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MAZ-Musiktipp

Neues von den Staples Jr. Singers, Del McClinton und Beady Belle

A.R.C. Brown (63), Annie Brown Caldwell (62) und Edward Brown (64) sind The Staples Jr. Singers. Aufgenommen vor ihrem Haus in Aberdeen, Mississippi.

A.R.C. Brown (63), Annie Brown Caldwell (62) und Edward Brown (64) sind The Staples Jr. Singers. Aufgenommen vor ihrem Haus in Aberdeen, Mississippi.

Potsdam.Man könnte es gut und gern das Fundstück der Woche nennen: The Staples Jr. Singers "When Do We Get Paid" (Luaka Bop/Indigo). Eine Rarität. Ein Dokument. Eine Offenbarung. Nur wenige Exemplare der 1975 veröffentlichten Platte, damals von den Musikern im Teenager-Alter auf Konzerten verkauft, haben die Zeit überdauert. Ihre voller Seele dargebotenen Gospel-Songs bezeugen die Kämpfe der schwarzen Community wie die fortgesetzte Armut oder die Rückschläge der Bürgerbewegung nach Abschaffung der Rassentrennung. Die allerdings häufig nur auf dem Papier existierte. Die The Staples Jr. Singers, deren Name auf die großen Vorbilder verweist, schildern die Härten des Lebens und sind zugleich Botschafter einer Kraft, die so oft aus dem Zusammenhalt der Familie und ihrem Glauben erwuchs.

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Noch mehr Rock

Diese Lzzy Halestorm wieder. Sie schreit, brüllt und warnt: Sag niemals Engel zu mir! Sonst setzt es was. Einen Satz ganz heißer Ohren. Mindestens. Halestorm, der straff rockende Vierer aus Pennsylvenia, wühlt und wütet auf seiner jüngsten Scheibe „Back From The Dead“ (Atlantic Records). Angriffslustig, angepisst und druckvoll. Vornehme Zurückhaltung steht daher eher selten zur Debatte.

Na ja. Wiegenlieder für ganz viele Mitmenschen sind es gerade nicht, die Zinny Zan da „Lullybies For The Masses“ (Wild Kingdom /Rough Trade) anstimmen. Obwohl, die Hardrocker aus Schweden mit Metal-Ansätzen packen auch mal eine waschechte Ballade wie „Heal The Pain“ aus. Ist danach alles gut? Nein, denn die Band um Zinny Zan, einst Vorsteher der Glam-Metaller Shotgun Messiah, sorgen dafür, dass niemand einnickt.

Garstige Nachrichten von der Ostküste: Die Brutal-Böller Misery Index aus Baltimore ballern auf „Complete Control“ (Century Media Records/Sony) alles aus ihrem Weg, was hinderlich ist. Mit einem todesmetallischen Riff-Gewitter, monströsen Dresch-Attacken und manchen Wendungen. Offen für andere Härtegrade, Tempoverschärfungen und, ja, Atmosphäre.

Endlich sind ihre Lieder wieder zu haben. Noch immer spielen R.C und Edward an Wochenende in Kirchen – mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Sogar einige Auftritte der Gruppe sind geplant. Früher im Jahr hatten bereits Aufnahmen von Son House für Aufsehen gesorgt. Sie stammten aus dem Jahr 1964 und hatten lange in einem Regal geschlummert, bis Dan Auerbach von den Black Keys sie zugänglich machen durfte.

Blick in den Rückspiegel mit Schmackes: Del McClinton.

Blick in den Rückspiegel mit Schmackes: Del McClinton.

