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Englische Synthierockband

Kurz vor der Kernschmelze: Depeche Mode mit neuem Album und neuer Welttournee

Martin Gore (l.) und Dave Gahan haben in Berlin von ihren Plänen für das Jahr 2023 erzählt.

Martin Gore (l.) und Dave Gahan haben in Berlin von ihren Plänen für das Jahr 2023 erzählt.

Berlin. Es dauert alles nicht sehr lange, Depeche Mode haben die Sachen, die sie wichtig finden, immer schon in großen Stadien verkündet, nicht in weichen Talkshowsesseln. Eine Pressekonferenz kann darum nur ein Vorspiel sein zu dem, was essentiell ist für die Band: Schweiß, Tränen und Akkorde, kühl und melancholisch aus dem Geiste der Computer generiert. 20 Minuten sitzen sie vor Journalisten in Berlin, auch ein paar Fans sind eingeladen, am Ende aber ist das alles eins: Liebe und Journalismus, Kritik und Nähe – es kulminiert in einem Schrei, als Dave Gahan und Martin Gore auf die Bühne kommen.

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Depeche Mode - Pressekonferenz

Extase in Berlin: Als Depeche Mode die Bühne betreten, gibt es für das Publikum kein Halten mehr

Berliner Ensemble, ein plüschiges Theater mit sehr sozialistischer Vergangenheit, an diesem Dienstag ist hier nichts zu sehen von der strengen Lesart, mit der einst Bertolt Brecht die Welt geordnet hat. Gore und Gahan tragen Schwarz, es ist nicht klar, ob sie das tun, weil sie es immer taten, oder weil sie zeigen wollen: Wir sind traurig, weil unser alter Kumpel „Fletch“ im Mai gestorben ist. Andrew Fletcher stand am Keyboard, dem Vernehmen nach war er vor allem für die gute Stimmung und die Buchhaltung verantwortlich. Doch wenn der Rock’n’Roll ein Todesopfer zu beklagen hat, kommt er ins Stocken, weil er immer wieder von Unsterblichkeit gesungen hat. Sind sie traurig? „Ja, sehr“, sagt Gahan, „aber wir spüren, dass Fletch bei uns ist. Wir fühlen seine Energie.“

Tod von Andrew Fletcher? Der Zirkus rollt weiter

Gore und Gahan müssen nun verhandeln, ob sie auch zu zweit noch eine Band sind, oder ob das nun mit Depeche Mode ein abgeschlossenes Kapitel ist. Das Ergebnis war vorhersehbar, wie bei den Rolling Stones wird nach dem Tod von Charlie Watts getrauert, die Garderobe färbt sich noch ein wenig schwärzer ein, doch dann rollt der Zirkus weiter. Innehalten kann der Rock’n’Roll nur für die Dauer eines Augenblicks, als Pause zwischen zwei Liedern.

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Hinten auf der Bühne sind die Daten von den neuen 42 Shows in 41 Städten eingeblendet, im März 2023 starten sie in Kalifornien, im August enden sie in Oslo. Sie kommen am 26. Mai nach Leipzig, am 7. Juli spielen sie im Berliner Olympiastadion. Und es gibt ein neues Album. Voraussichtlich im März wird es erscheinen.

Das 15. Studioalbum erscheint im März, Berliner Auftritt folgt im Juli

Depeche Mode ist eine englische Synthie-Rock- und Pop-Gruppe, ihr Name orientiert sich an einem französischen Modemagazin „Dépêche Mode“. Die Gruppe ist mit global über 100 Millionen verkauften Tonträgern eine der erfolgreichsten der Welt.

Gründungsmitglied Andrew Fletcher, der Keyboards spielte, starb am 26. Mai 2022 im Alter von 60 Jahren.

Seit dem Jahr 1981 hat die Band bislang 14 Studioalben veröffentlicht, das vorerst letzte heißt „Spirit“ und erschien 2017. Die letzten sieben Alben der Band, seit „Songs of Faith and Devotion“ aus dem Jahr 1993, landeten in den deutschen Verkaufscharts auf Platz 1.

