MAZ-Musiktipp

Neues von Ledfoot, Shaam Larein und Ganna

Gespenstisch guter Blues-Barde aus Amerika: Ledfoot.

Gespenstisch guter Blues-Barde aus Amerika: Ledfoot.

Potsdam. Manchmal müssen sie lang sein, sehr lang sogar, die Sargnägel: Denn folgt man den Ausführungen des düster und archaisch ächzenden Folk-Blues-Barden Ledfoot auf seiner neuesten Platte "Coffin Nails" (TBS Records/Broken Silence), dann kommt es immer darauf an, wen man sechs Fuß tief in die Erde gelegt hat. Soll heißen, derjenige/diejenige muss in seiner/ihrer Lebenszeit ein – sagen wir mal – beträchtliche Persönlichkeit entwickelt haben, um dieser Vorsichtsmaßnahmen teilhaftig zu werden. Vermutlich reden wir in diesem Fall nicht einfach nur von Nervensägen.

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Hat die Ernte längst eingefahren: Neil Young.

Hat die Ernte längst eingefahren: Neil Young.

Jubelfeier der Woche

Jubel der Woche

Jubiläum I: Verwundert reibt man sich die Augen und hält inne: Das kann doch nicht wahr sein. Doch. Vor 50 Jahren veröffentlichte Neil Young seine epochale Platte: „Harvest“. Sie erfuhr später zwei inhaltliche Fortsetzungen. Während das Werk wucherte und wucherte. Bis heute. Der Kanadier verfolgte nach Buffalo Springfield seinen Weg als Solo-Künstler. Die Zusammenarbeit mit Crosby, Stills & Nash – vier Egozentriker, eine schwierige Konstellation – war vorerst Geschichte. Nun kamen Songs wie „Old Man“, „Alabama“ oder „The Needle And The Damage Done“. Klassiker im Live-Repertoire. Young, im November 77 Jahre alt geworden, liefert nun „Harvest – 50th Anniversary Edition“ (Reprise/Warner). Eine meiner Insel-Platten des Folkies, Rockers und Godfathers of Grunge (sehr viel später). Er stattet die Jubiläumsausgabe – es gibt sie in verschiedenen Formaten und daher für kleine und sehr viel größere Geldbeutel – üppig aus. Zum Original, das mit den Stray Gators entstand, gesellen sich ein Konzert für die BBC von 1971, in dem Lieder von „Harvest“ zum Akustik-Set gehören, sowie drei unveröffentlichte, anders instrumentierte Outtakes.

Jubiläum II: Das nennt man dann wohl ein Füllhorn an vortrefflicher Musik. Classic Rock voller Facetten, auch sinfonischer, von einer Band, die sich nach einigem personellen Hin und Her in den Anfängen dann doch – Kansas – nannte. Und nun mit „Another Fork In The Road – 50 Years of Kansas“ (Inside Out Music/Sony) einen Werksquerschnitt liefert, der ganze 5 Dekaden überspannt. Mit der aktuellen Neueinspielung des Songs „Can I Tell You“ arbeiteten sich Kansas mit den Originalmitgliedern Phil Ehart (Schlagzeug) und Richard Williams (Gitarre) von 2022 zurück zu den Wurzeln durch. Neben den obligaten Hits der Truppe aus Topeka wie „Dust In The Wind“ oder „Carry On Wayward Son“ (als Live-Version) gibt es den mutigen Zugriff auf Stücke und Glanztaten, die nicht mehr jeder im Ohr haben dürfte.

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Legenden des Classic Rock: Kansas.

Legenden des Classic Rock: Kansas.

Ledfoot, hinter diesem Namen, verbirgt sich Tom Scott McConnell, hatte zuletzt das "Black Valley" als rastloser Wanderer auf der Suche nach Erlösung durchquert – mit wilden Moritaten und vielen imponierenden Slides aus Amerika, die ganz ähnlich knarzen, schnarren und kratzen – wie der derjenige an der Innenseite seiner Kiste.

