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Literatur

MAZ-Redakteur Lars Sittig hat einen humorvollen Roman geschrieben

2005 wurde das Dorf Horno abgebaggert.                                                              

2005 wurde das Dorf Horno abgebaggert.

Potsdam. Alle Achtung! Neben seinem Beruf als MAZ-Sportredakteur hat Lars Sittig über Jahre am Feierabend einen Roman geschrieben. Er heißt „Das Dorf oder Autonomie für Anfänger“. Da seine Geschichte gleich mehrere irrwitzige Volten schlägt und dem Erzähler darin amüsante Metapher gelingen, war der Eulenspiegel-Verlag auf Anhieb begeistert.

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Manfred Reichmann, ein pensionierter Lehrer, steigt im Laufe der Handlung immer mal wieder auf den Gramberg, das ist der Hausberg des Mini-Dorfes Klein Krams. Hier oben kann er tief durchatmen, denn auf seine alten Tage hat er noch einmal alles auf eine Karte gesetzt, damit ihm nicht der Boden nicht unter den Füßen weggezogen wird. Aus dem Dorfbürgermeister ist über Nacht der Präsident der autonomen Republik Klein Krams geworden. Und die ist weltberühmt, weil sie Europa und der Bundesrepublik Deutschland tapfer die Stirn bietet. In der letzten Szene des Buches steht Reichmann auf dem Gramberg – „ein Lächeln im Gesicht, breit wie die Kante des Tagebaues“.

Dabei ist das, was die Bewohner des ostdeutschen Dorfes erleben, alles andere als lustig. Ihr Dorf soll abgebaggert werden. Vom Gramberg aus sieht man, wie bedrohlich weit sich die Tagebau-Förderbrücke schon an die Idylle herangearbeitet hat. Da unterläuft der Brüsseler Bürokratie ein kapitaler Fehler. Das Ansinnen der letzten vier Klein Kramser, für ihr Dorf den Autonomiestatus zu erlangen, wird positiv beschieden.

Diese launige Idee kam Lars Sittig schon 1998 an seinem 25. Geburtstag. Damals spann er mit Freunden, wie das denn wäre, ganz auf sich gestellt zu leben. Als er 30 Jahre alt war, verfolgte er fasziniert die Vorgänge um Horno. Die Blicke richteten sich damals auf das kleine Lausitzdorf, das der Braunkohle weichen sollte, wogegen sich ebenfalls vier Einwohner stemmten, die bis zuletzt ihre Unterschrift verweigerten. 2004 wurden sie dann nach mehreren Gerichtsentscheidungen zwangsumgesiedelt.

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Das Motiv der Autonomie eines Ortes und einer Gemeinschaft erlebt seither immer wieder neue Ausschmückungen. Heute wollen viele Dörfer von den großen Energiekonzernen unabhängig werden. Auch die „Reichsbürger“ hängen dem Traum nach, nicht ganz von dieser Welt zu sein. Auf dem großen politischen Parkett machen Separatisten wie derzeit die Katalanen von sich Reden. „Brexit“ und „America First!“ setzen ebenfalls auf Abspaltung.

Lars Sittig besaß dafür eine Vorahnung, auch wenn er mit seinem Buch nicht übermäßig politisieren möchte. Ihm ging es darum, eine packende Geschichte zu erzählen, zu der natürlich Figuren gehören, die vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden. Neben Bürgermeister Manfred Reichmann und seiner Frau Johanna sind das die verlassenen Ehemänner Hans-Jürgen Brunsendorf und Holger Lorberg. Letzterer arbeitet wie Sittig bei einer Lokalzeitung. Und da in Klein Krams viel Heidelbeerschnaps getrunken wird, bleibt die Stimmung nicht nüchtern. In voller Montur tauchen plötzlich zwei Gesandte des Indianistik-Club Sitting Bull e.V. auf und eine liebenswerte Psychologin, die mit einer Umfrage über aktive Senioren betraut ist.

Mit der Übermacht der Europäischen Union und ihrer Machtzentrale in Brüssel ist aber nicht zu spaßen. Klein-Krams wird massiv eingemauert. Wer ein- und ausreisen will, „muss in einen engen Korridor treten, der zum Schalterfenster führt und an den Eingang eines schwer gesicherten Fußballstadions erinnert“. Vergleiche und Sprachbilder entlehnt Sittig mitunter der Welt des Sportjournalismus’. Einmal heißt es: „Der brillant und pointiert geschriebene Text schlug ein wie ein Rumpsteak in der Fastengruppe.“

Lars Sittig: Das Dorf oder Autonomie für Anfänger. Eulenspiegel Verlag, 204 Seiten, 12,99 Euro.

Von Karim Saab

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