persönliche Frustsituation erlebt, etwa eine Trennung, einen Jobverlust oder eine Zurückweisung erfahren. Diese Beobachtungen teilt auch Kriminologin Britta Bannenberg von der Universität Gießen. Amokläufer, schreibt sie in einem Infotext zur Amokprävention, „fühlen sich schnell von Mitmenschen gekränkt und missachtet“ und seien zudem „extrem nachtragend“.

Amokläufe verhindern: Das soziale Umfeld muss achtsam sein

Für Ermittlerinnen und Ermittler ist es besonders schwierig, das Gefahrenpotenzial von Einzeltätern zu erkennen – einen vollständigen Schutz kann es nicht geben. Wer paranoid schizophren ist, sucht sich eher keine Hilfe, sagt Bannenberg. „Er oder sie hat das Gefühl, richtig zu handeln.“ Deshalb ist ein aufmerksames Umfeld wichtig. Äußert jemand, dass er sich verfolgt oder angegriffen fühlt, dass er Stimmen hört? Dann sollte umgehend Hilfe eingeholt werden, etwa beim Beratungsnetzwerk Amokprävention oder bei der Polizei. Dort können Aussagen eingeschätzt werden und es kann eine Behandlung etwa in der Psychiatrie veranlasst werden. „Wenn jemand paranoid schizophren ist, wird das im Umfeld irgendwann auffallen“, sagt Bannenberg. Durch bestimmtes Eingreifen könnte Eigen- und Fremdgefährdung minimiert werden.

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Mitmenschen von Personen mit Persönlichkeitsstörungen können auf andere Anzeichen achten. Etwa, wenn die Person mit bekannten Attentätern sympathisiert, deren Vorgehen befürwortet und gutheißt, wenn selbst Gewaltfantasien geäußert werden oder Drohungen wie „Ich werde es euch noch allen zeigen“ ausgesprochen werden. Auch in diesem Fall sollten die Äußerungen ernst genommen werden. Die Amokprävention oder die Polizei können bei der Gefahrenabwehr helfen – ehe Menschenleben gefährdet werden.

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