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Geschichte über weibliche Überlebensintelligenz

Das Mädchen in der Marsch: die Bestsellerverfilmung „Der Gesang der Flusskrebse“

Allein in ihrem Häuschen in der Marsch: Daisy Edgar-Jones als Kya in einer Szene des Films „Der Gesang der Flusskrebse“.

Allein in ihrem Häuschen in der Marsch: Daisy Edgar-Jones als Kya in einer Szene des Films „Der Gesang der Flusskrebse“.

Eines Tages hält die Mutter es nicht mehr aus. Mit Blutergüssen und Platzwunden im Gesicht, die vom jüngsten Gewaltausbruch ihres Mannes zeugen, macht sie sich im Morgengrauen davon. Zurück bleiben die Kinder, die in den kommenden Monaten und Jahren ebenfalls die Flucht ergreifen. Schließlich ist die sechsjährige Kya allein mit dem alkoholkranken Vater. Sie ist noch zu jung, um sich aus dem Staub zu machen, hat aber gelernt, den Wutausbrüchen aus dem Weg zu gehen.

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Kya flüchtet sich in die weite Marschlandschaft North Carolinas und kehrt erst spät nachts in das Holzhaus zurück, das einsam zwischen Wasserkanälen und Schilf steht. Irgendwann ist auch der Vater verschwunden. Das Mädchen muss lernen, in der Natur zu überleben.

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Der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens führte 2019 und 2020 die internationalen Bestsellerlisten an. Es ist ein Buch über die Brutalität des Verlassenseins und die Kraft des Überlebens, die ein kleines Mädchen aufbringen muss und zu einer jungen Frau reifen lassen.

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Aber es ist auch ein Buch über eine unvergleichliche Landschaft in der Küstenregion North Carolinas, wo die Grenzen zwischen Land und Wasser zerfließen. „Das Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt“, heißt es gleich zu Beginn.

Die eindrückliche Landschaft, die bruchlos ins Meer übergeht, ist auch der zweitwichtigste Hauptdarsteller in der Kinoadaption von Olivia Newman. Mit ungebändigter Faszination lässt sich die Kamera auf dieses unwirkliche Biotop ein, das gleichermaßen wie eine sonnendurchflutete Fantasykulisse und ein bedrohlicher Märchenwald wirkt.

Die Außenseiterin ist sofort verdächtig

Die eigentliche Protagonistin ist natürlich Kya (Daisy Edgar-Jones), die als junge Erwachsene im Jahr 1969 angeklagt wird, den örtlichen Footballstar und Sohn aus gutem Hause, Chase Andrews (Harris Dickinson), ermordet zu haben. Dessen Leiche wurde am Fuße eines Feuerwehrturms im Wald gefunden. Spärliche Indizien verweisen auf Kaya als Verdächtige. Im Ort ist man sich schnell einig, dass die junge Außenseiterin, die von allen nur „das Marschmädchen“ genannt wird, den Mord begangen haben muss.

Der pensionierte Rechtsanwalt Tom Milton (David Strathairn) übernimmt den Fall und scheint als Einziger an die Unschuld Kayas zu glauben. Um sie verteidigen zu können, müsse er sie besser kennenlernen, sagt der Jurist in der Gefängniszelle. Und so gleitet die Erzählung regelmäßig in Rückblenden hinein, in denen die Lebensgeschichte des „Marschmädchens“ aufgeblättert wird.

Einzig mit der Hilfe der afroamerikanischen Krämerladenbesitzer Jumpin‘ (Sterling Macer Jr.) und Mabel (Michael Hyatt), an die sie ihre selbst gesammelten Muscheln verkauft, gelingt dem Kind das Überleben im Marschland. Später freundet sie sich mit dem jungen ­Tate (Taylor John Smith) an, der ihr Lesen und Schreiben beibringt. Langsam entsteht aus der Freundschaft in der Abgeschiedenheit der Natur eine zarte Liebe, die ein abruptes Ende nimmt, als Tate aufs College geht.

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Ganz nah an der Buchvorlage

Schon bald interessiert sich der Mädchenschwarm Chase für Kya, der die unerfahrene junge Frau mit Gewalt in eine manipulative Beziehung hineinzieht. Parallel dazu wird auf der Gegenwartsebene das Gerichtsverfahren gezeigt, in dem Anwalt Milton die Geschworenen davon zu überzeugen versucht, dass die Verdachtsmomente nur auf Vorverurteilungen gegenüber der unbeliebten Außenseiterin beruhen.

Wie so oft bei Verfilmungen von Bestsellern bleibt auch Regisseurin Olivia Newman nah an der Buchvorlage. Werktreue ist in diesem Fall überhaupt kein Fehler, denn Owens Roman, der ein klassisches Justizdrama mit einer unkonventionellen Coming-of-Age-Geschichte verbindet, ist ohnehin schon nah am filmischen Erzählen aufgebaut. Und so entwickelt auch die Kinoversion eine konventionelle Strahlkraft, die durch sorgfältig orchestrierte Naturaufnahmen bereichert wird.

Die Härte der traumatischen Kindheitserlebnisse wird kurz, aber effizient angerissen und das Leben in der Abgeschiedenheit der Natur kräftig romantisiert. Das geschmackvoll eingerichtete Holzhaus inmitten der Wasserwälder und die gediegene Garderobe des „Marschmädchens“ entsprechen sicherlich nicht den Au­then­ti­zi­täts­stan­dards. Aber die stille und kraftvolle Performance von Daisy Edgar-Jones wiegt solche Schwächen wieder auf. Es ist keine leichte Rolle, weil sie nicht zu großen Gesten einlädt, sondern ein Gespür für Understatement verlangt.

Hauptdarstellerin Edgar-Jones gelingt es, die Figur unangestrengt allen Naturkindfrau-Stereotypen zu entreißen und deren weibliche Überlebensintelligenz sichtbar zu machen – was dann auch die überraschende Schlusswendung im Epilog stimmig erscheinen lässt, die Millionen Leserinnen und Leser schon kennen.

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„Der Gesang der Flusskrebse“, Regie: Olivia Newman, mit Daisy Edgar-Jones, Harris Dickinson, Taylor John Smith, 125 Minuten, FSK o. A.

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