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Eine Ikone mal anders

Die eingeschnürte Kaiserin – Vicky Krieps geht in „Corsage“ dem Sisi-Mythos auf den Grund

Erst mal eine rauchen: Vicky Krieps als Kaiserin Sisi in „Corsage“. Foto: FELIX VRATNY/ARTE G.E.I.E./obs

Diese Abendgesellschaft langweilt Sisi gewaltig, besonders der kaiserliche Gatte mit dem aufgeklebten Backenbart ist ihr ein rechter Verdruss. Was tut Sisi also? Sie steht zur Verblüffung des versammelten Hofadels von der langen Tafel auf, verlässt provozierend schlendernd den Saal, zeigt der Tischgesellschaft ihren schmalen Rücken und zugleich den Stinkefinger hoch über ihrem Kopf.

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So etwas tut doch unsere Sisi nicht!

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Eine Adelsikone, die sich fremd in ihrer Zeit fühlte

Stimmt, jedenfalls nicht die jauchzend-jugendliche Sisi mit den apfelroten Wangen, die wir aus den Romy-Schneider-Filmen der Fünfzigerjahre kennen. Aber um die geht es nicht in Marie Kreutzers Drama „Corsage“. Die österreichische Regisseurin porträtiert Elisabeth, Kaiserin von Österreich-Ungarn, als eine mit dem Altern und welkender Schönheit hadernde Frau, die um Selbstbestimmung ringt und sich nach der Lesart dieses Films als Fremde in ihrer Zeit gefühlt hat.

In „Corsage“ geht Elisabeth schnurstracks auf die 40 zu. Viel höher sei die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen Ende des 19. Jahrhunderts nicht, sagt der Leibarzt unverblümt. Die Kaiserin kämpft derweil mit eigens installierten Turngeräten in ihren Gemächern und strenger Orangendiät gegen jedes potenzielle Gramm Fett. 50 federleichte Kilo wiegt sie, 42 Zentimeter misst die täglich überprüfte Wespentaille.

Sisi oder „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“

Noch gilt Elisabeth als eine der schönsten Frauen in ganz Europa. Und das will sie trotz aller Anstrengung und Qual auch bleiben. Muss sie auch: Bei ihrem Geburtstag wird nicht nur „Hoch soll sie leben“ gesungen, sondern auch „Schön soll sie bleiben, dreimal so schön.“ Und bei einem Empfang sagt sie zu ihrer Tochter: „Jetzt schauen sie wieder, ob ich alt geworden bin.“

Für Freunde der verkitschten Sisi-Weihnachtsfilme dürfte diese Annäherung an die Kaiserin ein kleiner Affront sein, für alle anderen ist die Rolleninterpretation der feinfühligen Vicky Krieps („Der Seidene Faden“) in der Hauptrolle ein Erlebnis. „Wir wollen den Mythos um Sisi nicht zerstören, sondern ihm auf den Grund gehen. Elisabeth war gewissermaßen das erste Opfer der Celebritykultur. Ganz ohne Instagram“, hat Krieps dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) bei der „Corsage“-Premiere beim Festival von Cannes gesagt. Krieps hat das Drehbuch angeregt, das ihre Regisseurin ihr dann ein paar Jahre später zuschickte.

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Erinnerungen an Pablo Larraíns Lady-Di-Drama „Spencer“ werden wach

Elisabeth leidet nicht nur, sie hat auch Forderungen: Sie will mitreden in der Politik – und wird von ihrem Mann Franz Joseph immer wieder unwirsch zum Themenwechsel gezwungen. Sie will ihre Kinder selbst erziehen – was sie ebenfalls nicht darf. Und sie will reisen – um aus dem goldenen Käfig auszubrechen. Und dann sind da noch ihre Affären.

Unweigerlich kommen Erinnerungen an das Drama „Spencer“ (2021) hoch, in dem Regisseur Pablo Larraín Prinzessin Diana als eine ähnlich Einsame zeichnete. Beide Frauen gerieten in eine Herrschaftsmaschinerie, in der sie zu zerbrechen drohten. In beiden Filmen gibt es eine Szene, in der die Frauen von ihren Ehemännern zur Seite genommen und auf ihre königlichen Aufgaben eingeschworen werden. Sie sei allein zum Repräsentieren da: „Dafür habe ich dich ausgewählt“, sagt Kaiser Franz Joseph.

„Auf Elisabeth lastete ein ungeheurer Druck. Zugleich konnte sie aus dem rückwärtsgewandten Herrscherhaus nicht ausbrechen. Sie konnte lediglich ihren eigenen Körper wie eine Skulptur modellieren“, so Krieps in Cannes. Sie zeichnet die Kaiserin als widersprüchliche Frau, die nicht nur Opfer ist, sondern ihre Bediensteten auch eiskalt in ihre Rollen zwingt.

Quentin Tarantino dürfte Gefallen an dieser Sisi finden

Regisseurin Kreutzer geht es um das Innenleben von Elisabeth, nicht um historischen Datenabgleich. Im Gegenteil: Die Regisseurin hält für die 1898 von einem italienischen Anarchisten in Genf gemeuchelte Kaiserin eine Volte bereit, an der Kollege Quentin Tarantino Gefallen haben dürfte. Auch er bürstet die Historie gern gegen den Strich. So entdecken wir eine faszinierend moderne Frau in einem Drama, in dem Popsongs den Soundtrack durchziehen.

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Offensichtlich sind Kreutzer und Krieps nicht die Einzigen, die sich von Elisabeth begeistern lassen. Kürzlich wagte sich RTL an die Serie „Sisi“, Netflix will mit der Serie „The Empress“ über die ganz junge Kaiserin nachlegen. Ein zweiter Kinofilm „Sisi und ich“, erzählt aus der Perspektive einer Hofdame (Sandra Hüller), ist in Planung.

Hauptdarstellerin Krieps und die Korsett-Traurigkeit

Krieps hat ihre eigenen Erfahrungen mit dem titelgebenden Korsett gemacht, in dem Elisabeth in doppelter Hinsicht steckte: „Ich konnte wegen meines Kostüms kaum essen, weshalb ich dauernd übers Essen nachgedacht habe. Beim Drehen musste ich das Korsett von früh morgens bis spät abends tragen“, hat sie in Cannes gesagt. „Es war interessant, dass es eine Traurigkeit auslöste, wenn ich eingeschnürt wurde. Wenn ich das Korsett ausziehen konnte, verging dieses Gefühl wieder.“

„Corsage“, Regie: Marie Kreutzer, mit Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, Manuel Rubey, 113 Minuten, FSK 12

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