MAZ-Musiktipp

Neues von Pristine, Obelyskkh und The Inspector Cluzo

Gut, besser, Tromsö: Pristine melden sich zurück.

Gut, besser, Tromsö: Pristine melden sich zurück.

Potsdam. Manche scheuen davor zurück. Andere nicht. Wie Pristine. Bereits der Titel ihres jüngsten Album vermittelt eines – hier geht es um Grenzüberschreitung. Gleich in mehrfacher Hinsicht. „The Lines We Cross“ (Pristine Music/Cargo) gilt zunächst einmal künstlerisch. Denn der Hardrock, dem die Band um Frontfrau Heidi Solheim huldigt, kommt ohne jeglichen Starrsinn aus. Denn vom Blues getränkte Stücke erhalten bei den Norwegern ebenso eine Chance wie die gut dosierten psychedelische Pillen. Fehlende Auftritte durch Corona waren für die Truppe, die nur allzu gern auftritt, zwar ein Schock, aber, wie man sofort auf der sechsten Studio-Scheibe hört, keineswegs ein Hemmschuh.

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Mehr Rock

Diesen Kampf um die Krone des dunklen Herrschers wird es wohl immer geben: Die Oberherren erheben mit ihrer Platte „Die By My Hand“ (Svart Records) nicht ohne Grund den Anspruch auf den Thron des Gothic Rock. Der steht nun in Schweden. Dort regte sich etwas in den Schatten. Ein Sound aus dem Untergrund, der eine Meute gebar, die rocken kann, auf Schuhspitzen starren und überdies kristallklare wie kaltblütige Synthesizer bedient. Alles ansehnlich zusammenfügt – bis der nächste Rivale kommt.

Im Studio kitzelten Illiterate Light so einiges heraus – für ihre jüngste Platte „Sunburned“ (Red Book Records/Thirty Tigers/Membran). Jeff Gorman (Gitarre und Gesang) und Jake Cochran (Schlagzeug) setzen eindeutig neue Reize. Zwar gibt es Rhythmen aus Maschinen und eigentümliche Keyboard-Konstrukte, doch die bekommen nie die Oberhand. Sie sind vielmehr Teil der Rocknummern, die das Duo aus Amerika mitunter zu zerquälten wie hochfahrenden Hymnen steigert. Oder mehr als einmal mit ruppiger Geste, also rohem Gepolter und übersteuerter Fuzz-Gitarre, anbietet.

Sozusagen auf sich selbst geworfen, bot die Waldhütte der Familie Heidi einen Rückzugsort, an dem sie wie zuvor Kraft und neue Geschichten schöpfen konnte. Skizzen und Gesangsspuren brachte sie am Laptop mit einigen Apps auf Vordermann – als Ausgangspunkt für die Bandmitglieder. Heidi übte sich so im Nachdenken darüber, ob und wie bestimmte Linien überschritten werden sollten. Und dann geschah es. Feuer und Eis aus Tromsö. Gern auch als Ballade voller Passion von epischen acht Minuten. Irgendwelche Formatierungen, Vorsätze oder Limits tangieren die Band aus dem hohen Norden nur ganz peripher. Da steht Classic Rock drauf. Was will man mehr?

Berlin-Konzert zum Vormerken: Die Band spielt am 21. April im Quasimodo. Mit dabei The Shadow Lizzards.

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Nicht nur als Songwriter ein Meister seines Faches: Joe Henry.

Nicht nur als Songwriter ein Meister seines Faches: Joe Henry.

Unbestritten: Er ist ein Könner in mehrfacher Hinsicht – Joe Henry. Entweder er sammelt Grammys ein. Als Produzent für Solomon Burke, Rambin’ Jack Elliott und Carolina Chocolate Drops. Allesamt Künstler, die jede Minute des Zuhörens verdient haben. Wie auch die Kooperation mit Billy Bragg. Zwei Songwriter auf Reisen quer durchs Land, nur um in Bahnhöfen Rast zu machen, Folksongs anzustimmen und über Wohl und Wehe der Eisenbahn nachzudenken und darüber, wie die Landnahme den Kontinent veränderte und was mit den Menschen – Native Americans, chinesischen Gleisbauer, den weißen Siedlern und Auswanderern oder Nachkommen afrikanischer Sklaven dabei geschah.

