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Hollywoodstars in Südfrankreich

Glitzern im Schatten des Krieges: Das 75. Cannes-Filmfestival beginnt

Gleich kann es losgehen: Ein Arbeiter befestiget das Plakat des 75. Internationalen Filmfestivals von Cannes am Grand Theatre Lumiere.

Es sind noch einige Parkbuchten frei im alten Hafen von Cannes direkt neben dem protzigen Festivalpalais. Ob da ein paar reiche Russen fehlen, die ihre Boote lieber aus europäischen Gewässern fernhalten, damit ihr Eigentum nicht von den Behörden konfisziert wird? Die Côte d‘Azur gehörte mal zu den russischen Lieblingsdestinationen.

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Gründe, zur heutigen Eröffnung des Filmfestivals zu kommen, gibt es jedenfalls genügend: Cannes meldet sich nach schwierigen Corona-Jahren eindrucksvoll als die Nummer eins zurück. Die Gästeliste reicht von Tom Cruise mit seiner „Top Gun“-Neuauflage über Baz Luhrmanns Elvis-Presley-Biopic mit Tom Hanks bis hin zu Filmen der internationalen Regisseurselite – darunter allein vier frühere Palmen-Sieger: die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, der Schwede Ruben Östlund, der Japaner Hirokazu Koreeda sowie der Rumäne Cristian Mungiu.

Frauen in der Unterzahl

Der übliche Schwachpunkt: Im Wettbewerb mit 21 Beiträgen tauchen lediglich vier Frauen auf. Die US-Amerikanerin Kelly Reichardt sowie die Französinnen Claire Denis, Léonor Serraille und Valeria Bruni Tedeschi müssen sich gegen die Männer behaupten.

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Dieses Jahr wird die Glitzershow überschattet vom Ukrainekrieg. Das hat der Trubel um den Eröffnungsfilm bewiesen: Ursprünglich trug die an einem Filmset spielende Zombiekomödie des Franzosen Michel Hazanavicius den Titel „Z (comme Z)“. Dieser Buchstabe aber steht inzwischen als Siegessymbol auf russischen Panzern.

Kulturinstitutionen in Kiew hatten die Umbenennung als „eine Geste gegen die Barbarei, die Gewalt und den Terror“ gefordert. Hazanavicius (Oscar-Gewinner mit dem Stummfilm „The Artist“) taufte den Film in „Coupez“ um – und die Festivalleitung bekräftigte noch einmal ihre Solidarität mit der Ukraine.

Russe und Ukrainer dabei

Russische Delegierte hatte Cannes-Chef Thierry Frémaux schon früh ausgeladen, russische Regisseure nicht unbedingt. Der in seinem Land mit fadenscheinigen Anklagen überzogene und inzwischen in Deutschland lebende Kirill Serebrennikow zeigt nun das Historiendrama „Tschaikowskis Frau“ über die traurig verlaufende Ehe des homosexuellen Komponisten. Frémaux hielt trotz der Proteste ukrainischer Filmemacher an dem oppositionellen Kino- und Theaterregisseur Serebrennikow fest.

Kurzfristig nachgemeldet wurde der letzte Film von Mantas Kvedaravicius. Der Litauer wurde erschossen, als er in Mariupolis Kriegsverbrechen russischer Truppen dokumentieren wollte. „Mariupolis 2″ – er filmte in der Stadt schon einmal 2016 – ist nun sein Vermächtnis.

Anders als beim Eurovision Song Contest können in Cannes die Herzen der Jury um den französischen Präsidenten Vincent Lindon keinem Ukrainer zufliegen. Sergei Loznitsas Dokumentarfilm „Natural History of Destruction“ läuft außer Konkurrenz. Darin stellt er die Frage, ob es in einem Krieg moralisch gerechtfertigt sein kann, die Zivilbevölkerung zu bombardieren, so wie es die Alliierten im Zweiten Weltkrieg taten.

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Skandalpotenzial wird dem Science-Fiction-Gruselfilm „Crimes of the Future“ des Kanadiers David Cronenberg zugebilligt. Der „Crash“-Regisseur und Spezialist für Bodyhorror unterzieht die Körper von Kristen Stewart, Léa Seydoux und Viggo Mortensen wenig appetitlichen Organ-Transformationen, wie der Trailer verrät. Und auch der Südkoreaner Park Chan-wook, gemeldet mit dem Thriller „Decision to Leave“, mag es gewöhnlich blutig.

Und die Deutschen? Die fehlen mal wieder im Wettbewerb und machen sich auch sonst rar. Sogar der obligatorische deutsche Empfang fällt aus. Man begnügt sich mit einer „Happy Hour“ in der Zeltstadt, die am Strand von Cannes jedes Jahr zu wachsen scheint.

Immerhin ist die in Berlin lebende Emily Atef mit ihrem Drama „Mehr denn je“ in einer wichtigen Nebenreihe dabei. Vicky Krieps und der kürzlich gestorbene Gaspard Ulliel spielen darin die Hauptrollen. Iris Berben zeigt in Östlunds Modesatire „Triangle of Sadness“ Stilwillen.

Eine verheißungsvollere Mischung aus Hollywood und Weltkino lässt sich kaum anrühren, „planetarischer Blockbuster“ (Frémaux) hier und das „Who is Who“ der Autorenfilmer dort. Die Lücken im Hafen von Cannes dürften sich in den nächsten gut eineinhalb Wochen noch füllen.

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