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Nach mehr als sechs arbeitsreichen Jahrzehnten gestattet sich Delbert McClinton einen ausführlichen, stets liebevollen und wertschätzenden Blick auf jene Musik, die den Texaner dermaßen anzog, dass der inzwischen 81-Jährige zeitlebens auf der Bühne stand. Auf "Outdated Emotion" (Hot Shot Records/Thirty Tigers/Membran) frischt er mit vorzüglichen Begleitern seine Erinnerungen an Ray Charles, Hank Williams oder Jimmy Reed auf. Liebt Stile und Abwechslung. Von sagenhaften Saxofon-Soli, Hammer-Piano und Damen-Chören in den Rock 'n' Roll-Stücken hin zum Western Swing mit singender Steel-Gitarre und Fiedel oder immer wieder Country und Blues. Del, der Mundharmonika-Spieler, hatte einst mit Band Größen wie Howlin' Wolf oder Bobby Blue Bland wie auf der Bühne unterstützt.

Auf der Suche nach Alternativen

Orgel und Gospel. Trompete und Jazz. Musikalische Sozialisation erfolgreich abgeschlossen? Mitnichten. Oder in Teilen. Schließlich nimmt Bobby Sparks II auf der Doppel-CD „Paranoia“ (Leopard/Broken Silence) den Jazz und das, was er in seinen Ausformungen und Einflüssen so mit den Menschen anstellt, unter die Lupe. Zum Einstand und zwischendurch werden einige Säulenheilige benannt. Dann gibt es kein Halten mehr für den furiosen Ritt bei dem alles Fusion ist – aus Jazz, Rock oder Funk. Die wilde Fahrt geht aber nicht ohne versierte Gäste los. Verteilt über fast zweieinhalb Stunden geben sich Vokalisten wie Instrumentalisten die Klinke unter Bobby Sparks Führung in die Hand. Aufgeboten werden Lizz Wright, John Scofield oder Mike Stern. Alle Teil der Sparks-Familie. Doch es gibt noch mehr Mitglieder und so einige Überraschungen.

Ob man direkt vor der Bühne steht oder das Autoradio läuft – so mancher Moment lässt einen innehalten. Weil er das Herz wärmt oder die Gedanken in Gang bringt. Leif Vollebekk weiß um diese Wirkung. Der Kanadier bietet auf dem Kurzalbum „New Waves – Live Recordings ´19-21“ (Eigenverlag) einige flirrende, fließende Stücke in einem erlesenen Schwebezustand an. In guter Gesellschaft mit Árný Margrét. Diese junge Frau aus dem Nordwesten Islands nimmt dich einfach gefangen. Mit den berückenden Liedern von „Intertwined“ (One Little Independend Records). Mit einem nachdenklichen, doch gewinnenden Gestus erzählt Árný Margrét von sich. Von dem, was ihr guttut und von dem, was sie im Inneren verletzt. Dabei kann sie ganz auf ihre bewegende zarte Stimme und ihr behutsames Gitarrenspiel verlassen. Bis auf ganz wenig Ausschmückung. Dass sie sich einem Country-Song wie „Tall Buildings“ von John Hartford zuwendet, spricht für sich. Ein Versprechen auf mehr. Berlin-Konzert von Leif Vollebekk und Árný Margrét am 17. Mai um 20 Uhr im Frannz Club.

Sie nehmen sich – seit bald 20 Jahren – die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie mögen: Beady Belle „Nothing But The Truth“ (Jazzland Recordings). Die Formation aus Norwegen mit der famosen Frontfrau Beate S. Lech tummelt sich, angeführt von ihrer besonderen Soulstimme, im modernen R&B. Unterfüttert mit HipHop-Beats und futuristischen Keyboard-Sounds. Fühlt sich wohl bei blubberndem Club-Klängen, bei britzelnden Elektro-Minimalismen, erzählten Hörspiel-Abschnitten über die Liebe und darüber, wie sie zu gewinnen ist, und bei jazzy und funky Exkursionen. Berlin-Konzert bei der Norwegian Jazz Night am 28. Mai um 19.30 Uhr in der Emmauskirche.

