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MAZ-Musiktipp

Neues von Walter Trout, Hudson Mohawke und SiX By SiX

Im Bluesrock ein Recke: Walter Trout.

Im Bluesrock ein Recke: Walter Trout.

Potsdam. Ja, er kann auch den schwerblütig stampfenden Einstieg, umringt von einer voluminös auftrumpfenden Band – Walter Trout. Im Bluesrock ist der 71-Jährige aus New Jersey eine Hausnummer. Und das nicht erst, seit er bei Canned Heat und danach bei John Mayall die Saiten glühen ließ. Ihm macht so schnell keiner was vor. Inzwischen lebt Trout in Dänemark. Dort musste er die Pandemie aussitzen. Doch wie viele andere Musiker verfiel der Gitarrist nicht in Untätigkeit. Im Gegenteil. Wie "Ride" (Provogue/Mascot/Rough Trade) zeigt.

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Noch mehr Rock

Zwei plus sechs ist gleich Spirit Adrift. Die Jungs aus Arizona lassen auf „20 Centuries Gone“ (Century Media/Sony) nicht so recht in die Karten schauen. Nur zwei Eigengewächse knallen sie eingangs raus. Ein stampfender Bückling vor Ronnie James Dio. Dann folgt der Schwenk zum Doom. Nicht länger spannen sie die werten Hörer dann auf die Folter. Denn sie liefern „Everything Dies“ von Type O Negative mit einer respektablen Version ab. Pantera und Metallica kommen zu einige Ehren. Kaum zu glauben: Nach Thin Lizzy reiten Spirit Adrift in die Südstaaten und greifen sich Stücke von ZZ Top und Lynyrd Skynyrd. Hat was. Einen stilistischen Fingerzeig auf die künftige Platte sucht man wohl vergebens.

Die ballern stur geradeaus, ballern alles aus ihrem Weg, ballern, weil es sie es so schön und überaus schmerzhaft können. Orthodox lassen sich auf „Learning To Dissolve“ (Century Media/Sony) durch nichts und niemanden erschüttern. Im Gegenteil: Der Vierer aus Nashville ist selbst eine einzige kompromisslose Erschütterung. Aus Metal und Hardcore. Gern auch mit nervösen und tiefer gelegten Gitarren. Und rüttelt das Quartett alle anderen durch.

Eine Spieluhr und lassen da nicht Clowns ihr hämisches Lachen hören? Jawohl. Und dann entbieten Five Finger Death Punch ihren Zuhörern erneut ein „Welcome To The Circus“. Denn das Leben ist heftig – und trampelt manchen nieder. Die Band aus Las Vegas machen auf „AfterLife“ (Better Noise Music) einiges anders. Manches, nicht alles ist ruhiger. Außer akustischen Gitarrenparts und Geräuschen gibt es Beats und Elektronik – und selbstverständlich das erwartbare muskelbepackte Metal-Gewitter.

Was I Prevail da an modernen Metal-Geschützen auf „True Power“ (Fearless) in Stellung bringen, könnte einen dystopischen Ego-Shooter untermalen. Hektische Handlung - brutale Aktion. Die Formation aus Michigan beherrscht den Spannungsaufbau – bis zur geballten Entladung. Und wenn es erst einmal geknallt hat, dann folgt eine noch größere Explosion.

Mit dem Thema Überleben ist Trout ja hinlänglich vertraut. Vor einigen Jahren hat er eine Lebertransplantation überstanden. Und kehrte mit fabelhaften Platten zurück. Wie sich auf seiner 30. Solo-Platte erneut zeigt. Ein fabelhafter Ritt. Selbst wenn Walter Trout mal in den Schongang schaltet – die Balladen krönt er mit seinem vitalen wie feinnervigen Spiel. Berlin-Termin am 16. Oktober um 20 Uhr im Kesselhaus.

Ausgebuffter Sound-Tüftler: Hudson Mohawke.

Ausgebuffter Sound-Tüftler: Hudson Mohawke.

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Allen Warnungen von Gesundheitsaposteln zum Trotz: Bisweilen kann man diesen mit Zucker enorm aufgepumpten Getränken nicht widerstehen. Diese Süße. Dieser Kick. Zisch!!! Gefährlich und gut. Wie so viele Dinge, die das Leben bereit hält; nicht nur für die Clubgänger, die irgendwann am Morgen ausgepumpt, aber glücklich ins Tageslicht schwanken. Hudson Mohawke, der Mann, der sein Leben der Clubmusic verschrieben hat, kennt das. "Cry Sugar" (Warp/Rough Trade) heißt seine dritte Platte. Das Genie am Mixer lässt sich nicht beirren und fügt viele Dinge mit lockerer Hand zusammen. Bombastisches Piano, Disco-Chöre, wabernde Keyboards, Mickey-Mouse-Gesang, stumpfe und dezente Beats, eigentümliches Computer-Gebrabbel, Soul und Barock. Alles höchst beweglich.

