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Kleinkunst

Bestsellerautor Marc-Uwe Kling bleibt auf dem Boden

Marc-Uwe Kling am 3. April im Freiland in Potsdam. Im Hintergrund die Poetry-Slammer Noah Klaus,  Fee und Sebastian Lehmann (v.l.n.r.)

Marc-Uwe Kling am 3. April im Freiland in Potsdam. Im Hintergrund die Poetry-Slammer Noah Klaus, Fee und Sebastian Lehmann (v.l.n.r.)

Potsdam. Seit zwölf Jahren macht Marc-Uwe Kling jeden ersten Mittwochabend im Monat dasselbe. Mit Sebastian Lehmann und Maik Martschinkowsky sowie ausgewählten Gästen der Poetry-Slam-Szene sitzt er in Potsdam auf einer kleinen Bühne im selbstverwalteten Kulturzentrum Freiland. So auch vorgestern. Eine Stunde vor Beginn bildet sich vor dem Spartacus eine nicht abreißende Schlange. Keiner der etwa 350 Stühle in dem fensterlosen, schwarz gestrichenen, kellerartigen Raum bleibt frei.

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Die PotShow ist Kult

Die PotShow braucht keine Werbung, sie ist Kult. Auch für Marc-Uwe Kling, der auf die Texte seiner Freunde gespannt ist, mit denen er parallel auch die „Lesebühne Lesedüne“ im SO 36 in Berlin-Kreuzberg gegründet hat. Es gilt die Verabredung, in drei Runden nur neue Kurztexte vorzutragen. Sebastian nutzt die Gelegenheit, seine Kolumne in Liveatmosphäre für Radioeins aufzuzeichnen: Jeder seiner Sketche beginnt mit dem Satz „Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an...“ Maik ist an diesem Mittwoch nicht da - Bemerkungen über den Abwesenden werden zum Running Gag. „Es gibt Uwe, der ist sehr erfolgreich, aber es gibt auch Maik“, sagt etwa Sebastian Lehmann, der als Kleinkünstler ebenfalls seine liebe Mühe haben dürfte, materiell über die Runden zu kommen.

Fortsetzung von „Qualityland“

Nicht so Marc-Uwe Kling. Als der vors Mikro tritt, sagt er: „Aus Gründen schreibe ich gerade an der Fortsetzung von ,Qualityland‘ und spoile Euch jetzt mal. Bis das zweite Buch herauskommt, habt Ihr das sowieso vergessen.“ Von hinten wirft Sebastian ein. „Ja, das wird jetzt vom MDR verfilmt“.

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Spektakulärer Erfolg

Die meisten im Saal wissen, was gerade bekannt geworden ist: Marc-Uwe Klings Debütroman "Qualityland" wird ein atemberaubender Triumph zuteil. Der US-Sender HBO, Teil des Medienkonzerns Warner und bekannt für qualitätsvolle TV-Serien wie "Game of Thrones", wird Klings witzige Gesellschaftsdystopie als Serie produzieren. Nach Erscheinen des Buchs im Herbst 2017 schrieb die MAZ: ",Qualityland' könnte durchaus auch ein internationaler Erfolg werden." Der Rezensent dachte an Buchausgaben, etwa in englischer Sprache. Nun steht aber ein echtes Spektakel ins Haus.

Marc Uwe Kling (l) und Noah Klaus im Pausengespräch

Marc Uwe Kling (l.) und Noah Klaus im Pausengespräch.

Seinen Erfolg versteckt Marc-Uwe Kling, der in Potsdam lebt, hinter einer normalen Fassade. Am Mittwoch trägt er ausnahmsweise mal keinen Kapuzenpulli, sondern ein Sweatshirt. Sonst Jeans und Trekkingschuhe, Schiebermütze und Vollbart wie immer. Ein typischer Mittdreißiger, eine Kreuzung aus Nerd, Familienvater und linkem Szene-Aktivisten.

Ein Känguru mit Vergangenheit

Finanziell dürfte Kling längst ausgesorgt haben. Er gilt aber auch als großzügiger Spender. Das Freiland erhielt von ihm zum Beispiel 20 000 Euro für die Flüchtlingsarbeit. Seine kabarettistischen Känguru-Chroniken (sie wurden gerade ins Französische übersetzt) begeistern Kinder ebenso wie Jugendliche und Erwachsene. Die Dialoge mit einem kommunistischen Haustier, das einmal für den Vietkong gekämpft hat, nähern sich mit viel Jux, Bildung und Haltung der Zeitgeschichte an. Sowohl Live-Auftritte wie Hörbücher, bei denen Kling lässig die Stimmlagen seiner Protagonisten imitiert, sind Kassenschlager.

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Kreativität aus Geselligkeit

Klings Humor und Kreativität entspringen einer sympathischen Geselligkeit, die er mit Gleichgesinnten pflegt. In seinem Online-Shop kann man Stempel erwerben mit Worten wie „witzig“ oder „nicht witzig“, Aufkleber, auf denen steht „Scheißverein“. Das wiederum ist ein Titel, den er mit seiner Band aufgenommen hat. Gerade hat die „Arbeitsgruppe Zukunft“ ein neues Album eingespielt, ein kurioser stilistischer Mix aus Neue Deutsche Welle und Heavy Metal. Manchmal tritt Kling auch als Liedermacher auf.

Das Einhorn wird zum „Neinhorn“

Beliebt sind auch Klings Abreißkalender, die jeden Tag mit einem Zitat aufwarten, die falschen Autoren zugeordnet werden, etwa „Der angerufene Teilnehmer antwortet nicht - Gott.“ Marc-Uwe Klings Kinderbuch „Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat“ schnellte im Herbst 2018 sofort auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Vorlesebücher. Am Mittwoch in Potsdam las Kling aus einem neuen Manuskript vor. Es handelt von einem Einhorn, das zum „Neinhorn“ wird, ein Text mit Morgenstern- und Ringelnatz-Qualitäten.

Er genießt die Normalität

In der Pause sitzt der Tausendsassa vorne ungestört auf der Bühne und nimmt noch letzte Änderungen in seinem Manuskript vor. Er genießt es, dass in diesem Umfeld kein Gewese um ihn gemacht wird. Auf die Journalisten-Frage, warum er prinzipiell keine Interviews gibt, reagiert er nicht genervt. „Ich freue mich über jede Veröffentlichung. Aber das ist alles so gigantisch geworden. Ich will mich und meine Privatsphäre schützen.“

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info Da der nächste erste Mittwoch des Monats auf den 1. Mai fällt, findet die nächste PotShow ausnahmsweise am 29. April statt. Beginn: 20 Uhr. Einlass ab 19 Uhr. Gastgeber sind neben Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky und Sebastian Lehmann. Freiland, Friedrich-Engels-Straße 22, Potsdam.

Von Karim Saab

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