Beachtlich inszeniertes Schattendasein: Shaam Larein.

Beachtlich inszeniertes Schattendasein: Shaam Larein.

Shaam Larein kann man nur als multimediale, ins Okkulte weisende Inszenierung wahrnehmen. Eigentlich. Denn Sängerin, die der schwer mysteriösen Band aus Schweden ihren Namen gab und gleichermaßen von altrussischer Kunst und syrischen Klängen beeinflusst scheint, schreitet Unheil verheißende umher und murmelt auf "Sticka En Kniv I Världen" (Svart Records/Membran) Beschwörungsformeln wie eine Priesterin aus unvordenklicher Zeit. Etwa diese: "Stich mit einem Messer in die Welt!"

Alternativen

Ganna Gryniva war 13 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern nach Deutschland kam. Die Lieder der Volksmusik aus der Ukraine noch im Ohr und womöglich mit den ersten Gedanken im Kopf, diese einmal vor einem Publikum zu singen, das nur von fern mit den einzigarten Vokaltraditionen aus dem Osten Europa vertraut war. „Home“ (Berthold Records/Cargo) nannte Ganna, sie studierte Philosophie und Musik ihre Platte, die sie mit Musiker anderer Kulturen – etwa aus Österreich oder Deutschland – einspielte. Zuvor zog es Ganna zurück. In den Karpaten, bei einem Frauenchor aus der Nähe vom Kiev oder auf Festivals hörte sie zu und sammelte Lieder ein. Nur dass sie sich nicht auf die bloße Wiedergabe beschränkte. Ganna verbindet die Gesangstradition, die teils Jahrhunderte, wenn nicht gar länger überdauerte, mit modernem Jazz. Ein elegante Art, die Überlieferung zu hegen und doch ein Stück weiter zu bewegen. Bisweilen nur lautmalerisch, dazu schwunghaft und poetisch.

Berlin-Konzert mit dem Ganna Ensemble am 9. Februar um 18 Uhr im Konzerthaus.

Nun ist sie in Berlin gelandet: Mynolia. Von Neuseeland über Indien und Kanada in diese unübersichtliche, stets im Wandel befindliche Stadt. Die für die junge Frau eine weitere Übergangsstation sein – könnte. Schon jetzt hat Mynolia allerlei herumstreunende Sounds gebündelt. Auf „All Things Heavy“ (Bronzerat/Rough Trade) findet sich ein Miteinander aus sachtem Folk, hauchfeinem Pop und feinst dosierter Psychedelia. Ein Debüt mit Substanz.

Der Sound der Band geistert umher zwischen bös schleichendem Doom, ätherisch raunenden Bestandteilen wie man sie von Künstlern des Labels 4AD kennt, oder dem kunstvollen wie aufgeschlossenem Dark Wave, den Siouxsie and the Banshees einst anboten. Bei all der Melancholie sollte man die Hoffnung nicht fahren lassen. Findet Shaam. Solange es Verlangen, Durst, Lebensgier gibt, ist nichts umsonst. Süße Träume noch!

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Sie fahren ein ganzen Instrumentenpark auf: Word.Wide.Wig.

Sie fahren ein ganzen Instrumentenpark auf: Word.Wide.Wig.

Was die alles draufhaben: Zig Instrumente, deren Klänge nicht jeder gehört haben dürfte. Aber sollte. Denn Ludwig Himpsl hat für sein Projekt World.Wide.Wig. "World.Wide.Wig." (Himpsl Records/Galileo) so einige Global-Sounds-Spezialisten zur Kooperation bewegen können. In den Stücken gibt es viel Ungewöhnliches. Zumal jeder der acht Songs immer wieder interkontinentale Beziehungen und damit enorme Bewegung aufweist.

