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Zeitgenössische Kunst

„Blanc de Blancs“ – eine Ausstellung ganz in Weiß in der Villa Schöningen in Potsdam

Gregor Hildebrandts Rauminstallation „Schallmauer Weiß“ und das Gemälde „Boy“ von Axel Geis.

Gregor Hildebrandts Rauminstallation „Schallmauer Weiß“ und das Gemälde „Boy“ von Axel Geis.

Potsdam. So sehr man sich danach sehnte, nach der Unbeschwertheit der Vor-Corona-Zeit, nach der Rückkehr zur sogenannten Normalität, der Freude am Bunten, Grellen, an heißen Rhythmen und knackigen Bässen auf den Tanzflächen: Irgendetwas muss untergründig doch zur Mäßigung und Zurückhaltung gemahnt haben.

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Bemerkenswert jedenfalls, dass mitten in der Pandemie gegen Ende des vergangenen Jahres gleich zwei Kunstausstellungen eröffneten, die der Farbe eine radikale Absage erteilten. Mit „Nothingtoseeness“ war eine Schau in der Akademie der Künste in Berlin überschrieben, in der es wahrlich nichts zu sehen gab außer Werken in weiß. Und fast gleichzeitig zeigte die Avlskarl Gallery in Kopenhagen unter dem Titel „Schnee fällt hinterm Berge“ Bilder und Skulpturen, die nur eines gemeinsam hatten: Sie waren weiß.

Ergänzt durch zahlreiche weitere Arbeiten ist die Kopenhagener Schau derzeit in Potsdam in der Villa Schöningen zu sehen. Doch Putins Krieg in der Ukraine hat ihr unfreiwillig eine ganz neue Bedeutung verliehen. Nicht nur weil weiß „die Farbe der Friedenstauben“ ist, auf die Sonia González, die künstlerische Leiterin der Villa an der Glienicker Brücke hinweist. Weiß ist auch die Farbe der Stille und der Einkehr, und damit der Selbstvergewisserung.

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Kuratiert von Sonia González und Gregor Hildebrandt

Insofern kommt die Ausstellung in Zeiten, in denen viele Worte ihre Unschuld verlieren, in denen schon Formulierungen, wie „ein Projekt in Angriff nehmen“ plötzlich wie eine Kriegserklärung klingen, genau richtig. Denn nicht nur Worte erfahren derzeit Verschiebungen ihres Sinnes, auch Kunstwerke können kaum noch neutral betrachtet werden. Der Krieg erzwingt generell einen veränderten Blick auf die Welt. Und so erwachsen auch einzelnen Arbeiten der Schau durch den veränderten Kontext unverhofft neue Bedeutungen.

Die traurige Aktualität sei bei der Planung seinerzeit nicht vorhersehbar gewesen, räumt González ein, die die Ausstellung zusammen mit dem Berliner Künstler Gregor Hildebrandt kuratiert hat. Mit „Blanc de Blancs“ ist sie überschrieben, nach der französischen Weinsorte, die ausschließlich aus weißen Weintrauben gekeltert wird. „Blanc de Blancs“ zeigt 54 Arbeiten von 38 international bekannten zeitgenössischen Künstlern.

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Also so weiß, weißer geht’s nicht, könnte man in Anlehnung an eine westdeutsche Waschmittelwerbung aus dem vergangenen Jahrhundert sagen. Fast geblendet wird man beim Gang durch die weiß gestrichenen Ausstellungsräume mit den weißen Kunstwerken. Es hat etwas Traumwandlerisches, Hyperreales und zugleich klinisch Verfremdetes. Das sinnliche Koordinatensystem wird auf Null gestellt.

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Weiß, die Farbe des Nichts

Weiß ist die Farbe des Nichts. Häufig wurde sie in der Malerei als Nicht-Farbe bezeichnet. Doch physikalisch enthält sie das komplette Farbenspektrum. Farben sind, vereinfacht gesagt, nichts anderes als um eine bestimmte Wellenlänge reduziertes Weiß. Die Hamburger Konzeptkünstlerin Anna Grath hat Schafwolle hinter Glas angeordnet – einzelne Büschel, alle weiß. Und doch zeigen sich schnell Nuancen, unterschiedliche Grade von Weiß: Grautöne, gelbliche Spuren, rötliches Schimmern. Gibt es also das Weiß überhaupt? Oder ist nicht jedes Weiß in der Realität irgendwie leicht verunreinigt und damit ein besonderes und zugleich kostbares Einzelnes?

Für das Besondere im Allgemeinen sensibilisiert auch der Mexikaner Gabriel de la Mora. Wie eine Wandtapete wirkt sein aus winzigen Scherben von Eierschalen zusammengepuzzeltes Bild. Erst von ganz nah fällt auf, dass er immer genau den Teil der Schale verwendet hat, auf dem das Legedatum aufgedruckt ist. Eine Ansammlung individueller Ereignisse also – nur auf den ersten Blick alle gleich.