 Auf ihrer Tournee im kommenden Jahr geben Depeche Mode 42 Konzerte, am 26. Mai 2023 auf der Festwiese in Leipzig und am 7. Juli 2023 im Berliner Olympiastadion.

Das Studioalbum „Memento Mori“ wird voraussichtlich Ende März 2023 erscheinen, ein genauer Termin ist noch nicht benannt.

Wie wird das Album heißen? „Memento Mori“, sagt Gore, die beiden diskutieren nun darüber, fast könnte man behaupten, das sei ein kleiner Streit, ob man das übersetzen soll mit „Bedenke, dass du sterben wirst“ oder „Bedenke, dass du sterben musst“. Gahan macht sich für die Variante „Sterben müssen“ stark, man will ihm in der Deutung folgen, denn der Mann war fast im Grab, zu viel Heroin, zu viel Ruhm, zu viel Liebe. Gahan ist ein Fachmann für den Tod, generell vielleicht für Übertreibungen und für Exzesse aller Art. Martin Gore hat immer nur den Soundtrack zu den Eskapaden seines Kumpels, des Sängers Dave Gahan, verfasst. Es ist eine Kunst, über dieser schweren Kost nicht selbst in Depression und Lebensmüdigkeit zu rutschen.

Depeche Mode sind Ingenieure der Seele, in ihren Liedern hört man, wie die Nerven ächzen und rattern. Gore und Gahan geben einen Tropfen Öl dazu, schon läuft das Leben wieder wie geschmiert.

Waren Depeche Mode jemals zuversichtlich?

Gore sagt, „Memento Mori“ könne man natürlich auch als Chance begreifen, „lebe jeden Tag am Limit!“, würde das bedeuten. Doch natürlich wäre das ein bisschen antizyklisch, gerade in der Pandemie wie weltvergessen auf das Gaspedal zu drücken. Die Songs des neuen Albums sind schon vor der Pandemie entstanden, man könnte also hoffen auf die Nachrichten aus einer heilen Welt – wenn man es nicht besser wüsste, denn wann waren Nachrichten, die Depeche Mode in ihren Liedern transportieren, jemals hoffnungsfroh und zuversichtlich?

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Die Band ist nun auf ihre Pole geschrumpft, auf ihre Antipoden. Wie bei einer Kernschmelze. Alles Beiwerk ist vergangen, gestorben, ausgestiegen, früh schon Vince Clarke und Alan Wilder, nun Andrew Fletcher. Geblieben sind Martin Gore, der Mann mit dem verklärten Lächeln des Asketen, immer noch mit Locken eines Jungen, wie früher im Sandkasten. Und Dave Gahan, der dunkle Dandy mit dem dicken Ring am Finger. Sie müssen sich nun arrangieren, zu zweit ohne den ruhigen Fletch, den Mediator und den Wegbereiter für den Kompromiss.

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Im Alltag gehen sie sich aus dem Weg, Gore lebt viel in Kalifornien, Gahan in New York, Ost- und Westküste, Yin und Yang. Dave Gahan schickt mitunter Melodien übers Handy, Gore hört sich die Skizzen an. Ob sie sich wirklich noch die Meinung sagen, oder gibt es nur noch freundliches Geplänkel? Gahan hat sich mit den Jahren zum starken Songschreiber entwickelt, aus dem Schatten eines Martin Gore, der die Alben vormals ganz allein bestückte, trat er heraus. Depeche Mode hat davon profitiert, die letzten Alben waren reif und klar. Nicht altersmilde, sondern existenzialistisch. Man hat herausgehört, wie Gahan Widerspruch einlegt, fast waren das Gebete: „Wir müssen alle sterben, doch ich will noch nicht!“

Sie sitzen auf der Bühne in Berlin, ein Journalist fragt, wie kann Musik in diesen schweren Zeiten helfen? Wahrscheinlich denkt zumindest Gahan: Helfen? Musik kann überhaupt nicht helfen, sie kann den Schmerz jedoch präziser formulieren... Gore und Gahan sind in keiner Therapiegruppe, Hilfe ist nicht ihre Sache. Sie sind halb Bandmitglieder, halb Geschäftspartner. Sie kommen von der schwarzen Seite. Wir haben sie noch nie so gut verstanden wie in diesen dunklen Tagen.

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