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MAZ-Musiktipp

Neues von Sophie Zelmani, Tamino und Dr. John

Galant: Sophie Zelmani.

Galant: Sophie Zelmani.

Potsdam. Eigentlich kann man es kaum glauben, dass Sophie Zelmani so hadert. Wie anders erklärt sich sonst wohl der Titel ihres aktuellen Albums? "The World Ain't Pretty" (Oh Dear Recordings) heißt es. Na, ja, sie lenkt bald ein. Es wird dann noch ein feiner Song mit Bläsern und einer etwas gebremsten Gitarre. Verlässlich versorgt uns die Schwedin mit Folk-Pop der galanten Art. Seit mehr als 25 Jahren.

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Noch mehr Rock

Oh, was passiert denn hier? STRÖM passieren. Zdravko Zismond passiert. Diesen Namen sollte man sich merken. Oder besser: So oft wie nur möglich hören. Ein Shouter erster Klasse. In einer Starkström-Truppe, die jetzt ihr, man glaubt es kaum, Debüt „Ström“ (Black Lodge) auspackt. Harter Rock, dem man die glanzvollen, nicht nur australischen Vorgänger – da kommt ihr gleich selbst drauf – anhört. Der aber ungerührt, explosiv und wüst daherballert.

Elektronisch tröpfelnde, minimalistische, heavy, verzerrte und enorm beängstigende Beschwörungen – dafür stehen OVO. Man möchte bald sagen – seit Ewigkeiten. Das Duo Stefania Pedretti und Bruno Dorella inszeniert mit Drums, Gitarren und dämonenhaftem Raunen ein erschreckend abgründiges Film-Theater auf seiner aktuellen Veröffentlichung „Ignoto“ (Artoffact/Cargo). Extrem. Eine irgendwie jenseitige Provokation.

Hier gibt es schmerzhaft knarzend mächtig was auf die Löffel. Verantwortlich für etwaige Schäden der Hörorgane zeichnen Daufodt aus Südnorwegen. Der Vierer hat seine Platte zwar „Aromaterapi“ (Fysisk Format) genannt. Aber wie gesagt: Der schwer enthemmte, zerstörerisch ausfransende Punk mit Sängerin Annika zielt auf etwas anderes ab.

Gern nehmen sie den Faden auf und verstricken sich sozusagen sofort in den Sounds, die Rock und Pop bereithalten – die Kill Strings. „Limbo“ (Inside Job/MNRK/SPV) ist daher Abwechslung pur. Denn das Duo Lee und David kann feisten Grunge, alternativen Elektro, verlorene Stimmungen, ruppigen Blues und dergleichen mehr. Gitarre und Schlagzeug. Wieder mal? Ausdrücklich: Ja. Warum nicht! Ein, sagen wir es, Killer-Debüt.

So lange hat sie allerdings nie vergessen, den Zustand der Herzen zu erfragen. Was wäre wenn? Wenn dieses und jenes geschieht? Aus diesen Überlegungen macht Sophie mal einen Folksong daraus, der an einen vergangenen Sommer erinnert. Mal wird einen schleppenden Tanz zu einigen Streichern. Dann wird sie schneller – und das Herz rast. Vor Freude.

Verträumt: Cristóvam.

Verträumt: Cristóvam.

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Ist es ein gutes Zeichen, wenn man sich daran freut, dass der Vollmond sich dort droben in aller Pracht zeigt? Für Cristóvam schon. Zumal, wenn er die Liebste vor die Tür ruft, um mit ihr mal hochzuschauen. Der Portugiese verlässt sich auf "Songs On A Wire" (V2 Recordings) ganz auf sein Gefühl. Und liegt mit dem leichten Shuffle in den Rocksongs und reizend ausgeschmücktem Indie-Folk genau richtig.

Alternativen

Es war an der Zeit, eine zweite, dabei endgültige Kooperation von Vater und Sohn fertigzustellen. Steve Howe, der hoch vermögende Gitarrist der Progressive-Rock-Helden Yes, und sein Sohn Virgil, der als Schlagzeuger beispielsweise bei Little Barrie stilistisch so manche freie Form pflegte.

Steve Howe fühlte sich in die nachgelassenen Einfälle von Virgil ein, der 2017 im Alter von 41 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben war. Und entwickelte sie zum Album Virgil & Steve Howe „Lunar Mist“ (Inside Out Music/Sony). Postumer Progressive-Mood mit vielen anderen Genre-Bezügen.

Es ist wie die Formen des Liebe, die Banco del Mutuo Soccorso beschreiben: Die Progressive-Pioniere aus Rom greifen gleich nach der ganzen Palette an Ausdrucksmitteln: BMS laden auf „Orlando: Le Forme dell’Amore“ (Inside Out Music/Sony) zu einem vorzüglichen Reigen, in dem Volksliedhaftes, Barockes, Jazz, Rock und mehr zusammenfinden.