Weiß symbolisiert eben nicht nur das Nichts, in ihm kann sich alles verbergen, und das in seinen unterschiedlichsten und damit je einzigartigen Erscheinungsformen. Zunächst scheint es ein Madonnenbild zu sein, das der Berliner Künstler Axel Geis brachial mit weißer Farbe übermalt hat. Nur schwache Andeutungen der Gesichtszüge lugen wie von einem Schneesturm umgeben hervor, das Haupt bedeckt von einer sahnehäubchenartigen Masse. Eine scheue weibliche Schönheit? Oder doch eher ein Monster? Schwer zu sagen. Es ist der Betrachter, der entscheidet, was er sieht – oder sehen will. Nur so viel steht allerdings fest: Eine Madonna dürfte es nicht sein, denn Geis hat das Bild „Boy“ genannt.

So weiß, weißer geht’s nicht

„Blanc de Blancs“ ist ein Weißwein, Champagner oder Crémant, der ausschließlich aus weißen Trauben gekeltert ist. Wörtlich übersetzt bedeutet Blanc de Blancs „Weißer aus weißen“

Die Ausstellung „Blanc de Blancs“ zeigt 54 nahezu komplett weiße Arbeiten von 38 zeitgenössischen Künstlern – darunter Karin Sander, Alicja Kwade und Leiko Idemura.

Blanc de Blancs. Villa Schöningen, Berliner Str. 86, Potsdam, Fr-So, 12-18 Uhr, bis 8. Mai.

Dieser Boy blickt von einer riesigen Wand aus verbeulten Schallplatten. Gregor Hildebrandt hat sie ineinandergeschachtelt und zu hochragenden Stelen aufeinandergetürmt. Das macht er immer so. Nur diesmal sind sie weiß lackiert und 66 solcher Türme zu einem Wall aneinandergereiht. Sie verleihen dem oberen Stockwerk der Villa Schöningen etwas Bedrohliches und zugleich Sakrales. Denn weiß ist auch die Farbe des Heiligen.

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Weiß, die Farbe des Heiligen, der Reinheit und der Unschuld

Die japanische Künstlerin Leiko Ikemura verwandelt das Heilige regelmäßig in einen Hasen, der zwei Gesichter hat. Ein weißes Exemplar steht am Fenster und schaut auf den Jungfernsee, die Rückseite in den Innenraum. Die Augen sind fast geschlossen, der Blick wirkt in sich gekehrt. Und trotzdem schaut das eine Gesicht eher grimmig, das andere traurig – Wut und Hilflosigkeit scheinen sich abzuwechseln – man könnte die aktuelle Gefühlslage vieler Menschen kaum treffender ausdrücken.

Und schon hat einen der Krieg wieder eingeholt. Mit seinen Verwundeten und Toten. Weiß ist auch die Farbe der Reinheit. Was auch Sterilität erfordern kann, um die in Lazaretten penibel gekämpft werden muss. Im Erdgeschoss hängt ein Arztkittel. Die Berliner Künstlerin Olivia Berckemeyer hat ihn mit strahlend weißem Wachs überzogen. An den Ärmeln gerinnt es zu stalaktitenartigen Tropfen, die wie lange Finger aussehen. Das makellose Weiß tut fast weh, so fernab der Tragik, die sich derzeit in den Ambulanzen von Kiew, Charkiw oder Mariupol abspielt.

Die Welt steht Kopf

Inge Mahn, "Balancierender Stuhl" und "Balancierende Kugel".

Inge Mahn, "Balancierender Stuhl" und "Balancierende Kugel".

Dass Reinheit als Symbol der Unschuld im realen Leben nur eine Ausrede sein kann, weil schließlich jeder mehr oder weniger in den Gang der Dinge verstrickt ist, veranschaulicht wiederum Karin Sander mit einer runden Leinwand. Seit 2014 lässt sie die unbearbeitete weiße Fläche unverpackt von Ausstellung zu Ausstellung transportieren. Jede Verlagerung hinterlässt Spuren und macht das Werk zu einem Dokument der Zeit. Und die ist nun einmal auch schmutzig. Irgendwann wird nur noch ein Grau-in-grau zu sehen sein. Die Geschichte kennt eben kein Schwarz-Weiß.

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Aber sie kennt Höhen und Tiefen. Die Bildhauerin Inge Mahn hat zwei weiße Stühle und zwei große weiße Kugeln miteinander arrangiert. Auf der einen Kugel thront ein Stuhl als balanciere er auf der Welt, der andere liegt kopfüber und auf seinen in die Luft ragenden Beinen ruht die zweite Kugel. Auch das ein Sinnbild für den Zustand der Welt nach Putins Angriffskrieg. Sie steht derzeit Kopf.

Von Mathias Richter

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