Sie sind mit Spreewasser getauft – die Mitglieder von Footprint Project. Zehn Leute, die sich ihre musikalisch unabhängig agieren. Ihr erstes Album kam übrigens durch Crowfunding zustande. Nahezu unbegrenzte Bezüge lassen sich ebenso auf der aktuelle Platte „Garden Of Opinions“ (Flowfish Records/Broken Silence) ablesen. Zuerst einmal – sie haben es mit dem Blech. Viel Blech sogar. Posaunen und mehr. Dann haben sie es mit den Beats. Sogar mit Beatboxing. In jedem Fall Arbeit mit den Lippen, Arbeit mit dem Mund. Vom Singen mal abgesehen. Die Berliner Großformation umarmt die Welt. Bewegt sich zwischen Neosoul, Jazz-Ausflügen, organischem Hip Hop, Reggae, der auch Cumbia sein könnte, Funk und Rhythmen aus Brasilien. Berlin-Konzert am 18. Mai um 20 Uhr im Gretchen.

Dass der Grammy-Preisträger Del McClinton seit Jahren für Kollegen wie Emmylou Harris, Vince Gill oder Martina McBride ein gefragter Autor ist, gehört ebenfalls zur etwas umfänglicheren Beschreibung seines Berufslebens.

Immer auf Tuchfühlung: 49 Winchester.

Immer auf Tuchfühlung: 49 Winchester.

Glück winkt dem Mutigen. Heißt es. Was auf die Anfänge von 49 Winchester ganz sicher gilt. Denn der Sechser aus dem 2000-Seelen-Nest Castlewood, einem Bergarbeiterstädtchen in den Appalachen. hält es simpel, eingängig, aber unmittelbar.

Eine Deutschstunde

Die lässigen wie wortreichen Indie-Rocker aus Berlin besichtigen ihre Stadt, beschreiben ebenfalls die fernere Umgebung und denken nach über sich: SIND gehen auf ihrer neuesten Scheibe „Kino Kosmos“ (Eigenverlag) also ins Kino. Die Ortskundigen wissen, dieses architektonische Kleinod im Friedrichshain dient längst nicht mehr diesem Zweck. Auch nach Templin geht die Fahrt. In der schwarzen Limousine. Die Angie ist auf dem Weg dorthin. SIND bleiben stets zugänglich. Und bieten so einiges zum Kopf einschalten. Im Stück „Deine Likes“ finden sie beispielsweise zu Zeilen wie: Komm einfach her und wärm mich auf. Darf man mal sagen, oder? Nähe tut gut. Und: Mit ihren Videos kann man viel Spaß haben.

So eine Reise in den Kopf einer Person, so eine Begleitung durchs die Strudel des Lebens, so ein Abenteuer muss man erst mal hinbekommen. Noth schaffen das auf ihrer Platte „Die Wahrheit über Arndt“ (Backseat/The Orchard). Linus Kleinlosen und Luis Schwamm sind die Ideenspender der Band aus Köln und Hamburg. Plus pointierte Bläser und Streicher. Gar nicht so selten für diese Milieu-Studie dürften der eigene Erfahrungshorizont der Musiker in den feinen Schilderungen über den 38 Jahre alten Arndt aufscheinen. Der Mitarbeiter eines Start Ups in Hannover (kann auch woanders sein) treibt sich nächtens herum oder träumt manches Mal in den Tag. Immer mal wieder setzt dann eine gewisse Ernüchterung ein. Dann raten Noth: Nimm die Arbeit nicht zu ernst! Und reimen Brause auf Pause. Hat was.

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Immer mit Herzblut zwischen Folk-Anteilen, Geradeaus-Rock und beseelten Country-Balladen. Immer nahbar. Immer auf Tuchfühlung mit seinem Publikum. Ein Gutteil dieser Spielauffassung ist noch immer in den Songs, die Isaac Gibson und Co. anstimmen, zu spüren. Wie jetzt wieder auf "Fortune Favors The Bold" (New West Records/Bertus).

Von Ralf Thürsam

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