Alternativen

Sara und Sean Watkins haben es geschafft. Mit ihrer Konzertreihe machten sie den Nachtclub Largo zu einer erstklassigen musikalischen Adresse in Los Angeles. Nicht nur, dass die beiden exzellente Musiker sind. Immer aufs Neue haben sie Stars zum Mittun herbeigelockt. Wie die Watkins Family Hour „Vol. 2“ (Family Hour Records/Thirty Tigers/Membran) mit ihren Studioaufnahmen zeigt. Als Freunde der Show sind diesmal neben Fiona Apple, Jackson Browne und Benmont Tench auch Willie Watson (ehedem bei Old Crow Medicine Show) und weitere Songwriter und Instrumentalisten dabei. Intim, variabel, ganz in Familie.

Das hört gar nicht mehr auf: Die Silversun Pickups gleiten auf „Physical Thrills“ (New Machine Recordings/ADA-Warner) von einem Song zum nächsten. Der Vierer aus Los Angeles hält alles im Fluss bei seinen Stücken, die aus Elementen und Phasen aus Pop, Shoegaze oder Indie-Rock bestehen. Fein miteinander verschränkt zu einem, beinahe nicht auflösbaren großen Ganzen. Und das hört sich gut an. Wobei Brian Aubert (Gesang und Gitarre) so gar nicht nach Plan verfuhr. Während der Pandemie ließ er sich treiben – bis sich mal wieder neue Lieder zeigten. Die zum Glück aber nicht nur Innenschau betreiben oder die Vereinsamung in dieser Zeit thematisierten.

Hudson Mohawke, der Mittdreißiger aus Glasgow, bleibt ein Klang-Bastler, der zwar zum Tanzen einlädt, zugleich aber ein eklektisches wie an Wendungen reiches Kopfkino erzeugt.

Exzellentes Rock-Trio: Six By Six

Exzellentes Rock-Trio: Six By Six

Hervorragend, wenn es Musiker immer wieder mal in den Fingern juckt. Sie jenseits ihrer bekannten Zusammenhänge etwas anderes ausprobieren. Wie jüngst Ian Crichton, Gitarrist bei Saga aus Kanada, Nigel Glockler, der bei Saxon die Felle bearbeitet, und Robert Berry, der singt, Bass spielt und Tasteninstrumente im Griff und mit Keith Emerson und Carl Palmer kooperiert hat. Ihr Zusammenschluss nennt sich SiX By SiX. Ihr Album haben die drei daher mal schlicht nach sich selbst betitelt "SiX By SiX" (Inside Out Music/Sony).

Deutschstunde

Die Welt ist noch viel größer, als du denkst. Ein Versprechen, dem jeder schon selbst auf den Grund gehen muss. Aber die Songwriterin Ronja Maltzahn macht, dafür Mut. Obwohl ihre neueste Platte ausgerechnet „Heimweh“ (Timezone/Broken Silence) heißt. Der musikalische Umkreis von Ronja Maltzahn ist viel, größer als man denkt. Sie spielt Ukulee, Cello, Piano und noch mehr. Viel auf Reisen hat sie sich umgesehen und mit dem Bluebird Orchestra feine Klanglandschaften gewirkt. Nun gibt es von ihr diese zauberhaften, Glücksmomente bescherenden poetischen Hymnen, die Nachdenklichkeit nicht verhehlen, aus Pop – auch dem kammermusikalischen – und Material, das Chansons ähnelt, geformt sind.

Sinnfrei, dieser Sechser aus Düsseldorf, sinnt über die „Erotik des Zerfalls“ (Dackelton/Broken Silence) nach. Zumindest lautet so der Titel ihrer aktuellen Scheibe. Nach dem Motto: Du hast keine Zeit, also nutzte sie. Daher hüpft Band schwungvoll los mit Ska, etwas Punk und Rock. Es geht mitten hinein ins pralle Leben. Oder soll wenigstens anregend dorthin führen. Ergo: Man muss ja nicht bis zum absehbaren Wärmetod der Erde warten.

Schorl3, das Trio aus Hamburg, darf mit „Piguine sind auch nur Pandavögel“ (Schorl3/Neubau Music Publishing/Edition Alpheaus Wrks) schon mal als einer der Anwärter auf den originellsten Albumtitel des Jahres gelten. Der Troubadour LMO und die Produzenten Hans und Hans pflegen den Schalk in ihren Texten. Sie sind weder gekommen, um sich zu beschweren noch, um zu bleiben. Dafür dreht sich die Welt zu schnell. Und Schorl3 drehen mit. Wie gesagt nicht ohne Hintersinn. Beschleunigen ihren Sound auf eine ansprechende Beats-pro-Minute-Rate, damit zu ihrem verzückendem Amalgam aus Pop, Disko und Funk das Tanzfieber ausbricht. Schaffen die!

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Also, was haben wir? Zwei gestandene Vertreter aus dem Prog. Einen aus der metallischen Zunft. Ohne Frage, SiX By Six offenbaren ihre instrumentalen Skills. Gestalten – ihre Herkunft nie verwischend – einen erstaunlich offenen, bisweilen sogar dreckig pumpenden, geschwinden Rocksound. Ein knackiges Debüt, dem man schon jetzt einen ebenso anregenden Nachfolger wünscht.

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