Alternativen

Hamburg verfügt nicht unbedingt über den Strand, an dem man Bernstein bergen kann. Das muss leider andernorts geschehen. Dennoch gilt es, einen neuen Schatz zu heben: Amber & The Moon. Was Ronja Pöhlmann als Soloprojekt einmal – auch visuell höchst wirkungsvoll – in Gang setzte, hat sich längst zu einer verträumten, verschworen und innig aufeinander bezogenen Band entwickelt. Welche Dinge man gemeinsam hat, das herauszufinden ist eine Lebensaufgabe. Finde ich. Aber Amber & The Moon wandeln auf „Things We’ve Got In Common“ (Popup Records) durch Indie-Folk-Gefilde von filigraner Gestalt. Und wenn das Mondlicht erst auf diesen besonderen Stein fällt…

Berlin-Konzert am 27. Februar um 20 Uhr im Hole 44 mit Rhonda.

Man sollte annehmen, Dan Auerbach hätte mit den Black Keys, seinem Hauptarbeitsplatz, und als Produzent beispielsweise für Robert Finley, Hank Williams Jr oder Hermanos Guitierrez alle Hände und Regler voll zu tun. Doch weit gefehlt: Der Gitarrist hat die Kumpels von The Arcs versammelt – nach sieben Jahren. Die Jungs verbreiteten nun ungezügelte Spielfreude auf „Electrophonic Chronic“ (Easy Eye Sound/Universal). Allesamt sind sie Soundforscher, die ihre Fühler auf der Suche nach Vinyl in ziemlich entlegene Ecken stecken. Damit liefern sie die Erklärung für die abenteuerliche Mixtur aus dem Soul alter Schule(n), oder Garagen-Sound und Schrägerflieger-Pop gleich selbst.

Das ist schon smart: Das Frank Popp Ensemble versichert sich auf „Shifting“ (Unique Records) einer Reihe von Sängerinnen und Sängern, die eindeutig ihre eigene Prägung haben. Darunter Jesper Munk, Anna Glahn oder Aydo Abay. Die Namensliste markiger Vokalbeiträge indes ist noch länger. Kratzig, aufgekratzt oder biegsam. Das alles passt hervorragend zu dem Wundertüten-Sound, das vornehmlich tanzbodentauglich Retro-Pop, Northern Soul, naheliegend Disco, psychedelische Wendungen und Beats vermengt.Lassen wir mal einen Moment die ansehnliche Liste der Kooperationen mit Jazzmusikern beiseite: Was bleibt? Immer noch der umtriebige Ned Ferm. Nur, dass der auf einer Insel vor dem US-Bundesstaat Maine geborene Saxofonist und Multi-Instrumentalist auf „Autum’s Darling“ (Stunt/Inakustik) der eigenen vokalen Kraft wie der seiner Duett-Partnerin Marie Fisker ganz vertraut. Durch die zehn Songs ziehen – nicht unbedingt in Reihenfolge dieser Aufzählung – sehnsüchtige Western-Sounds, Folk, Jazz, Blues und einiger Zierrat mehr. Ferm lebt seit Jahren in Kopenhagen. Unverkennbar liebt er das schrankenlose, in die Ferne schweifende, voller Erinnerungen steckende Musizieren.Einfach voller Finessen stecken die Stücke, die der dänische Gitarrist Mikkel Ploug mit Gruppe und dem Tenorsaxofonisten Mark Turner aus Ohio auf „Nocturne“ (Stunt/Inakustik) miteinander entwickeln. Allein die Zwiesprache beider Instrumente ist erlesen. Die rhythmische Umgebung nicht minder. Niemand wird ein Korsett angelegt. Komponierte wie improvisierte Momente finden im Spiel der kreativen Kräfte – und der Vorlieben der Zuhörer für Saiten oder Schallrohre – stets eine Balance. Ploug und Turner, nicht umsonst als einer der maßgeblichen Musiker gerühmt, verwenden und verwandeln dabei Material, das von Bent Sorensen und Carl Nielsen stammt.Ein sanfter Sog geht von den Stücken aus, die Me and My Friends für ihre vierte Langrille eingespielt haben. Ein Verweilen im goldenen Dämmerlicht. Gedanken gehen auf Wanderschaft. Der Fünfer rollt quasi den Teppich dafür aus. Eloquent wie elegant verbindet er Folk britischer Prägung mit lässigem Groove, der sowohl die Karibik als auch Afrika aufruft, und mit Soul und Songwriter-Flair der Siebziger. Überstrahlt von der Stimme Emma Colemans. Die zudem ihr Cello – ja – wirken lässt, und der Klarinette, die Sam Murray immer wieder einmal in den Vordergrund bringt.

Oder der Musiker Henry, der sich also bestens auskennt in der Roots Music Amerikas, transferiert diese Fähigkeiten ins eigene Werk. Wie jüngst für "All The Eye Can See" (Earmusic/Edel). Feierlich, ruhig, würdevoll, nachdenklich und deshalb ergreifend erforscht der 62-Jährige mit dem prägnanten Timbre und trefflichen Instrumentalisten die menschliche Natur. Sehnen, Streben und Scheitern. Irgendwo zwischen Folk, Klezmer, Kirchenklang, Kammermusik, Jazz. Sein Raunen auf dem 16. Studio-Album ist einfach ein Geschenk.