Im Konzert

Mit Caliban wird es ganz finster. Dämonen flüstern. Sie lauern in der Dunkelheit. Eine Leere droht, in die ziemlich sicher niemand stürzen mag. Beklemmend, getrieben, doch mit Refrains, die sich heftig ins Ohr fräsen und zum Losbrüllen einladen. So geht die Metalcore-Bande aus Nordrhein-Westfalen zu Werke. Als gäbe es kein Morgen für „Dystopia“ (Century Media/Sony). Wie gesagt: Wenig Licht.

Berlin-Konzert am 9. Dezember um 19 Uhr im Hole 44 mit Caliban und Ghost Kid.

Ausgefuchste, bis vertrackte Perkussion, ob nun afrikanischer Abkunft, ob brasilianischer oder orientalisch in ihrer Farbgebung. Ob Saiteninstrumente wie die Oud aus dem arabischen Raum, die siebensaitige Gitarre oder eine Kaval aus Rumänien. Ob Posaune, Flügelhorn oder Vibraphon. Was für Möglichkeiten, der der Münchner und seine Mitmusiker aufzeigen. Ein Klangforscher wie er auf der internationalen Bühne steht.

Extra der Woche

Erweckt den Sound der Anfänge: Arne Heesch.

Erweckt den Sound der Anfänge: Arne Heesch.

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Karg wie die die letzten Halme auf einem Stoppelfeld, das frostiger Nebel nur immer ein kleines Stück freigibt, kommen die Stücke daher, die Arne Heesch auf "Demons Are Scared" (Exile On Mainstream Records/Cargo) versammelt. Es ist ein vorsichtiges Tasten. Ein beinahe andächtiger Vorgang. Eine akustische wie sparsamst bestromte Erkundung. Nur gelegentlich gelockert durch den ätherischen Gesang von Yvonne Ducksworth. Einst Teil des tonangebenden Noise-Rock-Trios ULME, spielt Arne Heesch bei Treedeon. Wie seine Frau Yvonne, die den viersaitigen Tieftöner bedient und zuvor bei Jingo De Lunch ans Mikro trat. "Demons" erhält sirenengleiches Surren, mit hallende Akkorde oder spannungsgeladene Einschübe der E-Gitarre, die Ulf "Fluffi" Reinhardt zur Hand nimmt, oder ein wenig Elektronik. Die acht Stücke sind autobiografisch geprägt. Und eine Art Rückgriff auf im Sound eher schlank gehaltenes und improvisiertes Material, das Yvonne und Arne vorstellten, bevor Treedeon mit Drummer Andy Schünemann und ihrem mächtigen Getöse hervortraten.

Hypnotische Töne aus Hannover: Might.

Hypnotische Töne aus Hannover: Might.

Eine spezielle Paar-Magie ist bei Might ebenfalls zu spüren. Nur, dass Ana Muhi und Sven Missulis in ein äußerst abgründiges Wechselbad aus sakralem Ansatz aus Gesang und etwas verstimmtem Piano und schwer dahinwalzender metallischer Zerstörungswucht auf "Abyss" (Exile On Mainstream/Cargo) eintauchen. All das geschieht so intensiv, dass es dem Zuhörer ie Luft abschnürt. Das dynamische Duo aus Hannover greift nach differierenden Stilen. Und erschafft einen hypnotischen Bastard. Der wütet, schreit oder haucht. Jedenfalls stimuliert.

Ein trefflicher Trip: Confusion Master.

Ein trefflicher Trip: Confusion Master.

Das im Brandenburgischen ansässige Label Exile On Mainstream legt mit "Haunted" von Confusion Master eine weitere Platte vor, die sich in die an kompromisslosen Tonträgern nicht ebene arme Veröffentlichungspolitik ebenso düster schimmernd einreiht. Von Confusion Master, sie stammen aus Rostock, ist darum keinerlei Vergebung zu erwarten. Wäre ja auch noch schöner. Der Vierer der Verdammten doomt, metzelt, hechelt, dass es seine Art hat. Verankert im Heavy Psych britischer Provenienz. Umgeben von diesen betäubenden Duftschwaden. Da kann es gern mal etwas länger dauern. Verflucht noch eins!

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