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Nachruf

Andreas Dresen zum Tod von Wolfgang Kohlhaase: Noch vor wenigen Tagen war er „wie immer“

Wolfgang Kohlhaase ist tot.

Wolfgang Kohlhaase ist tot.

Potsdam. Er gilt als einer der wichtigsten Drehbuchautoren der deutschen Filmgeschichte. Das klingt höchst pathetisch. Dabei ist das, was Wolfgang Kohlhaase immer wieder antrieb, eigentlich eher privat. „Ich wollte immer meine Kindheit verstehen und das Leben meiner Eltern. Und ich wollte vor die Haustür treten und gucken: Was ist denn so los?“ So umschrieb er einmal seine Lebens- und Arbeitsthemen. Gestern ist Kohlhaase, der in Berlin und Reichenwalde (Oder-Spree) lebte und mit der Tänzerin und Choreografie Emöke Pöstenyi verheiratet war, gestorben. Er wurde 91 Jahre alt.

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1931 in Berlin als Sohn eines Maschinenschlossers geboren, stürzte er sich nach Krieg und Schulzeit voll in das neue Leben. Früh hat er zu schreiben begonnen, wurde 1947 Volontär und Redakteur bei Jugendblättern. 1950 kam er zur Defa. „Eine richtige Lehre hat es nicht gegeben“, beschreibt er die Anfangsjahre. „Wir haben sozusagen nicht studiert und dadurch konnten wir eine Menge lernen, denn gelernt werden musste immer“, so Kohlhaase über seine Ausbildung in Babelsberg.

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Kohlhaases Filme gefielen nicht immer der DDR-Spitze

Und er ging viel ins Kino. Vor allem der Neorealismus, den man in den Westberliner Kinos sehen konnte, hatte es ihm angetan: „Die Italiener erzählten Geschichten, die so waren, wie die Ecke, wo ich wohnte, und davon ging eine große Ermutigung aus.“

Die Ecke schafft es dann auch gleich zweimal in seine Filmtitel. Auf „Eine Berliner Romanze“ (1956) folgte „Berlin – Ecke Schönhauser“, beide mit dem Jungregisseur Gerhard Klein, beides Geschichten um den Alltag junger Leute im noch ohne Mauer geteilten Berlin, nicht unbedingt zur Freude der DDR-Oberen. Bei „Berlin um die Ecke“ zogen sie die Notbremse. Der Film, der in jener Fabrik spielte, in der Kohlhaases Vater arbeitete, setzt sich kritisch mit dem DDR-Alltag auseinander und wurde 1965 noch vor der Fertigstellung verboten.

Großer Treffer mit „Solo Sunny“

Zum Glück trat in jener Zeit Konrad Wolf in sein Leben, der noch am Verbot seines Filmes „Sonnensucher“ zu kauen hat. Gemeinsam spiegeln sie in „Ich war neunzehn“ ihrer beider Kindheit, der eine aufgewachsen als Emigrantensohn in Moskau, der andere im nazideutschen Berlin. Es wird für beide ein Erfolg. „Es steckte ja eigene Biografie drin“, so Kohlhaase. „Das war das, was ich am besten wusste. Was, glaube ich, auch ein Publikum erfahren wollte. Also, man darf sich das nicht vorstellen, dass die Leute sich nur Unterhaltungsware ansehen wollten. Nein, es gab ein Bedürfnis, auf diese Zeit zu blicken und wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was da passiert war.“

Einen großen Treffer landeten beide 1980 mit "Solo Sunny", dem Film über eine junge Sängerin mit großen Idealen und Hoffnungen, die am tristen Dasein in der DDR zerbricht. Hauptdarstellerin Renate Krößner wird auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären geehrt.

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Enger Partner von Andreas Dresen

Nach der Wiedervereinigung 1990 war Kohlhaase ein gefragter Drehbuch-Partner von so prominenten Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Bernhard Wicki und Frank Beyer. Vor allem aber für Andreas Dresen, für den er "Sommer vorm Balkon", "Haus und Kind", "Whisky und Wodka" und "Als wir träumten" schrieb.

Die Kunst von Wolfgang Kohlhaase sei „Poesie in Kurzform“, so Dresen. „Pathos oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er beschreibt komplizierte Dinge mit einfachen Worten. Seine Texte sind klar und direkt. In ihrer Lakonie treffen sie trotzdem mitten ins Herz. Das hat damit zu tun, dass er die Menschen und seine Figuren mit den Augen der Liebe betrachtet.“

Die Liebe, der Tod und das Wetter

Und manche seiner wunderbaren Dialoge kann nicht nur Dresen auswendig. Wie jene Stelle in „Solo Sunny“, als die Schlagersängerin einen Liebhaber morgens mit den Worten rausschmeißt: „Is’ ohne Frühstück.“ Und als er mault, hinzufügt: „Is’ auch ohne Diskussion.“

Etwas vom Credo seiner Arbeit lässt Kohlhaase in „Whisky mit Wodka“ durchblicken. Da wird der Regisseur von einem Bühnenarbeiter gefragt, was denn nun eigentlich die Botschaft seines Drehbuchs sei. Kohlhaase lässt ihn antworten: „Die Botschaft, wie Sie es meinen, gibt es vielleicht nicht. Man macht einen Film ja nicht, weil man Bescheid weiß, sondern um etwas zu entdecken. Film ist Vermutung, verstehen Sie? Es geht um immer neue Bilder für die Dinge, die sich immer wiederholen. Wie soll ich es ausdrücken? Die großen Phänomene. Die Liebe, der Tod und das Wetter.“

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Noch vor wenigen Tagen war Wolfgang „wie immer“

Eines fehlt in der Aufzählung: das Boxen. Schon in seinem ersten Film „Alarm im Zirkus“ ging es um zwei Jungs, die kein Geld für die begehrten Boxhandschuhe hatten. Und Kohlhaase selbst stand bis ins hohe Alter bei den Berliner Narva-Senioren im Ring.

„Vor wenigen Tagen haben wir noch miteinander telefoniert. Wolfgang war wie immer, voller Tatendrang“, so Andreas Dresen am Mittwoch. „Er war 91, was heißt das schon. Ich konnte mir nie vorstellen, dass er einmal nicht mehr da sein könnte. Wir hatten Pläne.“

Keine Frage, Kohlhaase hat das Kino geprägt. Und er war ein Singulär in unserer Filmlandschaft. Denn dass man ins Kino geht nicht zuletzt wegen eines Drehbuchautors, das hat wohl außer ihm kaum ein anderer seiner Kollegen geschafft.

Von Frank Starke

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