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Hans-Otto-Theater

Chefdramaturgin Bettina Jantzen nimmt ihre Arbeit auf

Bettina Jantzen, Chefdramaturgin des Hans-Otto-Theater.

Bettina Jantzen, Chefdramaturgin des Hans-Otto-Theater.

Potsdam.„Es gibt einen Ort in Potsdam, dessen Name meine derzeitige Gemütsverfassung auf den Punkt bringt: ,Die Große Neugierde‘“, sagt Bettina Jantzen. Die neue Chefdramaturgin des Hans-Otto-Theaters hat die vergoldete Rotunde an der Glienicker Brücke bisher nur im Vorbeifahren bestaunen können. Dabei hat sie schon seit letztem Herbst ein Zimmer in Potsdam-West gemietet, um neben ihrer Tätigkeit als 1. Schauspieldramaturgin am Staatstheater Cottbus die Vorbereitung auf die erste Potsdamer Spielzeit 2018/19 zu bewältigen. Da blieb nicht viel Zeit.

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Ihr Mann, der in der Informatikbranche arbeitet, wird in Cottbus wohnen bleiben. „Ich habe mich selber aus der Unkündbarkeit verabschiedet“, sagt die Mutter einer 19-jährigen Tochter auf die Frage, ob sie den arbeitsrechtlichen Rahmen an den Stadttheater gern verändern würde. Der bringt es nämlich mit sich, dass bei einem Intendantenwechsel die Schauspieler und das künstlerische Personal oft ihre Jobs verlieren, was vor allem Familien hart trifft. Erst nach 15 Jahren werden fest angestellte Künstler unkündbar.

Bettina Jantzen ist schon seit 1995 am Cottbuser Theater. Ute Scharfenberg, ihre Vorgängerin in Potsdam, musste im Juni nach neun Jahren ihr Büro am Tiefen See räumen. Eine direkte Begegnung oder gar Übergabe hat sie vermieden. „Ich bin froh, dass uns die festen Mitarbeiter am Hans Otto Theater so offen aufnehmen. Außerdem haben wir ja auch einen Teil der Künstler übernommen“, sagt Bettina Jantzen. „Die Frage ist, wie man das System gestaltet. Ein Leitungsteam sollte seine Entscheidungen aus einem partnerschaftlichen Prozess heraus fällen“, betont sie. Auch die Inszenierungen am Hause seien im besten Falle ein offener, kreativer Prozess, in den jeder etwas einbringe.

Was ist die Aufgabe eines Dramaturgen? „Wir müssen Schauspieler und Regisseure bei der Entstehung der Inszenierung bestärken, Impulse geben, im gleichen Maße empathisch und kritisch sein. Und wir entwickeln den Spielplan sowie viele weitere Veranstaltungen des Hauses.“ Bettina Jantzen freut sich vor allem auf eine Uraufführung von Jean-Michel Räber. Das Familiendrama über Sterbehilfe mit dem Titel „Gehen oder der zweite April“ ist ihre Entdeckung und wird am 18. Januar sogar auf der großen Bühne herausgebracht. Und auch von dem fast 130 Jahre alten Schwank „Pension Schöller“ (Premiere: 30. November) verspricht sich die unprätentiöse Frau viel, da der Regisseur Jan Jochymski eine modernisierende Strichfassung wagen wird. Zur Spielzeit-Eröffnung am 22. September steht „paradies spielen“ von Thomas Köck auf dem Programm – „ein sehr besonderer Gegenwartstext“, schwärmt Bettina Jantzen. Die Proben haben gerade begonnen.

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Die Endvierzigerin wurde in Dresden als Tochter eines Schauspieler-Ehepaares geboren, das es schon Mitte der 1970er Jahre nach Cottbus verschlug. Dort spielte die Heranwachsende in einer Laientheatergruppe mit und ging dann nach Leipzig, um Theaterwissenschaften zu studieren. Ursprünglich wollte sie Theaterpädagogin werden. Leipzig und Cottbus sind auch wichtige Stationen in der beruflichen Laufbahn von Intendantin Bettina Jahnke, deren Ruf Bettina Jantzen nach Potsdam gefolgt ist.

Für welche Art Theater schlägt ihr Herz? „Ich liebe Inszenierungen, die auf starke Identifikationsfiguren setzen, bin aber stilistisch nicht festgelegt. Und ich mag es, wenn man im Theater auch lachen kann“, sagt sie spontan. Zeitgenössisches Regietheater registriert sie eher am Rande. „Castorf und Marthaler an der Berliner Volksbühne habe ich in den frühen 90er Jahren begeistert wahrgenommen. Spannend fand ich Regiearbeiten von Michael Thalheimer, Armin Petras oder Herbert Fritsch. Und von Ulrich Rasche, der gerade angesagt ist, kenne ich die Fernsehaufzeichnung von ,Woyzeck‘. Das ist sicher eindrucksvoll, aber nach 20 Minuten kennt man den Ansatz.“, so Jantzen.

Spontan nennt sie einige Stücke aus der Tobias-Wellemeyer-Ära, die sie in Potsdam sah und gut fand: Dogville“, „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“, „Ziemlich beste Freunde“ oder das Jugendstück „Wie man unsterblich wird“. Die insgesamt fünf Inszenierungen, die sie für Kinder und Jugendliche in der kommenden Saison mit verantwortet, sollen durch neue Regiehandschriften eine Aufwertung erfahren.

Und woran wird sie messen, ob die Ära Jahnke/Jantzen auf Erfolgskurs ist? „Daran, ob wir die Leute bewegen können, von ihren wunderbaren Jachten und Segelbooten runterzukommen und ihre schönen Lauben und Gärten wenigstens für einen Theaterabend zu verlassen, um mit uns über die brennenden Fragen unserer Gegenwart ins Gespräch zu kommen.“

Von Karim Saab

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