Purer, soll heißen unmittelbarer, ehrlicher und zugänglicher bekommt man Todd Snider nicht. Denn „Live: The Return Of The Storyteller“ (Aimless Records/Thirty Tigers/Membran) ist nicht weniger als das Ton gewordene Porträt eines Songwriters, den man, wenn man aufmerksam war, seit den neunziger Jahren nicht aus den Augen gelassen hatte. Dem die Freude darüber anzumerken ist, dass er nach enormen Corona-Einschränkungen endlich wieder auftreten kann. Befreiende Momente aus kleinen Clubs.

Ein Vierteljahrhundert schon bezaubert Beth Orton mit ihren wundersamen, vielgestaltigen und an Wendungen reichen Platten. Nun legt sie „Weather Alive“ (Partisan!) vor. Hier ist es nicht viel anders. Die Songwriterin aus Norfolk gleitet durch atmosphärische Stücke wie ein Albatros durch die Lüft, sie lässt Jazziges etwas zappeln, bleibt dem Fluss ihrer Songs ebenso gewogen wie dem einen oder anderen experimentellen elektronischen Ansatz.

Wenngleich die jüngsten Songs, wie die vieler Kollegen, während der Pandemie erst langsam wachsen konnten. Doch wir reden hier nicht über Verdruss, sondern über ein kleines Juwel, das in Kooperation mit Tim Hart, dem Sänger von Boy & Bear, entstand.

Verblüffend: Tamino.

Verblüffend: Tamino.

Mit großer akustischer Anmut stellen sich die Stücke ein, die Tamino für seine jüngste Platte "Sahar" (Communion Records/Virgin Music) verfasst hat. Ein Hauch von Flöten, Streichern und Perkussion. Tamino zupft nicht nur die Gitarre. Sondern der Enkel des berühmten ägyptischen Filmstars und Sängers Muharram Fouad greift zur Oud, der arabischen Laute.

Im Konzert

Es darf auch schon mal das Grand Piano sein, das Will And The People für ihre Songs auffahren. Der Vierer aus Brighton pflegt zwar auf „Past The Point Of No Return“ (Smol Records) ausgiebig eine grüblerische Ader, lässt urplötzlich Lärm in eine Ballade hineinplatzen. Die akustische Klampfe stellen sie neben Zappel-Beats. Oder Chöre neben die Wut-Gitarre. Es wird gepfiffen – auf manches, das einem die Stimmung, die Lust aufs Leben verleidet. Indie-Rock voller Farben ohne Scheu vor Pop, den Gorillaz und anderen. Berlin-Konzert am 26. September um 20 Uhr im Privatclub.

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Tamino, geboren in Belgien, vermählt Ost und West in seinen bedächtigen, bisweilen gedämpft in Moll tönenden musikalischen Erzählungen. Melodieführung und seine hohe Stimme bringen ihn ganz verblüffend in die Nähe von Thom Yorke von Radiohead oder den vorsichtig frohen Ron Sexsmith aus Kanada. Opulent.

Sehnsüchtig, manchmal: Nikki Lane.

Sehnsüchtig, manchmal: Nikki Lane.

Nachdem Nikki Lane mit einigen Künstlern, darunter Brent Cobb oder Lana Del Rey, kooperiert hatte, denkt sie endlich mal wieder an sich und bringt "Denim & Diamonds" (New West/Bertus) heraus. Mit handverlesenen wie ausgezeichneten Begleitern rockt sie drauf los wie in den Südstaaten. Nach wie vor hat sie dieses weite Herz für Country. Manchmal fällt ein Lied dann ganz schlicht aus, wird deswegen aber nicht minder berückend.

Verwegen: Dr. John.

Verwegen: Dr. John.

Unnachahmlich. Wie dieser Dr. John die Verse seiner Songs singt, zerkaut, dehnt, rollt und am Piano sitzend in die Öffentlichkeit entlässt: "Things Happen This Way" (Rounder/Concord/Universal). Es geschieht einfach so. Wie das letzte Album des Klang-Magiers aus New Orleans, der wilde Country mochte und hier noch einmal zelebriert. Und der zeitlebens so viele Genres prächtig wie unverhofft miteinander verwob. Und hier Willie Nelson, dessen Sohn Lukas und The Promise Of The Real und Aaron Neville für die Aufnahmen versammeln konnte. Eben erst hatten sich Matthis Pascaud und Hugh Coltman vor dem Meister (1941-2019) verneigt. Nun meldet er sich noch einmal selbst.

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