Wahnsinnig begnadetes Power-Trio aus Fürth: Obelyskkh.

Wahnsinnig begnadetes Power-Trio aus Fürth: Obelyskkh.

Sie schenken uns so viel. Eine siebenfache Überwältigung. Für die Obelyskh 71 Minuten auf "The Ultimate Grace Of God" (Exile On Mainstream Records/Cargo) aufwenden. Phänomenales Getöse, wummernder Wahnsinn, steinerweichender Lärm. Nur herrlich. Eine Gnade, dies zu bezeugen. Gitarre, Bass, Schlagzeug: Zum Trio geschrumpft, haben Obelyskkh Corona schadlos überstanden. Wie man hört. Aufs Neue bereit, gnadenlos unter seiner Anhängerschaft zu wüten.

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Im Konzert

Die Covid-19 ist die definitive Niederlage – für Musiker. Keine Touren, keine Fans, nix. Nahezu selbstzerstörerisch. Eine Gefühlslage, die den Jungs von Dirty Sound Magnet nicht unbekannt blieb. Dass sie ausgerechnet das Kürzel DSM – es steht für diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen – benutzen, um aus dem Tief herauszufinden, zeigt schon einen gewissen bärbeißigen Humor. „DSM III“ (Hummus Records) wurde daher zu einer explosiven, energetischen wie eindringlichen Rückmeldung. Entfesselter Indie-Rock verzwirbelt mit moderner Psychedelia und sogar Blues. Aus der Schweiz. Alle Achtung!

Berlin-Konzert am 1. Februar um 20 Uhr im Cassiopeia.

Und sie zeigen sich trotz personeller Beschränkung als Meister aus dem zähen Dröhnland. Lassen Punk ohne jedweden Schnickschnack immer mal ordentlich mitschmirgeln. Die Doom-Metaller aus Franken haben einiges über Bord geworfen. Man vergleiche bitte mit den Vorgängeralben. Hatte eine uralte Prophezeiung nicht schon gewarnt: Wer in diesem Lärm badet, wird darin umkommen! Mitnichten! Nein! Nie! Diese Zumutung muss man wollen. Und sie braucht Zuwendung. 71 Minuten lang und dann noch einmal von vorn.

Extra der Woche

Sie packen an. Sind zwei handfeste Kerle. Sind die harte Arbeit auf dem Land gewohnt: Laurent Lacrouts und Mathieu Jourdain – die Farmer aus der Gascogne. Bekannt als The Inspector Cluzo. Und ebenso auf Rock wie auf Blues versessen. Gern laut, schmutzig und von Erde verkrustet. Das bodenständige Duo legt nun sein Album „Horizon“ (F. TheBassPlayer Records) vor. Und scheppert, dass es eine Freude ist, durch seine, etwas weiter oben genannten Vorlieben. Mal in gemäßigtem Tempo, mal furioser, weil energetischer, mal etwas schwerer und schleppender. Man hört sich einfach nicht satt, an dem ungeschönten, mitreißenden und ungezähmten Radau, den lediglich zwei Leute mit kratzigen Stimmen, Gitarre und Schlagzeug hervorrufen.

Urwüchsig, laut und schön sind die Geschichten vom Land, die The Inspector Cluzo erzählen können.

Urwüchsig, laut und schön sind die Geschichten vom Land, die The Inspector Cluzo erzählen können.

Lacrouts und Jourdain haben mehr als nur die Landwirtschaft im Blick. Dort allerdings kennen sie sich aus. Ganz genau nämlich. Denn der Bio-Hof samt seinen Eigenheiten, das ist ihr Leben. Und der liefert ihnen gerade wieder das "Futter" für ihre Geschichten. Unabhängige Familienbetriebe sind schwer zu führen in Zeiten des Klimawandels oder von Agrar-Konzernen, die eher auf Produzenten auf großen Äckern setzen oder die beständig ihr Verkaufsmonopol etwa von Futter oder Dünger ausweiten wollen. Die industrialisierte Konkurrenz ist gleich nebenan zu finden. Mitsamt ihrer Gefahren. Bricht nebenan im Großbetrieb die Geflügelpest aus, dann ist auch das Umfeld betroffen. Laurent und Mathieu wissen das. Und behalten den Boden unter ihren Füßen.

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The Inspector Cluzo sind als besondere Abendgäste auf der Tour der Eels dabei. Berlin-Konzert am 10. April um 20 Uhr in der Verti Music Hall.

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